Die magischen 2,46 Meter

Heute abend bei Weltklasse Zürich werden die Blicke auf den Hochspringer Bogdan Bondarenko gerichtet sein. Bricht der 24jährige Weltmeister im Letzigrund nun endlich den Weltrekord?

Raya Badraun/Zürich
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LEICHTATHLETIK. Wenn Bogdan Bondarenko heute abend Anlauf nimmt, muss es still sein im Zürcher Letzigrund. Während andere Athleten durch Klatschen und Rufen zu Höchstleistungen angetrieben werden, lenken diese Geräusche den 24-Jährigen nur ab. Für sein Ziel, den Weltrekord von 1993 zu knacken, braucht Bondarenko volle Konzentration – und Ruhe.

Im Vorfeld von Weltklasse Zürich sind die Erwartungen an den jungen Leichtathleten gewaltig. So drehte sich bei der gestrigen Pressekonferenz praktisch jede Frage um die magischen 2,46 Meter, die Bondarenko im Visier hat. «Die Leute warten auf einen Weltrekord», sagt der Ukrainer. «Doch ich kann nicht bestimmen, wann ich diesen springen werde.» Am Abend werde man sehen, ob es in Zürich so weit sei. Nachdem er an der Athletissima in Lausanne 2,41 Meter übersprang, liess er die Latte das erste Mal auf 2,46 setzen – und scheiterte. Auch am Diamond-League-Meeting in London und an der WM in Moskau blieben seine Versuche erfolglos. Den Weltrekord anzugreifen setze viele Emotionen frei, sagt er. Das mache es schwierig. Bereits mit 2,42 Metern würde er den europäischen Rekord egalisieren, doch das interessiert ihn nicht. «Ein, zwei Zentimeter mehr oder weniger sind nicht entscheidend», sagt Bondarenko. Der Hochspringer denkt in grösseren Massstäben.

Ein bisschen tanzen

1993, als der Kubaner Javier Sotomayor 2,45 Meter übersprang, deutete noch nichts darauf hin, dass Bondarenko diesen Weltrekord dereinst angreifen würde.

Obwohl sein Vater und heutiger Trainer Mehrkämpfer war, kam er erst relativ spät zur Leichtathletik. Denn seine Mutter hielt nur wenig vom Spitzensport. Stattdessen machte er anderes. «Ein bisschen tanzen, ein bisschen schwimmen, ein ganz bisschen Violine spielen», sagt er und lacht. In diesen Disziplinen habe er aber kaum Fortschritte gemacht, anders im Hochsprung. Mit 13 Jahren trat er in die Fussstapfen seines Vaters und setzte 2008 mit dem Junioren-Weltmeistertitel das erste Ausrufezeichen.

Vor einem Jahr sah die Situation bei Weltklasse Zürich noch ganz anders aus als heute. Bondarenko übersprang lediglich 2,21 Meter und wurde Siebter. Seither hat sich seine Rolle im Hochsprung deutlich verändert: vom Aussenseiter zum Favoriten.

Hochspringer statt Fischer

Am Ende der Pressekonferenz kam dann doch noch eine persönliche Frage: Was wäre Bondarenko, wenn nicht Hochspringer? Mit einem Lachen warf er eine unsichtbare Fischerrute aus: «Vielleicht ein guter Fischer.» Die Voraussetzung, um Erfolg zu haben, ist in beiden Disziplinen die gleiche: Geduld – und viel Ruhe.