Die Licht- und Schattenspieler

FUSSBALL. Mit dem Rückrundenstart in der ersten Bundesliga sind nun fast alle Schweizer Internationalen wieder im Wettkampf-Modus angekommen. Einige Problemfälle scheinen gelöst; so haben etwa Lichtsteiner, Behrami und Schär deutlich mehr Spielpraxis in ihren Clubs. Inler und Seferovic hingegen scheinen immer mehr eine Nebenrolle zu erhalten.

Stefan Wyss
Drucken
Teilen
Die Schweizer Nati-Spieler Fabian Schär (links) und Stephan Lichtsteiner (rechts) sind in ihren Clubs zu tragenden Spielern avanciert. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Die Schweizer Nati-Spieler Fabian Schär (links) und Stephan Lichtsteiner (rechts) sind in ihren Clubs zu tragenden Spielern avanciert. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Exakt vier Monate vor Beginn des EM-Camps verbringt der Schweizer Nationalcoach Vladimir Petkovic ein paar Tage bei seiner Familie in Sarajevo. In Bosnien ist er zwar räumlich weit weg von den wichtigsten Fussball-Schauplätzen, doch Petkovic ist dennoch bestens darüber informiert, wie seine Nationalspieler in die wegweisenden Monate vor der EM-Endrunde gestartet sind.

Was ihm der Laptop an Statistischem ausgespuckt hat, dürfte ihn auf den ersten Blick mehrheitlich gefreut haben. Vom Stamm seiner Auswahl haben am vergangenen Wochenende nur Gökhan Inler (Leicester City) und Admir Mehmedi (Bayer Leverkusen) von der Ersatzbank aus zusehen müssen. Granit Xhaka war bei Mönchengladbach gesperrt.

Lichtsteiner, Schär und Behrami mit viel Spielpraxis
Die Spielpraxis sei einer von drei Faktoren, wenn es darum gehe, das EM-Kader zusammenzustellen, hat Petkovic im Dezember betont. Diesbezüglich hat sich seit dem letzten Länderspiel im November in Österreich einiges zum Guten entwickelt. Stephan Lichtsteiner zum Beispiel hat seine Herzprobleme überwunden und ist in einer Juventus-Mannschaft, die seit Wochen von Sieg zu Sieg eilt, wieder ein entscheidender Faktor. Beim 1:0 im Spitzenspiel gegen die AS Roma stand er im fünften Pflichtspiel seit der Weihnachtspause zum fünften Mal in der Startformation. Unter der Woche hatte er zudem im Cup gegen Lazio das entscheidende Tor erzielt.

Auch Fabian Schär, der talentierteste Schweizer Innenverteidiger, ist bei Hoffenheim wieder zum Stammspieler aufgestiegen. Zum Rückrundenstart in der 1. Bundesliga griff Trainer Huub Stevens zum fünften Mal in Folge auf den Ostschweizer zurück. Und mit Schär ist die Defensive der vom Abstieg bedrohten Württemberger stabiler geworden. In den letzten vier Spielen kassierte Hoffenheim nur drei Gegentore.

Daneben kann sich Petkovic darüber freuen, dass auch Valon Behrami wieder regelmässig zu Spielpraxis kommt. Eine Rotsperre und eine Knieverletzung hatten den im Nationalteam einflussreichen Führungsspieler in Watford zum Ende des letzten Jahres in eine Nebenrolle gedrängt. Zuletzt aber spielte Behrami zweimal in Folge. Eine Rückkehr in die Serie A scheint nun für Behrami kein Thema mehr zu sein. Der 31-jährige Mittelfeldspieler hat Petkovics herbstlichen Rat befolgt: Nicht unbedingt einen Wechsel anstreben, sondern sich durchkämpfen, war dessen Appell an die Spieler gewesen.

Kampf um Einsatzminuten
Petkovic forderte seine Spieler auf, den Kampf um Einsatzminuten im Klub anzunehmen. Er richtete aber auch aus, wie wichtig die Spielpraxis ist − und dies nicht nur über die Medien. Er schrieb jedem Internationalen eine Weihnachtskarte mit dem entsprechenden Hinweis. Gökhan Inler scheint diesen Kampf in Leicester verloren zu haben. Als Captain und Integrationsfigur habe Inler "mehr Kredit", wie Petkovic vor ein paar Wochen sagte. Doch nun ist davon auszugehen, dass der Nationalcoach seinem Captain zum Klubwechsel rät.

Petkovic würde sich zwar nicht persönlich in diese sensible Thematik zwischen Spieler, Berater und Klubs einmischen, doch eine Aussage von ihm aus dem letzten Spätsommer hallt nach: "Es kommt darauf an, wo man Ersatz ist. In England zum Beispiel ist es ein Problem, weil der Spielplan derart überladen ist, dass zwischen den Spielen ein intensives Training nicht möglich ist. Da wird es zum Problem, wenn man kaum spielt."

Kritik an Seferovic
Eine zweite heikle Schweizer Personalie zeichnet sich in den nächsten Wochen und Monaten in Frankfurt ab. Stürmer Haris Seferovic hatte schon im Herbst bei der Eintracht mit der Form gerungen (3 Tore in der Vorrunde). Nun scheint sein Platz im Team nach dem 3:2-Sieg gegen Wolfsburg in akuter Gefahr. Eintracht Frankfurt schoss alle drei Tore, als Seferovic bereits ausgewechselt war. Die Worte von Trainer Armin Veh über Seferovic gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lassen nichts Gutes erahnen. "Es ist bezeichnend, dass ich bei einem 0:1-Rückstand den einzigen Stürmer vom Feld genommen habe", so Veh.

Und der Trainer weitete seine Kritik über Seferovics Auftritt gegen Wolfsburg zu einer allgemeinen Unzufriedenheit mit dem Schweizer aus. "Wenn jemand sein Ego über die Mannschaft stellt, dann habe ich die Schnauze voll. Er wird in den Medien als Wahnsinnskämpfer dargestellt. Das sehe ich komplett anders. Wenn ich als Stürmer in der Vorrunde drei Tore schiesse, dann bin ich kein Torjäger, dann muss ich für die Mannschaft arbeiten."

Im besten Fall sind diese Worte von Veh als letzte Warnung zu verstehen. Womöglich aber wird Seferovic in nächster Zeit in Frankfurt in eine Nebenrolle gedrängt − und im Nationalteam dadurch ein Vakuum auf einer entscheidenden Position gebildet. Denn Seferovic war bei Petkovic im Sturmzentrum gesetzt. In sieben von zehn Spielen der EM-Qualifikation hat er von Beginn weg gespielt, zwei Mal war er verletzt. In Österreich hat Seferovic beide Tore zum Sieg erzielt. Für Petkovic und die Schweiz wäre es nicht gut, wenn vor der EM im Klub neben dem Captain auch noch der Mittelstürmer im Abseits stünde. (sda)

Aktuelle Nachrichten