Sport und Ausbildung: Die Schweiz hinkt hinterher

Die Winteruniversiade 2021 in der Zentralschweiz strebt ein Vermächtnis an, das in der Schweiz besonders schwierig zu erreichen scheint.

Rainer Sommerhalder
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Grösste Schweizer Goldhoffnung: Skip Yannick Schwaller mit dem Curlingteam Bern Zähringer. (Bild: Urs Lindth/Freshfocus (Thun, 15. Februar 2019))

Grösste Schweizer Goldhoffnung: Skip Yannick Schwaller mit dem Curlingteam Bern Zähringer. (Bild: Urs Lindth/Freshfocus (Thun, 15. Februar 2019))

Diesen Samstag beginnt in Russland die 29. Winteruniversiade. 3000 Athletinnen und Athleten, die gleichzeitig ein Studium absolvieren, machen den Multisportanlass zum grössten Sporttreffen nach den Olympischen Spielen. Die Schweiz reist mit 100 Sportlern nach Krasnojarsk in Sibirien. Dieses Rekordaufgebot ist der Tatsache geschuldet, dass die nächste Winteruniversiade Ende Januar 2021 in der Zentralschweiz stattfindet. Die Schweiz ist erstmals seit 1962 (Villars) Gastgeber.

Politisch und organisatorisch liegt man auf Kurs. Die sechs Innerschweizer Kantone ziehen für einmal am gleichen Strick. Bei den Austragungsstätten setzt man auf bestehende Anlagen und damit – im Gegensatz zu Russland mit einem Budget von 800 Millionen Franken – auf die Karte Vernunft und Nachhaltigkeit. Doch wie soll das Vermächtnis der Schweizer Universiade aussehen?

Swiss Olympic hat reagiert

Der ehemalige Spitzenkanute Mike Kurt nennt das übergeordnete Ziel: «Wir wollen die Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium nachhaltig verbessern. Dafür braucht es mehr Akzeptanz für den dualen Weg von Universitäten wie von Sportverbänden.» Als Präsident von Swiss University Sports, dem Verband der Hochschulsportler, kennt er die Herausforderungen auf diesem Weg. Der Handlungsbedarf ist unbestritten. Fast die Hälfte aller Schweizer Olympiateilnehmer 2012 in London waren Studenten. Bei den Frauen betrug der Anteil gar 67 Prozent. Bei einer Befragung 2015 stellten die Athleten diesem dualen Weg ein schlechtes Zeugnis aus. 60 Prozent der studierenden Spitzensportler schätzten die allgemeine Unterstützung als mangelhaft oder schlecht ein.

Der Schweizer Dachverband Swiss Olympic hat reagiert und vor dreieinhalb Jahren ein gemeinsames Projekt mit Swiss University Sports ins Leben gerufen. Schritt für Schritt versucht man, die Akzeptanz in diesen beiden elitären Systemen zu verbessern. Im September 2017 verfassten Swiss Olympic und die Schweizer Universitäten eine gemeinsame Erklärung mit der Absicht, die Rahmenbedingungen für studierende Leistungssportler zu verbessern. Massnahmen wie Teilzeitstudien, Reduktion von Präsenzzeiten und das Angebot mehrerer Prüfungstermine stehen im Vordergrund. Einige Erfolge wurden bereits erzielt. So gibt es in vielen Hochschulen eine Koordinationsperson für Spitzensport und Studium, einige Universitäten haben Richtlinien zur Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium erlassen.

Doch noch immer hinkt die Schweiz im Vergleich mit den Nachbarn hinterher. Eine Kultur wie in den USA oder in Grossbritannien, wo sich ganze Universitäten einer Sportart verschreiben, bleibt ein unrealistisches Ziel. Möglichkeiten wie etwa in Deutschland, Frankreich oder Italien, wo die Hochschulstrukturen den Spitzensportlern ungleich mehr entgegenkommen als in der Schweiz, dienen vielmehr als Vorgabe.

Mehr Akzeptanz von den Sportverbänden

Mike Kurt sieht Handlungsbedarf nicht nur bei den Hochschulen, bei denen der Athlet zu oft vom Goodwill der Professoren abhängig ist und es zumeist «unglaublich viel Eigeninitiative der Sportler braucht». Kurt fordert auch von den Sportverbänden mehr Akzeptanz. «Die Möglichkeit eines Studiums sollte ein fixer Bestandteil auf dem Athletenweg sein. Trainer und Spitzensportverantwortliche in den Verbänden müssen unterstützen. Zu häufig raten sie ihren Athleten noch davon ab, weil mit einer dualen Karriere von allen Beteiligten viel komplexere Herausforderungen gemeistert werden müssen.» Man sieht darin das primäre Ziel des Sports, möglichst grosse Erfolge zu feiern, in Gefahr. Kurt appelliert an die Sportverbände, sich nicht von kurzfristigem Denken leiten zu lassen. «Athleten mit abgeschlossenem Studium sind für das Gesamtökosystem Sport interessant – sei es mit einem späteren Engagement als Funktionär oder auch als Führungskräfte in der Wirtschaft beim Thema Sponsoring. Sie geben dem Sport in vielen Fällen etwas zurück.»

Bereits in diesem Kreislauf drin ist Ruderolympiasieger Simon Niepmann. Der Basler ist seit August 2018 bei Swiss Olympic in der Abteilung Athleten- und Karrieresupport verantwortlich für den Bereich Spitzensport und Studium. Auch er ist während seines Studiums in Sportwissenschaften und Geografie angestanden. «Die Zeit an der Uni hat sich extrem in die Länge gezogen. Insgesamt dauerte es vom Einschreiben bis zum Masterabschluss zehn Jahre. Mit den heutigen Möglichkeiten liesse sich das um mindestens zwei Jahre verkürzen», sagt Niepmann.

Insgesamt sieht er heute eine deutliche grössere Akzeptanz für den dualen Weg. In seiner neuen Funktion berät er Sportler, sensibilisiert Verbände, unterstützt bei Hochschulen die Koordinatoren und setzt sich für flexible Lösungen in Studiengängen ein. Auch Niepmann sieht in der Universiade 2021 die Chance, nachhaltige Lösungen zu finden, «denn in der Schweiz haben wir beim dualen Weg zweifellos noch Aufholpotenzial». Diese Ansicht teilen auch die Spieler des Curlingteams Bern Zähringer, welches als grösste Schweizer Goldhoffnung an die Universiade reist. Die Equipe um den Solothurner Skip Yannick Schwaller hat sich auf Platz 15 in der Weltrangliste verbessert. Betriebswirtschaftsstudent Schwaller sagt zum dualen Weg: «Da muss noch mehr möglich sein. Gewisse Studiengänge sind als Leistungssportler nach wie vor nicht machbar.» So wäre ein Architekturstudium für den gelernten Hochbauzeichner ein Ding der Unmöglichkeit.

Je höher die Ziele im Sport, umso weniger liegen Kompromisse drin. Das junge Schweizer Team möchte 2022 in Peking um Olympiamedaillen spielen. Da kommt die Universiade als erste gemeinsame Meisterschaft auf Stufe Elite gerade recht. Schwaller: «Du kannst Olympische Spiele nirgends besser simulieren als an der Universiade.»