«Die Mannschaft ist keine Einheit»

Trotz sechs neuer Spieler und des Trainerwechsels ist der FC St. Gallen vom Abstieg bedroht. Sportchef Heinz Peischl zwei Runden vor dem Saisonende und vor dem Heimspiel gegen Leader Basel über fehlende Kontinuität, hierarchische Machtkämpfe und die Transferpolitik.

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Der 47jährige Österreicher Heinz Peischl ist seit Januar CEO und Sportchef des FC St. Gallen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Der 47jährige Österreicher Heinz Peischl ist seit Januar CEO und Sportchef des FC St. Gallen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Herr Peischl, was empfanden Sie, als Sie Ihrer Mannschaft gegen Zürich, Bellinzona und beim 0:4 gegen Luzern zugesehen haben?

Heinz Peischl: Die Mannschaft hat zwei Gesichter. Sie zeigte einerseits auf, was möglich ist – und anderseits leider auch, was ebenfalls möglich ist. Das Team hat sich zwar sukzessive verbessert, aber Stabilität und Kontinuität gehen ihm noch ab.

Macht sich bemerkbar, dass der FC St. Gallen eine Mannschaft stellt, die nicht gewachsen ist?

Peischl: Wir haben keine Zeit, um Stabilität und Kontinuität hineinzubringen. Dabei müssen wir zurückblicken: Im Herbst fehlten dem Team offensichtlich die Leader. So versuchten wir im Winter, der Mannschaft Leadership zuzuführen – mit José Gonçalves, Oscar Scarione oder Alberto Regazzoni. Ich bin auch nach wie vor überzeugt, dass uns in dieser Hinsicht auch Klemen Lavric und Daniel Beichler helfen könnten. Doch das Kernproblem ist: Die Mannschaft ist keine Einheit. Es gibt hierarchische Machtkämpfe, manchmal überwiegen die Eigeninteressen. Nicht jeder braucht immer den letzten, entscheidenden Pass spielen zu wollen.

Im Winter verpflichteten Sie sechs neue Spieler, zwei bis drei erfüllen die Erwartungen. Waren die Transfers Schnellschüsse?

Peischl: Für mich hat Daniel Dunst die Erwartungen ebenfalls erfüllt. Aber alle Entscheide waren intern abgesprochen. Natürlich gibt es Entwicklungen, mit denen ich nicht zufrieden bin. Bei Lavric und Beichler hoffte ich, dass sie uns mehr helfen können. Doch in bezug auf ihre Integration ist nicht alles optimal gelaufen – von Seiten des Teams, aber auch von Seiten der neuen Spieler. Hinzu kam, dass Beichler im Winter an einem schweren grippalen Infekt litt.

Wenn die Zeit fehlte und es nun bezüglich der Integration hapert: Passen Lavric und Beichler denn charakterlich in diese Mannschaft?

Peischl: Ich habe sie zuvor gekannt und oft bei Sturm Graz beobachtet. Dort haben sie doch einige Tore erzielt. Wäre ich von ihren spielerischen und menschlichen Qualitäten nicht überzeugt gewesen, hätten wir sie nicht verpflichtet. Aber es ist natürlich etwas anderes, wenn ein Spieler zehn Tage vor Meisterschaftsbeginn zu einer Mannschaft stösst, als wenn er die gesamte Vorbereitung mitgemacht hat.

Der FC St. Gallen hat aber stets verkündet, nur Spieler verpflichten zu wollen, die sofort helfen können. Das können Akteure offensichtlich nicht, die ein halbes Jahr oder länger nicht gespielt haben.

Peischl: Es fehlte uns das Geld, um neben Scarione oder Regazzoni noch mehr Spieler aus Verträgen herauszukaufen. Wir holten Akteure, die unserem Budget entsprachen.

Es hätten allerdings auch drei bis vier neue Spieler genügt, wenn sie dann mit Praxis gekommen wären.

Peischl: Das ist ein Ansatz. Doch der damalige Trainer Uli Forte hat seine Wünsche geäussert, und diese betrafen mehrere Positionen. Hätte es sich nur um eine oder zwei Positionen gehandelt, hätten wir für diese mehr Geld zur Verfügung gehabt. Was ich im Winter als Zusatz definiert habe, war Scarione. Es schien mir wichtig, Fabian Frei zu unterstützen.

Sie wurden von Beginn weg mit einigem Misstrauen konfrontiert. Dürfen Sie sich weniger Fehler erlauben als ein anderer?

Peischl: Ich hatte weder einen Bonus noch Zeit. Doch jeder, der in diesem Metier arbeitet, wird kritisiert – ausser er gewinnt jedes Spiel. Als ich im Winter kam, versuchte ich mit dem Verwaltungsrat und dem Trainer nach bestem Wissen und Gewissen Korrekturen anzubringen.

Anfang März allerdings entschied sich der Club, den Trainer auszuwechseln. Was hat das gebracht?

Peischl: Fakten belegen, dass sich etwas verändert hat. Unter Forte gewannen wir in 23 Spielen im Durchschnitt 0,74 Punkte, unter Jeff Saibene in 11 Partien 1,18 Punkte. Unter dem neuen Trainer kassierten wir 1,3 Tore pro Partie, unter Forte 2 Tore. Unter Forte erzielten wir 0,87 Tore pro Partie unter Saibene 1,1 Tore. Auch bezüglich der Optik hat sich einiges verändert. Die Mannschaft hat nun eine andere Spielanlage.

Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass der FC St. Gallen den Klassenerhalt schafft?

Peischl: Das Potenzial ist besser, als es die Tabelle spiegelt. Spiele gegen Basel, die Young Boys oder Zürich sind für uns fast einfacher – weil dann dieses «Müssen» weg ist. Wir von der Vereinsleitung geben der Mannschaft das Gefühl, dass wir an sie glauben. Diese Mannschaft kann das schaffen.

Und wenn nicht?

Peischl: Natürlich blendeten wir intern einen allfälligen Abstieg nie ganz aus. Doch wir haben die Chance, den Ligaerhalt zu schaffen. Das steht im Moment für uns im Vordergrund.

Interview: Patricia Loher