American Football: Die NFL steckt in der Schiedsrichterkrise

Im Schweizer Fussball und Eishockey wird bald die Videotechnologie eingeführt, um Schiedsrichter-Fehlentscheide zu eliminieren. Ein Blick in die National Football League (NFL) zeigt: Auch mit modernster Technik irren Referees munter weiter.

Nicola Berger
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Philadelphia-Headcoach Doug Pederson «duelliert» sich mit dem Schiedsrichter. Bild: Toni Gutierrez/Keystone (Arlington, 9. Dezember 2018)

Philadelphia-Headcoach Doug Pederson «duelliert» sich mit dem Schiedsrichter. Bild: Toni Gutierrez/Keystone (Arlington, 9. Dezember 2018)

Die schwärzeste Stunde in der Geschichte der Referees in der National Football League ist schon eine Weile her. 1999 war das, der Schiedsrichter Jeff Triplette warf dem Offensivspieler Orlando Brown eine dieser gelben, damals noch mit Gewichten verstärkten Straffflaggen ins Auge. Brown verlor auf dem rechten Auge fast alle Sehkraft, musste zurücktreten – und verklagte die Liga auf 200 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Am Ende erhielt er als Vergleichszahlung gegen 20 Millionen zugesprochen.

Solch dramatische Szenen haben sich in den letzten Jahren nicht mehr ereignet, doch die NFL-Refs kommen nicht aus den Schlagzeilen heraus, seit 2012 schon, als die Schiedsrichter für mehr Geld streikten und sich die Liga mit einer miserablen Ersatzlösung so lächerlich machte, dass sie den Forderungen am Ende stattgeben musste.

Alle schienen damals froh über die Rückkehr der aktuellen Refs. Die Teams, die Spieler, die Medien, die Fans. Doch seither vergehen selten mehrere Wochen ohne schwere Kontroverse, der Ruf der Schiedsrichter könnte kaum schlechter sein. Im Oktober etwa wurde der Ref Hugo Cruz nach einer Reihe an Fehlentscheidungen aus dem Verkehr gezogen.

Es gibt auch dieses Bild aus einer Partie der Cleveland Browns von 2016, bei dem ein Schiedsrichter ein Field Goal als gut wertet. Fünf Meter daneben steht ein zweiter Ref, der anzeigt, es sei verfehlt worden. Das Bild ging durch das Land.

Am 9. Dezember duellierte sich der Superbowl-Gewinner Philadelphia Eagles mit den Dallas Cowboys, es war der Vergleich zweier Erzfeinde – und auch sonst eine brisante Partie, weil sie mutmasslich entschied, wer die NFC-East-Division gewinnt und das Playoff erreicht. Gleich im ersten Spielzug verlor Dallas den Ball, mehrere Eagles-Spieler stürzten sich darauf, von den Cowboys war kein Akteur auch nur in der Nähe. Doch die Schiedsrichter entschieden sich selbst nach der Videokonsultation dafür, dass der Ballbesitz bei Dallas bleibe, es sei nicht klar, wer den Ball erobert habe. Es war ein Witzurteil. Der Eagles-Defensivspieler Malcolm Jenkins empfahl den Unparteiischen darauf, «für eine Weile dem Alkohol abzuschwören» – und wurde dafür mit 25000 US-Dollar gebüsst. Für die Refs selber blieb der Vorfall ohne Konsequenzen. Reuben Frank, ein angesehener NFL-Reporter aus Philadelphia, schrieb kürzlich, man müsse sich ernsthaft überlegen, sämtliche Schiedsrichter zu entlassen und das ganze Referee-Wesen neu aufzubauen.

Millionenbeträge für Überwachungszentrum

Die Fülle an Fehlentscheiden ist erstaunlich. Denn den Trainern steht pro Partie mindestens zweimal das Recht zu, einen Schiedsrichterentscheid per Video überprüfen zu lassen. Dazu hat die Liga einen zweistelligen Millionenbetrag in ihr Replay-Center in New York investiert. In der Schweiz werden gerade entsprechende Projekte sowohl bei den Fussballern der Super League wie auch in der National League im Eishockey realisiert. Die Hoffnungen sind gross, René Weiler, der Trainer des FC Luzern etwa, sagt, seinem Team seien in der Vorrunde drei klare Elfmeter verweigert worden.

Die Probleme in der NFL dürften so schnell nicht verschwinden. Die NFL beschäftigt nur 24 Profischiedsrichter, der Rest verdingt sich als Banker, Bauarbeiter oder Bürokraft. Die Zahl ist zunächst aus Kostengründen so tief, was ein Treppenwitz ist: Die Liga setzte 2017 acht Milliarden um. Mike Pereira ist heute ein hochgeschätzter und kritischer Regelanalyst beim TV-Sender Fox, früher aber stand er den NFL-Refs vor. In dieser Funktion sagte er einst, er wisse nicht, was mehr Profischiedsrichter bringen sollten: «Was sollen die denn die ganze Woche machen? Spiel­sequenzen anschauen?». Angesichts der oft miserablen Leistungen in letzter Zeit wäre das gar keine so schlechte Idee.