Die Lernphase ist vorbei – jetzt geht es darum, die Noten im Zwischenzeugnis zu verbessern

Der 3:0-Forfaitsieg der Schweiz gegen die Ukraine ist logisch, die Entscheidung der Uefa richtig. Die Ukraine legt trotzdem Berufung ein. Wie geht es weiter? Und was bleibt von diesem Länderspieljahr 2020? Eine Analyse.

Etienne Wuillemin
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Das letzt Bild der Schweizer Nati 2020: Captain Xhaka im Training am Tag vor dem abgesagten Spiel gegen die Ukraine.

Das letzt Bild der Schweizer Nati 2020: Captain Xhaka im Training am Tag vor dem abgesagten Spiel gegen die Ukraine.

Claudio Thoma / freshfocus
Etienne Wuillemin.

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Die Nachricht der Uefa kommt am frühen Mittwochabend: Die Schweiz gewinnt das abgesagte Nations-League-Spiel gegen die Ukraine vom 18. November 3:0 Forfait. Das bedeutet: Die drei Punkte vom grünen Tisch retten das Team von Nationaltrainer Petkovic vor dem Abstieg aus der Liga A der Nations League. Die Schweiz darf sich also bei der nächsten Austragung, im Herbst 2022, wieder mit drei der besten 16 Teams von Europa messen. Das könnte in der Vorbereitung zur WM in Katar, die ab November 2022 stattfindet, sehr wertvoll sein.

Die detaillierte Begründung der Uefa-Berufungsinstanz zum Urteil liegt noch nicht vor. Doch der Fall scheint klar: Die Ukrainer hätten, nachdem sie vom Luzerner Kantonsarzt am Tag des Spiels in Quarantäne versetzt wurden, ein Ersatzteam organisieren dürfen, so dass sie mindestens 13 einsatzfähige Spieler zur Verfügung gehabt hätten. Sie zeigten jedoch keinerlei Interesse an so einer Lösung, auch das Angebot einer Verschiebung des Spiels um einen Tag liessen sie ungenutzt. Aus Sicht der Uefa sind darum die Coronafälle der Ukraine Ursprung der Absage des Spiels.

Die Osteuropäer wollen ihre Schuld nicht eingestehen. Sie argumentieren, die Schweizer Behörden seien verantwortlich für die Absage – und verweisen auf die negativen Ergebnisse des gesamten Teams bei den Coronatests, die sie, zurück in der Heimat, sofort absolvierten. Die Ukrainer kündigten an, das Urteil an den internationale Sportgerichtshof weiterzuziehen. Es ist die letzte Möglichkeit, den Entscheid anzufechten. Dies, weil die Uefa aus Dringlichkeitsgründen bereits ein interne Instanz übersprungen hat. Ein anderes Urteil als das vorliegende wäre indes eine ziemliche Überraschung. Die Schweiz wurde nicht einmal zu einer Stellungnahme aufgefordert, wie der Generalsekretär des Verbands, Robert Breiter, erklärte. Dazu kommt: Die Nationalität der Behörde, die ein Spiel verbietet, ist unerheblich. Dass diese Partie in der Schweiz stattfand, ist juristisch gesehen ein Zufall. Und der Sport kann sich nie über Länderrechte hinwegsetzen. Darum bleibt der Fakt, dass die Ukraine zum Zeitpunkt des Spiels kein gültiges Team stellen konnte. Dies bestraft die Uefa richtigerweise.

Die Schweiz feiert also einen stillen Sieg. Doch zumindest finanziell könnte die Spielab­sage gleichwohl Folgen haben. Es geht um einen Betrag von gut 1,5 Millionen Franken, bestehend aus Marketing- und TV-Leistungen, die nicht erbracht werden konnten. Nun muss der Verband auf Kompromisse der Partner hoffen.

Und was bleibt sonst von diesem Schweizer Länderspieljahr? Vier Niederlagen (Ukraine, Spanien, Kroatien, Belgien) und drei Remis (2x Deutschland, Spanien) sprechen für einen mässigen Herbst. Die Bilanz der nackten Resultate ist tatsächlich trüb. Doch die Darbietungen dahinter stimmen verhalten optimistisch. Die Schweiz hat in einigen Momenten gezeigt, dass sie der Weltspitze einen Schritt ­näher gekommen ist. Sie mit Spanien und Deutschland meist auf Augenhöhe agiert. Sie hat spielerisch und kämpferisch überzeugt. Sie wirkt taktisch gefestigt. Und sie hat den Fans durchaus Spass bereitet. Trotzdem bleibt auch die nüchterne Erkenntnis, dass für einen Sieg gegen die Grossen des Weltfussballs noch immer etwas fehlt. Im Zeugnis des Jahres 2020 steht darum eine 4,5 – genügend bis gut, mehr nicht. Doch es ist nur ein Zwischenzeugnis. Die entscheidenden Prüfungen folgen an der EM im Juni 2021. Die Gruppengegner heissen Wales, Italien und Türkei. Diese Aufgaben und – hoffentlich – die Performance im Achtelfinal werden darüber richten, ob die Schweiz die Lernphase in diesem Herbst tatsächlich gut genutzt hat.

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