Analyse

Datenanalyse: Die Super League – eine Liga der Kreuzbandrisse

Eine exklusive Datenanalyse zeigt: In der Super League gab es seit 2011 deutlich mehr Kreuzbandrisse als in anderen Fussballligen Europas. Dafür sind die Schweizer Clubs geduldiger als andere, was die Rückkehr der Spieler angeht.

Ralf Streule
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YBs Sandro Lauper ist einer von zwölf Super-League-Spielern, die sich vergangene Saison das Kreuzband gerissen haben.

YBs Sandro Lauper ist einer von zwölf Super-League-Spielern, die sich vergangene Saison das Kreuzband gerissen haben.

(Bild: KEY; Bern, 25. Mai 2019

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Kreuzbandriss-Quote ist seit 2011 über viele europäische Ligen hinweg gestiegen.
  • In der Super League gab es in den vergangenen acht Saisons gleich 55 Kreuzbandrisse - die Quote pro Team ist damit weit höher als in anderen europäischen Ligen. Nur Österreichs Bundesliga hat einen noch höheren Wert.  
  • 12 Risse gab es in der Super League alleine in der vergangenen Saison
  • Etwa jeder 30. Fussballprofi reisst sich in seiner Karriere das Kreuzband.
  • Jeder 10. Profi, der sich das Kreuzband gerissen hat, erleidet einen zweiten Riss. Auffallend: Er tut dies mit einer Chance von fast 60 Prozent am zuvor unverletzten Knie.

Schon das Zuschauen schmerzt. Der Oberkörper des Fussballers dreht sich schnell ab, der belastete Fuss macht die Bewegung nicht mit, das Knie verdreht sich: «Plopp!». Ein Kreuzbandriss tönt wie ein leiser Peitschenknall, sagen betroffene Sportler. Meist reissen Kreuzbänder ohne Fremdeinwirkung – und meist ist es das vordere Kreuzband, das in solchen Situationen der Belastung nicht standhält. Besonders oft in Ballsportarten wie Handball – oder eben Fussball, wo die Gefahr gross ist, mit den Schuhen «hängenzubleiben».

Siebenmonatige Pausen sind die Regel, das schmerzt nicht nur den Spieler, sondern das ganze Teamgefüge – wie beim FC Thun derzeit besonders zu beobachten ist. Dennis Hediger, dessen Reha nach seinem Riss im Frühjahr schwierig verläuft, fehlt den Berner Oberländern an allen Ecken und Enden, seine Rückkehr ist offen. Seit Jahrzehnten wird im Spitzensport auf Präventionsarbeit gesetzt, spezifische Aufwärmprogramme bestehen seit langem. Dennoch haben Kreuzbandrisse im Fussball zugenommen, wie unsere exklusive Datenanalyse zeigt: In den vergangenen acht Saisons stieg die Anzahl an Kreuzbandrissen in europäischen Ligen stetig.

Kreuzband-Datenanalyse

In einer Datenanalyse haben wir Kreuzbandrisse im europäischen Fussball untersucht. Die Daten wurden von der Seite www.transfermarkt.ch extrahiert. Abgebildet sind die vergangenen acht Jahre, erst seit 2011 sind Verletzungen solide erfasst, wie Stichproben ergeben. Überprüft wurden die jeweils zwei höchsten Ligen von Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz, Deutschland, Belgien, Holland, England und Schottland. 36650 Spieler waren seither in diesen Ligen unter Vertrag. 1430 Risse bei 1291 Spielern gab es in dieser Zeit. Knapp jeder 30. Profi ist also zumindest einmal betroffen. (rst)

Wie wurden die Daten verarbeitet? Informationen zu Methodik und Quellcode finden Sie auf dieser Seite

Das Problem sei oft, dass die Präventionsprogramme ungenügend umgesetzt würden, sagt Lukas Weisskopf, orthopädischer Chirurg und Sportarzt in Basel. Der Kreuzbandriss-Experte hat einen Überblick über die Vielzahl zum Thema veröffentlichter Studien. Mehrere davon besagten:

«Mittels guter Prävention könnte die Zahl an Kreuzbandrissen um 50 Prozent gesenkt werden.»

Keine Auskunft beim FC Zürich, dem Meister der Kreuzbandrisse

Für den Schweizer Fussball zeichnet unsere Auswertung nicht das beste Bild. 55 Kreuzbandrisse gab es in der Super League in den vergangenen acht Saisons – womit man hinter Österreichs Bundesliga die Tabelle anführt. Besonders im Vergleich zu den grossen fünf Ligen in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und England ist der Riss-pro-Team-Wert in der Super League auffallend hoch. Luzerns Stefan Knezevic, St. Gallens Cedric Itten, YBs Sandro Lauper, Zürichs Adrian Winter: Das sind nur vier von zwölf Super-League-Spielern, die in der vergangenen Saison das Kreuzband gerissen haben.

Weshalb nur ist die Quote in der Schweiz so hoch? Die Frage geht zunächst an die medizinische Abteilung des FC Zürich. Das Team war in den vergangenen acht Saisons gleich zehnmal betroffen – was in den untersuchten Ligen Rekord bedeutet. Alles nur Zufall? Eine Anfrage beim FC Zürich bleibt erfolglos. Auf die hohe Quote möchte man bei der medizinischen Abteilung nicht eingehen – da eine genaue Erörterung schwierig sei.

Simon Storm (Bild: Manuel Nagel)

Simon Storm (Bild: Manuel Nagel)

Ein anderer, der vielleicht eine Antwort auf diese Frage hat, ist Simon Storm. Der Leiter Athletik und Physiotherapie des FC St.Gallen hatte in den vergangenen Monaten besonders oft mit Kreuzbandriss-Geplagten zu tun. Mit Musah Nuhu, Cedric Itten und Alain Wiss verletzten sich in der Saison 2018/19 gleich drei St.Galler Spieler – europaweit war der Ostschweizer Club damit vergangene Saison Spitzenreiter. Ihn überrasche die hohe Quote in der Super League, sagt Storm, und liefert gleichzeitig einen Erklärungsversuch. Die meisten medizinischen Abteilungen in der Super League seien zwar gut aufgestellt. Aber:

«Vielleicht ist die Risszahl in den grossen europäischen Ligen kleiner, weil dort die Spieler aufgrund der finanziellen Möglichkeiten medizinisch noch individueller betreut werden können
als in der Schweiz.»

Zudem könnten sich jene Clubs auch bereits in den Nachwuchsmannschaften grössere medizinische Teams leisten. Die gleiche Vermutung stellt Sportarzt Weisskopf an.

Die Häufung von Kreuzbandrissen in St. Gallen in der vergangenen Saison muss jedoch differenzierter betrachtet werden. Stets war es durch Fremdeinwirkung zu den Verletzungen gekommen – deshalb sei ein medizinischer Grund auszuschliessen, sagt Storm. Die Hausaufgaben habe man jedenfalls stets gemacht, der Prävention werde viel Zeit eingeräumt.

Die Unterscheidung «mit/ohne Fremdeinwirkung» wird in unserer Analyse nicht gemacht. Damit sind Rückschlüsse schwierig, ob die hohe Quote in der Schweiz und Österreich mit der körperlichen Verfassung der Spieler oder mit einer raueren Foul­kultur zusammenhängt. Da Studien zeigen, dass zwei von drei Kreuzbandrissen im Fussball ohne gegnerische Einwirkung passieren, dürfte ungenügende Prävention zumindest mitspielen. Immerhin: In der laufenden Super-League-Saison ist noch kein neuer Fall dazugekommen. Was einerseits die Statistik relativiert – andererseits aber darauf hindeutet, dass die Clubs in Sachen Prävention Fortschritte machen.

Super-League-Teams geben ihren Spielern immer mehr Zeit

Ein weiteres auffälliges Resultat der Datenanalyse: Die Gefahr, sich das Kreuzband ein zweites Mal zu reissen, ist sehr gross. Während «nur» etwa jeder 30. Profifussballer in seiner Karriere einen Kreuzbandriss erleidet, reisst sich jeder zehnte der Vorbelasteten das Kreuzband ein weiteres Mal. Interessanterweise ist dabei in über 60 Prozent der Fälle das bisher unverletzte Knie betroffen, was oft mit muskulären Dysbalancen zu tun hat, wie Weisskopf erklärt. Normierte «Return-to-Play»-Tests, mit welchen am Ende der Reha-Phase Parameter wie Balance und Kraft geprüft werden, geben gute Rückschlüsse, ob eine Rückkehr bereits angebracht ist oder nicht, sagt Weisskopf. Aber auch hier: «Nicht alle Clubs interpretieren sie gleich.»

Sich genügend Zeit lassen: Dies ist das grosse Thema bei Kreuzbandverletzten. Grundsätzlich hält sich bei Trainern und in den Medien die Faustregel, dass ein Riss rund sechs Monate Ausfallzeit nach sich zieht. Das ist ganz offensichtlich falsch, was auch Studien belegten, sagt Weisskopf. Es gelte die Regel:

«Jeder Monat, den man nach Ablauf
eines halben Jahres länger bis zur Wettkampfrückkehr wartet, senkt das Risiko einer weiteren Verletzung um
50 Prozent.»

Diese Regel scheinen die Schweizer Clubs zu berücksichtigen, wie unsere Daten zeigen. Die durchschnittliche Verletzungspause nach Kreuzbandrissen ist in der Super League von 203 Tagen im Jahr 2011 bis auf 259 in der vergangenen Saison gestiegen. «Etwas, das auch ich beobachte», sagt Storm. Man sei geduldiger geworden – im Wissen, dass eine zu schnelle Rückkehr Risiken berge.

Storm mahnt jedoch bei der Interpretation der Pausendauer zur Vorsicht. Je nachdem, ob ein Knie nebst dem Riss weiteren Schaden erlitt – oft sind es Meniskus- oder Knorpelschäden –, können die Pausen sehr stark divergieren. Dennoch zeigt sich die Tendenz, dass man man in der italienischen Serie A und der französischen Ligue 1 ungeduldiger ist. In keiner anderen der untersuchten Ligen werden Spieler früher zurück aufs Feld geschickt. Nach durchschnittlich 187 Tagen ist ein Serie-A-Spieler zurück auf dem Feld, in der Ligue 1 sogar nach 182 Tagen. Ist die Physiotherapie in Italien und Frankreich schlicht effektiver als anderswo? Oder ist man in diesen Ländern besonders ungeduldig? Ersteres schliesse er aus, sagt Weisskopf diplomatisch. Tatsächlich ist die Zweitriss-Quote in Italien leicht höher als im europäischen Schnitt.

Ein Spieler sticht bei der Untersuchung der Verletzungspause heraus: Josuha Guilavogui, Captain des VfL Wolfsburg, pausierte nach seinem Riss im Herbst 2018 nur 50 Tage. Dies, weil der Franzose «konservativ behandelt» wurde – das heisst: nicht operiert wurde. Was bei Nicht- oder Hobbysportlern öfters gemacht wird, ist im Profifussball selten. Die Gefahr besteht, dass das Knie dauerhaft instabil bleibt. In Guilavoguis Fall sieht es gut aus: Bisher hielt das Knie den Belastungen stand.

Rissquote bei jungen Spielern stieg seit 2009 ums Vierfache

Sicher ist: Ein Kreuzbandriss wirft Spieler immer zurück. Eine schnelle, erfolgreiche Rückkehr wie jene Ittens ist selten. In deutschen Studien wird die Quote an Spielern, die nach Kreuzbandrissen wieder auf ihr bisheriges Niveau kommen, auf 65 Prozent beziffert. Wobei die Chance einer Rückkehr bei jüngeren Spielern selbstredend grösser ist. Sorgen macht Weisskopf aber besonders, dass es in den Nachwuchsabteilungen verschiedener Sportarten immer öfter zu Kreuzbandrissen kommt, gleich um das Drei- bis Vierfache sei dieser Wert in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Zu hohe Intensität schon in jungen Jahren werde mit mehr Verletzungsanfälligkeit bezahlt.

Schliesslich: Was den Zeitpunkt der Kreuzbandrisse angeht, gibt es ebenfalls einen interessanten Effekt. Im August gibt es besonders viele Risse. Dies, weil die Intensität Anfang Saison im Wettkampf schnell wieder steigt, weil neue Spieler sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen müssen und weil in der Vorbereitung oft zu wenig Fokus auf Erholung gelegt wird, sagen Experten. Im April schliesslich scheint sich die lange Saison körperlich bemerkbar zu machen.