Die Sarganserländerin Julie Zogg ist ein Snowboard-Topstar – und doch fernab aller Öffentlichkeit

Zweite im Gesamtweltcup, Disziplinensieg im Parallelslalom. Snowboarderin Julie Zogg brilliert in aller Stille.

Reto Voneschen
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Julie Zogg präsentiert voller Stolz ihre kleine Kristallkugel.

Julie Zogg präsentiert voller Stolz ihre kleine Kristallkugel.

Bild: PD

Das Ende dieser Saison hatte sich Julie Zogg etwas anders vorgestellt: Die beiden letzten Rennen fielen in Livigno dem Corona-Virus oder in Winterberg dem Schneemangel zum Opfer. Doch auch so lässt sich über ihren Winter sagen – das war top. Oder mit den Worten der gebürtigen Wartauerin: «Meine beste Saison».

Vor fünf Jahren gewann Zogg zwar den Gesamtweltcup, doch in dieser Saison waren ihre Resultate grundsätzlich besser. Zweite des Gesamtweltcups, Erste im Parallelslalom-Weltcup, Vierte im Parallel-Riesensalom-Weltcup, drei Tagessiege, ein dritter Rang, in 13 Weltcuprennen zwölfmal in den Top Ten, die schlechteste Rangierung ein elfter Platz.

Dass es nicht zum Gesamtsieg reichte, lag einzig daran, dass Ramona Hofmeister noch eine bessere Saison hinlegte. Die vier Jahre jüngere Deutsche stand achtmal auf dem Podium, sechs Rennen gewann die Bayerin, am Schluss lag sie 2600 Punkte vor Zogg, die sagt: «Sie fuhr schon in den vergangenen Jahren immer wieder stark, und in dieser Saison war sie einfach extrem konstant.» Mit Ladina Jenny folgte auf Rang vier bereits die nächste Schweizerin im Gesamtweltcup.

Zogg ist definitiv zur Spitzenfahrerin gereift

Der Weltcup stand in dieser Saison im Fokus, kein Grossanlass stand an. Eine klassische Übergangssaison. Für Zogg war es vor allem ein Winter der Bestätigung, nachdem sie vor einem Jahr erstmals Weltmeisterin im Parallelslalom geworden war.

Mit zwei Siegen in drei von ursprünglich sechs geplanten Rennen profilierte sich die 27-Jährige als «Slalom-Queen». Einen besonderen Platz nahm der Weltcupsieg in Pyeongchang ein, es war der erste im Riesenslalom. «Endlich», sagt die Schweizer Teamleaderin.

«Denn eigentlich sehe ich mich gar nicht als Slalomspezialistin».

Zogg ist mittlerweile eine der besten Alpin-Snowboarderinnen der Welt. Nur: Das haben ausserhalb des Sarganserlands wohl nur wenige mitbekommen. Die drei Weltcup-Saisonsiege blieben Randnotizen, bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres 2019 kam Zogg trotz Weltmeistertitel nicht unter die Top sechs. Belinda Bencics zwei WTA-Turniersiege und Lea Sprungers EM-Titel in der Halle wurden höher gewichtet.

Auch finanziell gehört Zogg zu den «Leichtgewichten» unter den Profisportlerinnen: Die Prämien der drei Weltcupsiege schenkten zwar ein wenig ein, finanzielle Sicherheit gibt aber weiterhin die Anstellung als Zeitsoldatin bei der Armee. Viele neue Sponsoren standen bislang trotz Weltmeistertitel nicht Schlange, und auch mit dem Kopfsponsor laufen aktuell noch die Verhandlungen über eine Verlängerung.

Woran liegt’s, Frau Zogg? «Ich weiss es nicht», sagt sie achselzuckend, «aber ich kenne die Situation nicht anders, seit ich vor zehn Jahren in den Weltcup einstieg.» Klar ist: Der einstige Trendsport Snowboard ist weniger hip als auch schon, die Skiindustrie hat mit den Carvingski auf die «Brett-Konkurrenz» reagiert.

Heute werden wieder mehr Skis als Boards verkauft. Auch ausbildungsmässig läuft nicht alles nach Wunsch, einzig in der Region Ostschweiz/Graubünden wird Alpin-Snowboard noch gefördert. Zogg sagt:

«Ja, wir haben ein Nachwuchsproblem. Aber das sagten die Schoch-Brüder, die Olympiamedaillengewinner, auch schon vor zehn Jahren.»

Immerhin stehen mit Gian Casanova (Walenstadt) und Leandro Canal zwei junge, ambitionierte Fahrer aus der Region bereit für grosse Taten.

Olympia bleibt das vorrangige Ziel

Zogg hat ihr eigenes Rezept für eine erfolgreiche Zukunft: Weiter hart arbeiten und Siege herausfahren. In der nächsten Saison steht wieder eine WM an, in der übernächsten die Olympischen Spiele in Peking. «Bis dahin geht vorerst die Planung», sagt die Ostschweizerin, die in Mels wohnt. Bis dahin wird Zogg auch weiter im Sommer in Kerenzerberg an ihrer Physis schuften. Seit 2019 tut sie dies mit dem Glarner Bobfahrer Silvio Weber, nachdem der langjährige Trainingspartner Patrick Küng den Rücktritt gegeben hat.

Zieht Zogg ihr Ding durch, gehört sie in Peking zu den Favoritinnen. Was ein olympischer Erfolg für ihren Bekanntheitsgrad wohl bedeutete? Bis dahin ist ihr Motto wie jenes der Menschen weltweit: «Geduld haben, und auf bessere Zeiten hoffen.»