«Die Schweiz hat Olympia noch nicht verdient»

Der Schulleiter der nationalen Elite-Sportschule Mirko Spada sagt, warum mit wenigen Ausnahmen Schweizer Sportler im internationalen Vergleich nicht mehr mithalten können. Für Spada ist heute für viele die Flucht in die digitale Welt verlockender als hart zu trainieren.

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Mirko Spada hat Visionen. (Bild: Barbara Hettich)

Mirko Spada hat Visionen. (Bild: Barbara Hettich)

Wo sind die Schweizer Spitzensportler? Wo der Nachwuchs?

Mirko Spada: Es ist deprimierend, war aber voraussehbar. Den Grund sehe ich in unserem Wohlstand, wo alles möglich ist und alles oberflächlich ausprobiert werden kann, zudem hat die körperliche Fitness unserer Kinder leider in den vergangenen Jahren massiv abgenommen. Wir können ohne zusätzlichen Trainings-Mehraufwand in der Grundausbildung nicht mehr mithalten.

Warum ist dies so?

Spada: Heute wachsen die Kinder mit dem iPhone auf. Sie treffen sich nicht mehr auf dem Spiel- oder Sportplatz, sondern auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Die körperliche Bewegung kommt somit viel zu kurz. Wir erleben immer mehr Talente, die nicht mehr die gleichen körperlichen Voraussetzungen mit sich bringen, wie das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Dies belegen auch die Tests bei der Aushebung für den Militärdienst.

Früher sassen sie vor dem Fernseher, heute vor dem Computer?

Spada: Mit den neuen Medien werden die Kinder mit Reizen überflutet. Besorgniserregend ist, dass heute sehr viele Kinder unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden. In Zürich benötigen bereits 60 Prozent der Schulkinder pädagogische Hilfeleistungen. Dieser Trend ist gefährlich.

Sehen Sie das nicht zu dramatisch?

Spada: Wenn ich sehe, mit welchem Willen und Einsatz die Kinder aus Schwellenländern an die Weltspitze wollen, dann sehe ich schwarz für unsere Schweiz – nicht nur im Sport. Will man Anerkennung im richtigen Leben bekommen, muss man sich anstrengen und für sein Ziel schwitzen. Auf Facebook gibt es für einen coolen Spruch umgehend ein Lob. Die Flucht in die digitale Welt ist also verlockend, und wir ermöglichen dies den Kindern, wir machen es ihnen sehr einfach.

Was kann man dagegen tun?

Spada: Den Kindern, die noch Leistungswillen zeigen, sollten wir einen geschützten und gestalteten Raum anbieten, wo sie sich unter Gleichgesinnten für ihre Ziele einsetzen können. Eine Schule, wo die Schülerinnen und Schüler freiwillig auf Facebook und so verzichten, wäre das Idealste für Jugendliche, die viel lernen und trainieren wollen.

Gibt es Jugendliche, die das mitmachen?

Spada: Ich ziehe den Hut vor unseren Schülern in der NET in Kreuzlingen. Von 60 verzichten bereits 14 freiwillig auf Facebook oder haben keine Handys dabei. Es ist ihnen bewusst, dass der Tag nach wie vor nur 24 Stunden hat, nebst Schule und Training fehlt ganz einfach die Zeit noch ca. 500 SMS pro Woche zu beantworten. Sie lernen Prioritäten zu setzen.

In der Schweiz gibt es mittlerweile viele Sportschulen, begrüssen Sie diese Entwicklung?

Spada: Nein, denn vieler dieser Schulen sind normale Schulen, die lediglich den Besuch der Sporttrainings ermöglichen, dies ist für mich noch lange keine Sportschule. Wer Spitzensportler werden will, muss weit mehr gefördert und gefordert werden. Dies funktioniert sehr viel besser, wenn alle die gleichen Ziele vor Augen haben. In einer normalen Schule sind zudem die leistungswilligen Jugendlichen dem Einfluss ihrer weniger leistungswilligen Kameraden ausgesetzt. Dies wird meist von Schulleitern und Sportclub-Funktionären schön geredet – sie wollen die talentierten Kinder nicht hergeben.

Welche Rolle spielt das Elternhaus?

Spada: Viele Eltern haben verlernt, auf ihr Gefühl zu vertrauen. Viele haben Angst, ihre Kinder einem gewissen Leistungsdruck auszusetzen. Wer in der globalisierten Welt bestehen will, muss dem standhalten können. Das können die Kinder nicht üben, wenn die Eltern jeglichen Stress von ihnen fernhalten und verunsichert sind. Die Kinder können viel mehr leisten, als man denkt!

Haben Sie eine Vision für den Schweizer Spitzensport?

Spada: Statt der vielen Sportschulen sollte es nur wenige Leistungszentren in der Schweiz geben, in denen sich die besten Trainer um den talentierten Nachwuchs kümmern. Das braucht Geld, und das kann man nicht mit den 20 Millionen Franken finanzieren, die Swiss Olympic jährlich zur Verfügung stehen. Es gibt Sportclubs, die ein weit höheres Budget haben, um wenigstens Schweizer Meister zu werden.

Wo soll das Geld herkommen?

Spada: Die Schweiz bewirbt sich um die Olympischen Winterspiele 2022. Dies kostet Milliarden, die wir stattdessen besser gezielt und nachhaltig in unseren Nachwuchs investieren könnten. Nicht einmal beim Skifahren können wir mehr mithalten. Wer international noch mitmischen will, sucht sich im Ausland bessere Trainingsbedingungen. Wir sollten also Olympia anderen Ländern überlassen, die erfolgreich eine Leistungssport-Kultur pflegen. Wir haben Olympia noch nicht verdient.

Interview: Barbara Hettich