Die Künstler unter den Arbeitern

Wie im Final des Vorjahres kommt es heute im Viertelfinal der Champions League zum Madrider Stadtderby zwischen Atletico und Real. Den Final hat Real gewonnen, doch seither ist Atletico im Aufwind – besonders dank zwei Akteuren.

Andy Sager
Drucken
Teilen

FUSSBALL. Im Norden Madrids erinnert man sich gerne an den 24. Mai 2014. An jenem Samstag hatte sich Real Madrid nicht nur den zehnten Triumph in der Champions League gesichert. Es ist auch jener Tag, an dem der Rivale aus dem Süden der Stadt zum letzten Mal besiegt wurde. Seither hat Atletico keines der sechs Aufeinandertreffen mehr verloren – viermal unterlag Real. Die Rollen zwischen dem spanischen Meister und dem Champions-League-Titelhalter sind daher heute um 20.45 Uhr nicht eindeutig verteilt. Real hat sich nach einer Baisse zu Jahresbeginn gefangen. Doch seit Diego Simeone bei Atletico das Traineramt übernommen hat, sind die Derbys ausgeglichener geworden. Bis Ende 2011 blieb Atletico 22 Spiele in Folge sieglos gegen den Stadtrivalen, auch Simeone verlor seine ersten drei. Seit dem Finalsieg im Cup 2013 hat Atletico aber die Oberhand.

Variabilität und Dynamik

Es ist dem gewieften Taktiker Simeone zu verdanken, dass der Arbeiterverein gegen den grossen Nachbarn aufholt. Er versteht es, Arbeiter und Künstler zu vereinen. Nicht grundlos wurde sein Vertrag kürzlich bis 2020 verlängert. Auftritte wie jene im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Leverkusen stehen für Atleticos intensiven und schnellen Fussball. An sich feine Techniker wie Fernando Torres oder Antoine Griezmann rackern 120 Minuten. Berechenbar wird das Team von Simeone dabei kaum. In den bisherigen sechs Saisonspielen gegen Real bot der Argentinier nicht zweimal die selbe Startformation auf. Auch das System bleibt stets variabel. Besonders Real scheint damit Mühe zu haben. Zudem kommt das 4-3-3, das Real meist praktiziert, dem Spiel Atleticos entgegen.

Die taktischen Finessen eines Coachs bringen aber nichts, wenn sie an den Fähigkeiten seiner Spieler vorbeizielen. Die Dynamik eines Griezmann, eines Torres oder eines Arda Touran bedürfen einer besonderen Spielweise. Sie sind darauf angewiesen, richtig lanciert zu werden. Diesen Part übernimmt Koke. Seit seinem achten Lebensjahr ist der gebürtige Madrilene im Verein. Unter Simeone schaffte der 23jährige Mittelfeldspieler zunächst den Sprung in die erste Mannschaft und wurde wenig später zur Schaltzentrale des Spiels. «Er jagt dem Ball hinterher, besetzt die Räume und ab und zu trifft er sogar. Er ist aussergewöhnlich, ein echtes Geländefahrzeug», lobte Simeone unlängst, «seine Spielweise ermöglicht uns viele Optionen».

Sinnbild der neuen Generation

Jorge Resurrección Merodio, wie Koke eigentlich heisst, ist selbst im spanischen Nationalteam eine Zukunftshoffnung und verkörpert zusammen mit Reals Isco oder Thiago Alcantara von Bayern München den Generationenwechsel. «Koke ist dafür geboren, in den nächsten zehn Jahren ein Leader im Nationalteam zu sein», sagte Xavi jüngst.

Dass Koke trotz allem immer noch unterschätzt wird, liegt an der Philosophie Atleticos: Das Team steht über dem einzelnen. Daher werden auch nicht jährlich neue Stars für Millionen Franken verpflichtet, wie dies beim heutigen Gegner erwartet wird. Zwar waren bereits zahlreiche europäische Topteams an Koke interessiert. «Ich wollte aber hier zu Hause weitermachen bei Atletico. Es soll noch viele Jahre so weitergehen, denn hier habe ich das Gefühl, geliebt zu werden», sagte Koke zu einem Angebot Barcelonas, «ich bin Atletico». Der Madrilene weiss, was er dem Verein zu verdanken hat. Trotz seines jungen Alters hat Koke eine beeindruckende Vita vorzuweisen: Vom Gewinn der Europa League und dem Sieg im Super Cup 2012, dem Cupsieg und dem U21-EM-Titel 2013 bis zur Krönung mit dem spanischen Meistertitel 2014. Das nächste Ziel ist der Gewinn der Champions League. Im vergangenen Mai hat Atletico eine erste Chance verpasst. Heute kann es sich nicht nur für die Finalniederlage revanchieren, sondern sich auch diesem nächsten Ziel einen Schritt nähern.

Aktuelle Nachrichten