Kommentar

Die Show muss weitergehen – und das ist richtig so

Wie weiter in der Schweizer Fussball- und Eishockeymeisterschaft? Die steigenden Coronazahlen sorgen für viele Fragen. Doch ein Unterbruch der Meisterschaften ist keine Option.

François Schmid Bechtel
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Am Donnerstag waren noch 1000 Zuschauer erlaubt. Am Wochenende gibt's in Bern bereits wieder Geisterspiele.

Am Donnerstag waren noch 1000 Zuschauer erlaubt. Am Wochenende gibt's in Bern bereits wieder Geisterspiele.

Marcel Bieri / KEYSTONE

Diese Woche in einem Sportstadion. Ein Ständerat nimmt einen Schluck aus der Colaflasche. Dann wendet er sich an den Klubpräsidenten und wettert gestenreich: «Jetzt müsst ihr endlich aufstehen. Wehrt euch! Alle zusammen. Sonst geht der Sport vor die Hunde. Einmal mehr wird nur allzu deutlich, dass ihr keine Lobby habt.»

François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Der Politiker geisselt, was kurz zuvor im Kanton Bern von Gesundheitsminister Pierre Alain Schnegg beschlossen worden ist: nur noch maximal 1000 Zuschauer im Stadion. Ausgerechnet Bern. Mit dem grossen SCB, dem Fussballmeister YB, den Hockeyklubs Biel und Langnau. Eine schwache Lobby dient in diesem Fall wohl nicht als Argument.

Trotzdem: Die Situation ist unübersichtlich und unbefriedigend. Ein Flickenteppich. Weil einzelne Kantone keine verschärften Massnahmen einführen und dort die Stadien weiterhin bis zu Zweidritteln der maximalen Kapazität gefüllt werden können. Andere Kantone wie Basel beschränken die Limite auf 1000 Zuschauer. Im Wallis und seit Samstag auch in Bern sind nur noch Geisterspiele erlaubt. Chancengleichheit sieht anders aus. Zugespitzt formuliert: Die kantonalen Behörden greifen in den Titelkampf ein.

Nicht nur der Flickenteppich in Sachen Zuschauerzahlen irritiert. Sondern auch, wie unterschiedlich die Kantone mit positiven Fällen umgehen. In Genf sind zwei Spieler positiv getestet worden. Trotzdem dürfen alle anderen Spielern weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. In Basel ist ein Spieler positiv – und die ganze Mannschaft muss für zehn Tage in Quarantäne. Das ist irritierend. Erst recht, weil im Schutzkonzept der Fussballliga etwas anderes vorgesehen ist. Nämlich, dass nur die positiv getesteten Spieler in Quarantäne müssen. Übrigens: Das Präsidium der Kantonsärzte und das Bundesamt für Gesundheit stuften das Konzept als gut ein.

Offenbar ist dieses Bekenntnis bereits Makulatur. Die Ligen hingegen stehen nun vor der Herausforderung, einen eh schon eng getakteten Spielkalender weiter zu verdichten, weil immer wieder Spiele verschoben werden müssen. Noch haben sie in dieser Sache etwas Luft. Aber wie lange? Noch gröber werden indes die existenziellen Probleme. Insbesondere dort, wo die Stadien mehrheitlich leer bleiben. Denn im Unterschied zu grösseren Ligen leben die Schweizer Profiklubs von den Einnahmen aus dem Spielbetrieb, weil die TV-Gelder vergleichsweise bescheiden sind. Im Fussball machen die Matcheinnahmen zwischen 35 bis 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Im Eishockey rechnen die Klubs mit Verlusten von gegen sieben Millionen Franken.

Um den Total-Crash zu verhindern, stehen die Klubs in der Verantwortung. Ein Hebel, um die Kosten zu senken, sind die Löhne. Nehmen wir den FC Basel. Für das Geschäftsjahr 2019 weist der Klub einen Verlust von knapp 20 Millionen Franken aus. Und obwohl kein Turnaround in Sicht ist, verpflichtet der FCB neue Grossverdiener (Kasami, Klose). Zwar sei die Mannschaft günstiger als letzte Saison, heisst es. Falls überhaupt, dann nur marginal. Der FCB geht in der Krise volles Risiko. Würde er das auch tun, wenn der Bund keine Darlehen ausschütten würde? Oder müssen wir uns damit abfinden, dass der Bund dem FCB in dieser Saison den Meistertitel finanziert? Es wäre immer noch das kleinere Übel, als den Stecker zu ziehen.

Die Profiklubs benötigen finanzielle Hilfe. Der Bundesrat wird diese wohl in den nächsten Wochen absegnen. Das garantiert zumindest, dass der Spielbetrieb notfalls auch ohne Zuschauer weitergeführt werden kann, so die kantonalen Behörden wollen.

Zurück zum Ständerat mit der Colaflasche. Das Spiel ist aus. Spielszenen werden besprochen. Spieler beurteilt, auch der Schiedsrichter. Infektionszahlen, Quarantäne, Kantonsärzte oder der Gesundheitsminister von Bern: alles ganz weit weg. Das ist die Kraft des Sports. Deshalb muss es weitergehen.