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Die Schweizer Eishockey-Goalies sind besser als ihr Ruf

Der Kampf um die Nummer 1 im Tor der Schweiz bei der WM ist offen. Nach dem Startsieg gegen die Slowakei lässt sich festhalten: Gauthier Descloux (22) ist gut genug, um Leonardo Genoni (31) herauszufordern.
Klaus Zaugg, Krefeld
Starker Rückhalt im Schweizer Tor: Gauthier Descloux. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Krefeld, 8. November 2018))

Starker Rückhalt im Schweizer Tor: Gauthier Descloux. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Krefeld, 8. November 2018))

«Was wird bloss aus uns, wenn wir keinen Leonardo Genoni mehr haben? Und zum ersten Mal seit 20 Jahren haben wir keine Torhüter in Nordamerika, auf die wir bei der WM zählen können. Die Schweiz hat ein Torhüterproblem!» Diese Klage ist in unserem Hockey inzwischen so oft zu hören wie im richtigen Leben das Jammern über die anhaltende Trockenheit.

Woher dieses Aufseufzen? Nun, die Titanen dominieren auch die Schlagzeilen. Der SC Bern verliert nach dieser Saison Leonardo Genoni (wechselt nach Zug) und allenthalben heisst es, nur ein Ausländer könne den WM-Silberhelden ersetzen. In Davos oben hat Arno Del Curto die Nerven verloren und Joren van Pottelberghe und Gilles Senn durch den Schweden Anders Lindbäck ersetzt. In Kloten holte Felix Hollenstein lieber einen österreichischen Nationalgoalie (Bernhard Starkbaum) als einem eigenen Nachwuchstalent zu vertrauen. Haben wir also ein Problem mit einheimischen Torhütern? Nein. Inzwischen zeigt sich, dass nicht alles gut ist, was aus dem Ausland kommt. Davos ist mit Lindbäck in die grösste Krise seit dem Wiederaufstieg von 1993 gerutscht und in Kloten steht inzwischen doch Andrin Seiffert (20) im Tor. Es gibt durchaus gute eidgenössische Goalies. Das Problem ist nur: Man muss sie kennen und ihnen eine Chance geben. Und ein bisschen langfristig denken.

Heute scheint es vergessen, wie grosse Torhüterkarrieren begonnen haben. Der grosse SCB hatte einst den Mut, jungen Goalies eine Chance zu geben. Renato Tosio kam 1987 von Absteiger Chur zum SCB. 2001 holte der damalige Sportchef Rolf Bachmann mit Marco Bührer ebenfalls einen Torhüter von Chur nach Bern. Beide waren talentiert, aber noch keine Titanen. Auch Genoni und Reto Berra sind nur WM-Silberhelden geworden, weil sie im Alter von 20 Jahren in Davos von Del Curto eine Chance bekommen haben. Zuvor hatte der HCD-Trainer auf Jonas Hiller gesetzt, zuvor in Lausanne nur die Nummer zwei.

Lukas Flüeler – ein gutes Beispiel

Wenn wir diese Beispiele auf die Gegenwart übertragen, dann müsste der SCB mit der Verpflichtung eines Genoni-Nachfolgers bis Saisonende warten: Steigen die Lakers ab, wäre Melvin Nyffeler der neue Renato Tosio oder Marco Bührer. Und eigentlich müsste Niklas Schlegel (24), die Nummer 2 bei den ZSC Lions mit auslaufendem Vertrag in Bern, Lugano und Davos ein Thema sein. «Wir sind am Markt», sagt sein Agent André Rufener. Er sei bereits von zwei der drei erwähnten Klubs kontaktiert worden. Ein gutes Beispiel für den langfristigen, erfolgreichen Aufbau eines Torhüters ist Lukas Flüeler, der heute (13.30, Sport 1) beim Deutschland-Cup gegen den Gastgeber das Tor hüten soll. ZSC-Sportchef Simon Schenk holte den Klotener nach einem Lehrjahr in Nordamerika 2007 nach Zürich, um ihn zum Nachfolger von Ari Sulander aufzubauen. «Er hat mir bei der Vertragsunterzeichnung zugesichert, dass ich drei Jahre Zeit habe. Es war für mich nicht schwierig, mich nach und nach an die NLA zu gewöhnen. Ich wusste ja, dass Ari Sulander immer noch da war.» Inzwischen haben die Zürcher mit Flüeler drei Titel geholt.

Der Deutschland-Cup liefert noch ein Beispiel, dass unsere Torhüter besser sind als ihr Ruf. Gauthier Descloux (22) hat in seinem ersten Länderspiel am Donnerstag beim Deutschland-Cup gegen die Slowakei den 3:2-Sieg festgehalten. Obwohl er praktisch mit dem ersten Schuss (unhaltbar abgelenkt) das 0:1 kassiert hatte. Nationaltrainer Patrick Fischer erwähnte explizit die «big saves» seines Torhüters. Des­cloux ist wahrscheinlich der beweglichste und reflexschnellste Torhüter der Liga. Aber Genfs Trainer Chris McSorley hat ihn bis 2022 unter Vertrag.

Der Deutschland-Cup zeigt: Es ist nicht einmal sicher, dass WM-Silberheld Leonardo Genoni bei der nächsten WM die Nummer 1 sein wird. Gauthier Des­cloux kann ihn herausfordern. Und Lukas Flüeler in Bestform ist so gut wie Leonardo Genoni. Der Kampf um die Nummer 1 bei der WM ist offen wie seit Jahren nicht mehr. Und warum nicht in einem der «Operetten-Länderspiele» im Dezember oder Februar Melvin Nyffeler probieren?

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