Die Milch ist immer noch weiss

Der pensionierte Landwirt Walter Schwab hat als Bub die Kühe von Hand gemolken. Heute ist er 85 Jahre alt und überlässt die Arbeit einem Melkroboter und seinem Neffen. Ein Abriss über 73 Jahre Geschichte im Stall von Daniela Ebinger (Text und Fotos).

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Walter Schwab arbeitet das letzte Mal im Melkstand. Diese Zeiten sind vorbei, seit der Melkroboter im Stall Einzug gehalten hat.

Walter Schwab arbeitet das letzte Mal im Melkstand. Diese Zeiten sind vorbei, seit der Melkroboter im Stall Einzug gehalten hat.

HERRENHOF. Walter Schwab tischt den Nachmittagskaffee für seinen Neffen Walter Roth auf. Schwab ist 85 Jahre alt, er ist Landwirt und er ist pensioniert. Der Neffe bewirtschaftet jetzt seinen Betrieb. Vor kurzem hat der Neffe umgestellt auf einen Melkroboter. Ein neues Zeitalter bricht auf dem Hof an. 73 Jahre lang hat Schwab gemolken. Den Umgang mit dem Melkroboter überlässt er jetzt den Jüngeren.

Melkschemel mit einem Bein

Walter Schwab setzt sich an den Küchentisch. «Ich hatte schon immer Freude an den Tieren und mochte den Umgang mit den Kühen sehr.» Schwab ist auf dem Bauernbetrieb in Herrenhof aufgewachsen.

Er erinnert sich noch gut daran, wie er als kleiner Junge wann immer möglich seinem Vater beim Melken half. «Das nannte man die Kuh anrüsten», sagt Schwab und erklärt, wie dabei das Euter gereinigt und für das Melken vorbereitet worden sei. Er erzählt, wie die Kühe im Stall angebunden gewesen seien und man mit einem einbeinigen Schemel gemolken habe.

Die Stühlchen waren zum Teil auch vierbeinig. «Die Vierbeinigen waren wahrscheinlich für die, die das Gleichgewicht nicht beherrschten», sagt der Mann mit den weissen Haaren mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Früh am Morgen aus dem Bett

Der Vater von Walter Schwab gehörte zu den Landwirten, die bereits um viertel nach vier am Morgen mit der Arbeit begannen. «Mit einem Melkroboter ist man heute nicht mehr so zeitgebunden wie früher», sagt Schwab.

Er erlebte vieles in den 73 Jahren, in denen er gemolken hat. «Die Milch hat aber trotz allen Entwicklungen immer noch dieselbe Farbe.» Möglich, dass der Kontakt auch heute in der computerisierten Zeit zu den Kühen noch so eng sei wie damals, als man die Kühe im Stall an- und abgebunden habe. «Sicher kannte man die einzelnen Tiere mit ihren Vorlieben und Eigenheiten genauer.»

Wie damals tragen die Kühe auch heute noch Namen wie Berta, Frieda, Jolanda oder Pursina. Daran ändere sich trotz technischer Entwicklung nichts. Walter Schwab kennt auch heute noch jede Kuh mit Namen. Ihre Eigenheiten beobachtet er gerne.

So sei kürzlich eine Kuh von der Weide gekommen und habe immerzu gestreichelt werden wollen. Er beschreibt, wie sie ihn mit dem Kopf gestupst habe, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Für den Milchroboter tragen die Kühe dagegen Nummern und einen Transponder, eine Art Funkgerät. Dieses erkennt das Tier und liefert alle Informationen an den Computer weiter.

Als Zwölfjähriger gemolken

Als Walter Schwab zwölf Jahre alt war, brach der Zweite Weltkrieg aus und die Mobilmachung stand bevor. Viele der Landwirte in seiner Heimat in Herrenhof mussten einrücken. Die, die zurückblieben, halfen auf den Betrieben einander aus und so begann Walter Schwab regelmässig täglich zu melken – und das natürlich von Hand, den einbeinigen Melkschemel umgebunden.

Sechs Jahre später besuchte er in den Wintermonaten die Landwirtschaftsschule auf dem Arenenberg. Schon bald zogen im Land die ersten Melkmaschinen ein. «Viele Landwirte waren skeptisch – auch ich dachte nicht anders als die andern», sagt Schwab.

Er absolvierte in der Kavallerie die Rekrutenschule und sein Vater entschied sich ebenfalls für eine Eimer-Melkanlage. Dabei floss die Milch von der Kuh direkt in die Kübel und der Bauer leerte sie in die Milchkannen, die Tansen. «Diese Art zu melken gibt es heute noch vereinzelt», sagt er. Im Jahre 1963 übernahm Walter Schwab den Betrieb seines Vaters in Herrenhof. Mit der Entwicklung der Absauganlage oder Rohrmelkanlage, wie sie auch genannt wird, entfiel das Leeren der Kübel. Auch Walter Schwab hielt bei diesem Fortschritt mit. Die Milch floss vom Euter der Kuh über eine Leitung direkt in die Milch-Tansen.

Der Melkstand hielt Einzug

Vor 17 Jahren baute der Landwirt für seine Kühe einen Laufstall mit Melkstand. Für seinen Viehbestand mit 40 Tieren war ein Vierer-Melkstand angemessen. Dabei konnten vier Kühe zugleich gemolken werden. Obwohl er Kühe mit Hörnern auch heute noch lieber sieht, entschied er sich damals, aus Sicherheitsüberlegungen und technischen Gründen für das Enthornen seiner Tiere. Für ihn ist der Entscheid mit oder ohne Hörner eine Platz- und Einrichtungsfrage.

Vor der Umstellung auf den Melkroboter begannen die Arbeiten auf dem Betrieb von Walter Schwab und Walter Roth um halb sechs. Die Kühe entscheiden jetzt selber, wann sie durch den Melkstand wollen. Der Melkroboter bringt für den Landwirt mehr Büroarbeit mit sich. «In einem Computer wird alles festgehalten und der Landwirt kontrolliert am Bildschirm», sagt Schwab fasziniert. Den Melkroboter hält er für ein intelligentes System.

Walter Schwab kann diesen technischen Fortschritt nun in aller Ruhe im Hintergrund mitverfolgen und das Zepter ganz seinem Neffen überlassen.

Der Melkroboter bei der Arbeit: Die Milch fliesst durch die Schläuche.

Der Melkroboter bei der Arbeit: Die Milch fliesst durch die Schläuche.

Da schaut die Kuh: Die Anzeigetafel des Melkroboters im Stall.

Da schaut die Kuh: Die Anzeigetafel des Melkroboters im Stall.

Walter Schwab und sein Hund Manda lassen es jetzt ruhiger angehen.

Walter Schwab und sein Hund Manda lassen es jetzt ruhiger angehen.

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