Die Schelte der Migrosverkäuferin: Als der FC St.Gallen in Wil 3:11 verlor

Das 3:11 in Wil ist ein Tiefpunkt in der Clubhistorie des FC St.Gallen. Der damalige St. Galler Spieler Patrick Winkler erinnert sich an die Niederlage am 3. November 2002. Am Tag nach der Schlappe sagte die Migrosverkäuferin zu Winkler: «Dass Sie sich noch getrauen, einkaufen zu gehen.»

Peter M. Birrer
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 Wils dreifacher Torschütze Yocouba Bamba (links), Patrick Winkler (Mitte) und Bruno Sutter.

Wils dreifacher Torschütze Yocouba Bamba (links), Patrick Winkler (Mitte) und Bruno Sutter.

Bild: Regina Kühne / Keystone (3. November 2002)

Die Fernsehbilder werden immer wieder hervorgekramt, sie sind ja wahrlich nicht alltäglich. Sie zeigen am Anfang zwei Herren mit Krawatten in Cüplilaune. Andreas Hafen, der Präsident des FC Wil, füllt zwei Gläser und prostet in der Loge Thomas Müller zu, dem Amtskollegen des FC St.Gallen.

Das Wetter ist schlecht, die Stimmung gut – und was sich an diesem 3. November 2002 zuträgt, denkwürdig.

Rekordkulisse in Wil

7300 Zuschauer füllen das Bergholz-Stadion bis auf den letzten Platz, und kaum läuft das Derby, führt der Gast. Tranquillo Barnetta flankt, eigentlich, aber daraus wird ein Torschuss. 1:0 für St.Gallen, alles irgendwie so wie erwartet.

Aber die Fortsetzung besteht aus lauter verrückten Kapiteln, und am Ende der Geschichte steht ein Resultat, das die Anzeigetafel überfordert: 11:3! Elf zu drei!

In 21 Minuten vom 0:1 zum 5:1

Der Reihe nach. 21 Minuten brauchen die Wiler, um aus dem 0:1 ein 5:1 zu machen. Umberto Romano, Yacouba Bamba, Naldo, wieder Bamba und Fabinho sorgen für Ekstase auf der einen und Entsetzen auf der anderen Seite. Alex Tachie-Mensah und Stefan Wolf lassen mit ihren Toren zum 2:5 und 3:5 noch einmal Hoffnung aufkeimen. Aber vor der Pause ist auch die dahin - Bamba trifft zum dritten Mal.

Ein Kübel fliegt durch die Kabine

In der Pause bemüht sich Thomas Staub trotzdem darum, Zuversicht zu verbreiten. Staub ist der Trainer, der Mitte September die Nachfolge von Gérard Castella angetreten und einen schweren Stand hat. Verteidiger Patrick Winkler findet nette Töne unangemessen. Fluchend und wutentbrannt kickt er einen Kübel mit Eis durch die Garderobe, es herrscht ganz dicke Luft. Erst recht zwischen Staub und Winkler.

Und dann das, eine zweite Halbzeit, in der sich die St.Galler endgültig der Lächerlichkeit preisgeben. Fünf Gegentore kommen hinzu. Romano, Naldo, Felix Mordeku, Mauro Lustrinelli und Dusan Pavlovic haben ihren Spass. Wolf wähnt sich auf dem Platz in einem «ganz schlechten Film», in seiner Wahrnehmung endet jeder Schuss mit einem Gegentreffer.

«Wir St.Galler sind keine Mannschaft»

Patrick Winkler heute

Patrick Winkler heute

Bild: Urs Bucher

Winkler stellt sich vor eine TV-Kamera und rechnet gnadenlos ab. «Wir sind keine Mannschaft. Wir haben zu viele Individualisten, zu viele eigensinnige Denker bei uns, die nicht am gleichen Strick ziehen wollen oder können.» Die Agentur «Sportinformation» fordert in ihrem Text zum Derby rasches Handeln und gibt der St.Galler Vereinsführung gleich eine Anleitung: «Thomas Staub muss abgelöst werden. Nur ein neuer Trainer und die Trennung von einigen Störenfrieden können St.Gallen weiterhelfen.»

Als Winkler tags darauf in der Migros Teufen auftaucht, könnte er in den Boden versinken, als die Verkäuferin ihm sagt: «Dass Sie sich getrauen, einkaufen zu gehen...» Er denkt: «Ich verstehe die Frau.» Er schämt sich heute noch für den Auftritt in Wil.

«Es war unfassbar, was wir uns da geleistet haben»

Stefan Wolf, der Captain, hat keinen weiten Heimweg, der heutige St.Galler Verwaltungsrat wohnt damals in Wil. Am anderen Morgen reist er in den WK nach Sitten. Als er auf den Zug wartet, denkt er: «Ich hoffe immer noch, dass ich bald aufwachen werde und das Ganze ein mieser Traum war.»

Die Entschuldigung im «Tagblatt»

Es ist und bleibt aber die bittere Realität. Im «Tagblatt» wendet sich die erste Mannschaft mit einem offenen Brief an die Anhänger und Sponsoren. Darin steht unter anderem: «Wir haben uns bis auf die Knochen blamiert. Unsere Leistung war deprimierend und demütigend für jeden, der ein Stück Grün-Weiss auf dem Herzen trägt.»

Trikots fliegen zurück

Eine Woche später gewinnt St.Gallen im Cup bei Chur 2:0. Die Spieler verschenken nach dem Schlusspfiff ihre Trikots. Winkler hat aber das Bild im Kopf, wie einige der Leibchen zurückgeflogen kamen. Das 3:11 hallt lange nach, es ist bis heute ein ganz schwarzer Fleck in der Vereinshistorie.

«Wenn man es positiv betrachten will, kann man sagen: Wir haben einen Beitrag geleistet, dass heute noch darüber geredet wird», sagt Winkler, «aber wenn man es sachlich anschaut, ist es natürlich ein Riesenmist. So etwas darf schlicht nicht passieren.»

Hafens Betrug kommt aus

Ein paar Tage später hat das Versagen aber nicht mehr mediale Priorität. Verdrängt wird die epochale Niederlage von Schlagzeilen mit dem Mann im Mittelpunkt, der vor dem Derby noch grosszügig Champagner ausgeschenkt hat: Andreas Hafen wird verhaftet. Als Vizedirektor der UBS St.Gallen hat er über Jahre 51 Millionen Franken abgezweigt und 11 Millionen davon in den FC Wil investiert.

Das Kartenhaus bricht zusammen. Aber das sportliche Debakel für St.Gallen, das lässt sich mit nichts ausradieren. Dafür ist der 3. November seit 2002 für manchen Fan des heutigen Challenge-League-Vereins Wil ein Feiertag.

11:3 – Das Wetter wurde besser, St. Gallen nicht

Wieso haben die Wiler Schüler am heutigen 3.11. nicht frei? Immerhin wurde dieses Datum in jüngerer Vergangenheit mal zum Feiertag erklärt. Nicht von Politikern, aber von den FC-Wil-Fans.
Simon Dudle

Das legendäre 11:3 – zum Neunten

Heute Donnerstag ist es auf den Tag genau neun Jahre her seit dem legendären 11:3-Sieg des FC Wil gegen den FC St. Gallen. Das wird ab 19 Uhr im Restaurant Hartz in der Wiler Altstadt gefeiert.