Die Kunst, die Nerven zu behalten

Für Tom Lüthi hat beim GP von Spanien die «Operation WM-Titel» begonnen und immer mehr zeigt sich: Dominique Aegerter ist für MV Agusta der grösste Glücksfall seit Giacomo Agostini.

Klaus Zaugg, Jerez
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Ist mit dem vierten Platz zufrieden: Tom Lühti. (Bild: Waldemar Da Rin/Freshfocus (Jerez, 5. Mai 2019))

Ist mit dem vierten Platz zufrieden: Tom Lühti. (Bild: Waldemar Da Rin/Freshfocus (Jerez, 5. Mai 2019))

Auf den ersten Blick denken wir: was, «nur» Platz vier für Tom Lüthi (32)? Immerhin hat er ja den letzten GP in Texas gewonnen. Aber auf den zweiten Blick sehen wir, dass auch dieser 4. Rang eine aussergewöhnliche Leistung ist. Der Emmentaler erkennt sofort, dass er ganz vorne nicht mithalten kann. Dass Lorenzo Baldassarri einfach schneller ist. Aber er verliert die Nerven nicht. Er macht mit der Ruhe eines Champions ein Maximum aus den diesmal begrenzten Möglichkeiten und lässt sich nicht dazu verführen, jenseits des Limits zu fahren – was notwendig gewesen wäre, um eine Podestchance zu haben.

Nach dem Rennen sitzt er nachdenklich und ein wenig erschöpft in seiner Box. Er sagt: «Natürlich wäre es schöner, auf dem Podest zu stehen. Aber diesen 4. Platz nehme ich unter diesen Umständen gerne. Mehr war nicht drin.» Das Problem war die fehlende Balance. Zu wenig Grip beim Vorderrad und in der Schlussphase, zu wenig Bodenhaftung beim Hinterrad. Er sei gegen Ende des Rennens beinahe noch gestürzt.

Der Titelkampf bekommt nun Profil: Lorenzo Baldassarri ist mit drei Siegen und einem Nuller (in Texas) WM-Leader und Titelkandidat Nummer 1. Und der aussichtsreichste Herausforderer ist auf dem zweiten Zwischenrang der zehn Jahre ältere Tom Lüthi. Die Frage, die uns nun in den nächsten Wochen beschäftigen wird: Ist der Italiener mental so robust wie Johann Zarco 2016 und Franco Morbidelli 2017? Damals blieb Lüthi am Ende zweimal «nur» der zweite WM-Platz. Der Emmentaler macht den ruhigeren, stärkeren, abgeklärteren Eindruck als 2016 und 2017. Gerade die Art und Weise wie er in Jerez ein durchzogenes Wochenende (Start aus der 3. Reihe) souverän über die Runden gebracht hat, spricht im langen Titelkampf (nach wie vor 15 Rennen) für ihn.

Die Wiedergeburt von Aegerter

In Jerez haben wir nicht nur einen starken Tom Lüthi erlebt. Erstaunlich ist auch die «Wiederauferstehung» von Dominique Aegerter (29). Nach Platz 14 in Texas und nun Rang 13. Zum zweiten Mal hintereinander in den WM-Punkten. Er ist der zweite Glücksfall für MV Agusta nach Giacomo Agostini, der einst mit dieser Marke der erfolgreichste Pilot aller Zeiten geworden ist (noch besser als Valentino Rossi). Nun zeigt sich: der Rohrbacher ist der perfekte Pilot, um die Marke diese Saison nach 43 Jahren Unterbruch im Rennbusiness neu zu beleben. Er ist einer der wenigen Piloten, die eine solche Herausforderung meistern können.

Technische Entwicklungsarbeit ist sowieso nicht seine Stärke. Er fährt einfach, was man ihm hinstellt, fragt und klagt wenig und behält seine gute Laune. Diese Unbeschwertheit hilft ihm in einer Situation, in der Tom Lüthi ob den technischen Unzulänglichkeiten – die zu jedem neuen Projekt gehören – wohl die Geduld verlieren würde. Aegerter sagt: «Für mich ist wichtig, dass ich mich endlich wieder ganz aufs Fahren konzentrieren kann. Ich habe ein Team, in dem ich mich wohl fühle. Ich habe jetzt wieder einen Manager, und ich muss mich nicht mehr wie letzte Saison um alles Mögliche kümmern.» Er wird inzwischen von Oliver Imfeld (jahrelang Manager von DJ Bobo) gemanagt.

Auf seine Weise zeigt Dominique Aegerter die Kunst, bei der Lösung einer schwierigen Aufgabe die Nerven zu behalten. Er ist in Jerez so gut gefahren wie seit 2017 nie mehr. Aggressiv, aber das Risiko immer im Griff. Ja, bei einem besseren Startplatz (er fuhr aus der 8. Reihe los/23.) hätte er sogar eine Klassierung in den Top Ten erreicht. «Im hinteren Teil des Feldes ging es kriegerisch zu und her. Jeder hat so ziemlich jeden berührt. Es hat richtig gerumpelt.»

Aber ein bisschen Rumpeln bringt ihn eben nicht mehr aus der Ruhe.

Jerez (ESP). Grand Prix von Spanien. MotoGP (25 Runden à 4,423 km = 110,575 km): 1. Marc Marquez (ESP), Honda, 41:08,685. 2. Rins (ESP), Suzuki, 1,654 Sekunden zurück. 3. Viñales (ESP), Yamaha, 2,443. 4. Dovizioso (ITA), Ducati, 2,804. – Ferner: 6. Rossi (ITA), Yamaha, 7,547. 12. Lorenzo (ESP), Honda, 18,473. – Startverzicht nach Sturz am Samstag: Iannone (ITA), Aprilia. – WM-Stand (4/19): 1. Marquez 70. 2. Rins 69. 3. Dovizioso 67. 4. Rossi 61. – Ferner: 6. Viñales 30. 14. Lorenzo 11.

Moto2 (15 Rd/66,345 km): 1. Baldassarri (ITA), Kalex, 25:33,841 (155,7 km/h). 2. Navarro (ESP), Speed Up, 0,359. 3. Fernandez (ESP), Kalex, 1,091. 4. Tom Lüthi (SUI), Kalex, 2,428. – Ferner: 13. Dominique Aegerter (SUI), MV Agusta, 14,179. 15. Schrötter (GER), Kalex, 16,188. 24. Alex Marquez (ESP), Kalex, 32,311. – Nach dem Abbruch nicht mehr zum Neustart angetreten: Gardner (AUS), Kalex. Pratama (INA), Kalex. – WM-Stand (4/19): 1. Baldassarri 75. 2. Lüthi 58. 3. Schrötter 48. – Ferner: 22. Aegerter 5.

Moto3 (22 Rd/97,306 km): 1. Antonelli (ITA), Honda, 39:30,327 (147,7 km/h). 2. Suzuki (JPN), Honda, 0,242. 3. Vietti (ITA), KTM, 0,305. – WM-Stand (4/19): 1. Canet (ESP), KTM, 58. 2. Antonelli 57. 3. Masia (ESP), KTM, 45.