Die Schweizer Nationalmannschaft empfängt am Mittwoch Kroatien – trotz Shaqiris Coronafall

In St.Gallen empfängt die Schweiz am Mittwoch Kroatien. Xherdan Shaqiris positiver Coronafall und das Testspiel an sich sorgen für Irritationen.

Christian Brägger
Drucken
Teilen
Die Schweizer Nationalmannschaft absolviert das Abschlusstraining vor dem Kroatien-Test.

Die Schweizer Nationalmannschaft absolviert das Abschlusstraining vor dem Kroatien-Test.

Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

Es ist alles angerichtet, fein säuberlich getaktet. Am vergangenen Freitag verkündet Nationaltrainer Vladimir Petkovic, Xherdan Shaqiri kehre nach 16 Monaten Abwesenheit in die Nationalmannschaft zurück. Auch fügt der Trainer gleich an, dass sich dessen Zukunft im Klub bei Liverpool geklärt haben sollte bis zur Zusammenkunft am Montag:

«Ich hoffe, er wird den richtigen Entscheid treffen. Und macht einen Schritt nach vorne.»

Am Montagmittag rückt der Offensivspieler, natürlich maskiert, in St.Gallen ein. Er sieht ein paar neue Gesichter, begrüsst alte Bekannte, absolviert gut gelaunt eine Trainingseinheit mit dem Team, und er ist auf den Dienstagmorgen angekündigt, um vor dem Test gegen Kroatien neben Petkovic Rede und Antwort zu stehen.

SFV sucht Themenhoheit

Es geht dem Schweizer Fussballverband SFV auch darum, die hochgekochte Personalie schnellstmöglich abkühlen zu lassen, um für die weiteren Tage Ruhe und Fokus zu bewahren. Vor allem sucht der SFV Themenhoheit. Das zeigt sich noch mehr, als dieser am frühen Dienstagmorgen ein PR-Video mit Shaqiri von 85 Sekunden Länge verschickt, in welchem dieser sagt:

Xherdan Shaqiri

Xherdan Shaqiri

Bild: Keystone
«Ich freue mich riesig, wieder da zu sein. Es ist immer eine Herzensangelegenheit, in der Nati zu spielen.»

Um 10.39 Uhr erreicht die nächste Meldung des SFV die Medien. «Shaqiri ist positiv auf Covid-19 getestet.» Ausgerechnet der Kummerbube der Nationalmannschaft. Murphys Law.

Das alles hat natürlich Konsequenzen auf die unmittelbare Vorbereitung, auf die Partie vom Mittwoch gegen Kroatien in St.Gallen (ab 20.45 Uhr), die nicht wirklich gelegen kommt. Und auf die beiden Spiele in der Nations League in Spanien und Deutschland.

Was bedeutet der positive Coronatest?

Alle Teammitglieder müssen sich nach ihrem Eintreffen in der Ostschweiz einem Eingangstest auf Corona unterziehen, so will es die Uefa mit ihrem Return-to-Play-Protokoll. Am Dienstagmorgen sind die Resultate da, Shaqiri wird sofort nach dem positiven Befund in seinem Hotelzimmer isoliert, die anderen Tests sind negativ. Es finden Rücksprachen mit den Gesundheitsbehörden statt. An der gestrigen Pressekonferenz für das Freundschaftsspiel sagt Martin Maleck, der Nationalmannschaftsarzt:

Der Nationalmannschaftsarzt Martin Maleck.

Der Nationalmannschaftsarzt Martin Maleck.

Bild: Keystone
«Wir werden mit grösster Wahrscheinlichkeit gegen Kroatien spielen. Sobald klinische Symptome bei mehreren Personen auftreten, müsste man neu entscheiden.»

Es sein denn, die Uefa oder die kantonale Politik würden sich einschalten. Das tun sie nicht, sie geben grünes Licht.

Natürlich hat sich Shaqiri am Tag seiner Ankunft mit Mitspielern ausgetauscht – wie eng und wie lange, bleibt unklar. Ihr Leben in der Blase beinhaltet sowieso, nach strikten Hygieneregeln zu leben. Dazu gehört, dass die Schweizer im Nobelhotel in Abtwil in Einzelzimmern nächtigen. Und doch ist es mittlerweile an der Tagesordnung, dass in Sportteams Coronafälle auftreten.

So ist Admir Mehmedi die letzten Tage unter strenger Beobachtung, weil Renato Steffen, der Schweizer Teamgefährte bei Wolfsburg, im Vorfeld coronapositiv ist und absagen muss. Mehmedi wird in Deutschland mehrfach getestet, am Dienstag bekommt er die Erlaubnis, zur Nationalmannschaft zu reisen. In der Folge absolviert er am Nachmittag eine eigene Trainingseinheit – und ist bereit.

Auch nimmt die Schweizer Delegation aus Sicherheitsgründen am Mittwochmorgen einen zusätzlichen Test vor: Laut Uefa-Protokoll wären erst am Freitag (am Tag vor dem Spanien-Spiel) und dann am Montag (dem Tag vor der Deutschland-Partie) neue Proben nötig. 24 Stunden dauert es jeweils, bis Auswertungen da sind.

Wie geht es weiter mit Xherdan Shaqiri?

Über das Wochenende und bis am Montagabend warten alle darauf, dass Shaqiri einen neuen Arbeitgeber verkündet. Vergebens. Vielmehr verkündet der Linksfuss in besagtem SFV-Video: «Ich habe mich entschieden, beim FC Liverpool zu bleiben. Im Fussball gibt es immer Spekulationen. Die Medien schreiben viel, aber schlussendlich bin ich bei Liverpool. Ich habe einen langfristigen Vertrag und fühle mich auch wirklich wohl. Wir haben eine sehr gute Mannschaft und in Zukunft will ich dort wieder Fuss fassen und der Mannschaft helfen, wenn ich meine Einsatzzeit erhalte.»

«Ich glaube, die Nati kommt zu einem guten Zeitpunkt, um wieder spielen zu können und dann wieder angreifen zu können, wenn ich zurück nach Liverpool gehe.»

Shaqiri verdient beim englischen Meister 100'000 Franken in der Woche, der Vertrag läuft bis Sommer 2023. Ein Schelm, wer nun denkt, für Shaqiri habe es keinen geeigneten Abnehmer gegeben. Und es braucht schon viel Fantasie, um ihm bei Liverpool eine minim rosigere Zukunft zu malen. Aber für den Moment ist es wichtiger, dass Shaqiri symptomfrei ist, wie es heisst. Er wird nun zwei Wochen in einer Form der Isolation leben müssen, auch am 10. Oktober, wenn er seinen 29. Geburtstag feiert. Und er darf in dieser Zeit nicht nach England zurückreisen.

Ist das Spiel gegen Kroatien überhaupt nötig?

Remo Freuler, der mit Atalanta Bergamo national wie international viele Einsätze und keinen Kontakt zu Menschen ausserhalb des Teams pflegt, äussert Kritik am überladenen Spielplan mit drei Länderspielen innert sieben Tagen. Verbunden mit den vielen Reisen sei die Belastung schon gross, sagt der Schweizer:

Remo Freuler

Remo Freuler

Bild: Keystone
«Es wäre gerade in dieser Zeit nicht nötig gewesen, einen Test anzusetzen.»

Grundsätzlich hat hier der Verband keine Themenhoheit. Das Zeitfenster im Oktober lässt drei Länderspiele zu, wie jenes im November, das gegen Belgien ebenfalls mit einem Test beginnt. Ebendiese Partien gegen Kroatien und Belgien hätten im Rahmen eines freundschaftlichen Vierländerturniers in Katar Ende März stattfinden sollen.

Wegen Corona fiel jenes Format aus, die Antrittsgage des Wüstenstaates war hinfällig. Die Testgegner blieben bestehen, weil die Uefa dies der Agenda wegen und der Einfachheit halber empfahl, zumal sie alle Länderspiele ausserhalb von Endrunden zentral bis 2022 im Vierjahres- und danach im Sechsjahresturnus vermarktet. SFV-Generalsekretär Robert Breiter sagt:

«Würde ein einzelnes Spiel ausfallen, wären finanzielle Einbussen möglich, weil die Uefa ihren TV-Rechteinhabern nicht vollständig liefern könnte.»

Zahlen nennt Breiter keine. Aber falls in Europa ein Zeitfenster für Länderspiele komplett ausfiele, dürften der Uefa schätzungsweise 100 Millionen Euro TV-Gelder entgehen.

Was sagt Nationaltrainer Vladimir Petkovic?

Petkovic bleibt pragmatisch, will nicht gross über Corona reden, auch nicht darüber, dass der Test unwichtig sein könnte.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic.

Bild: Keystone
«Er ist nun mal da, das muss man akzeptieren. Und es schadet nicht, sich an drei Spiele in Serie zu gewöhnen.»

Das sagt er auch mit Blick auf die EM-Endrunde 2021 und deren Vorbereitung; bereits im kommenden März steht ein weiteres Fenster mit drei Länderspielen an.

Dem Nationaltrainer missfällt einzig die Stärke der Kroaten, weil am Samstag ja die wichtigere Nations-League-Partie in Madrid und am Dienstag jene in Köln anstehen. Und gerade die Kader der Spanier und Deutschen eine ungleich grössere Breite haben. Das zwingt Petkovic, am Mittwoch gegen die Kroaten zu dosieren und zu rotieren. Sechs Schweizer darf er während des Spiels tauschen, fünf spielen durch. Petkovic sagt:

«Einige Spieler, die nicht so viele Einsätze haben, werden gegen Kroatien eine Chance erhalten.»

Wie sehen die Kroaten die Begegnung?

Nationaltrainer Zlatko Dalic, mit Kroatien WM-Zweiter in Russland und Achter der Fifa-Weltrangliste, will den eher sanft begonnenen Umbruch vorantreiben. Da helfen seiner Mannschaft genau solche Tests. Zu lange hat sie von Ivan Rakitic oder Luka Modric gelebt.

Nun ist nur noch Modric da, er ist und bleibt der unbestrittene Leader, wird aber kaum im Kybunpark auf dem Platz stehen, auch weil für Dalic die nächsten Auftritte in der Nations League gegen Schweden und Frankreich zählen: Kroatien ist – wie die Schweiz – in seiner Gruppe der Topliga Letzter.

Welche Schweizer werden am Mittwoch Auslauf erhalten?

Von den Schweizern sind alle Anwesenden fit. Sogar Fabian Schär, der seinem Klub Newcastle nach einer Schulterverletzung zehn Wochen lang gefehlt hat und ausgerechnet am letzten Samstag erneut auf die operierte Stelle fällt. Der Innenverteidiger, der anstelle Shaqiris den Nationaltrainer an die Pressekonferenz begleitet, sagt:

Fabian Schär

Fabian Schär

Bild: Keystone
«Wir haben die Schulter mit der medizinischen Abteilung kontrolliert. Es ist alles ganz bei mir, nichts ist kaputtgegangen. Einzig die Schmerzen sind ein wenig da.»

Auch wenn der Test nicht allen in den Kram passt – für die zweite Garnitur, die selten im Schweinwerferlicht ist, stünde er unter einem guten Stern.

Mögliche Schweizer Aufstellung: Mvogo; Cömert, Schär, Benito; Xhaka; Lotomba, Fernandes, Freuler, Vargas; Itten, Gavranovic.

Mehr zum Thema