Die Hoffnung heisst Wawrinka

Verkehrte Welt im Daviscup-Final: Stan Wawrinka besiegt Jo-Wilfried Tsonga voller Selbstvertrauen 6:1, 3:6, 6:3, 6:2. Roger Federer wird derweil einen störenden Geist nicht los und verliert gegen Gaël Monfils 1:6, 4:6, 3:6.

Matthias Hafen/Lille
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TENNIS. Plötzlich muss die Schweiz voll und ganz auf Stan Wawrinka zählen. Er, der auch im Daviscup-Final im Schatten von Roger Federer steht. Er, der auf dem Weg dorthin immer wieder der Unverlässliche im Team war. Genau er hielt gestern die Schweizer Fahne hoch – und wie. Sein Auftritt im Auftaktspiel gegen Jo-Wilfried Tsonga war überzeugend. So überzeugend, dass selbst Federers Niederlage im Anschluss gegen Gaël Monfils das Schweizer Team nicht stark beunruhigt.

1:1 steht es nach dem ersten Tag in Lille. Keine Frage, dass das heutige Doppel mit Spielbeginn um 15.30 Uhr vorentscheidend sein wird. Im Versteckspiel zwischen Schweizern und Franzosen war gestern noch nicht zu erfahren, wer am Ende tatsächlich auf dem Feld stehen wird. Aufgeboten sind für die Schweiz zurzeit Michael Lammer und Marco Chiudinelli. Wahrscheinlicher ist aber, dass Wawrinka und Federer wieder einmal einen gemeinsamen Auftritt haben werden. Beide unterstrichen nach den gestrigen Partien, dass sie bereit sind, das ganze Wochenende durchzuspielen. Federer fühlte sich trotz Dreisatzniederlage von Minute zu Minute besser. Und diesen, mit positiver Energie aufgeladenen Wawrinka nicht aufzustellen, wäre von Coach Severin Lüthi so etwas wie eine Kapitulation.

Kein Bluff mit dem Rücken

Federer bleibt indes das grosse Fragezeichen. Sicher ist: Ein Bluff war die Geschichte mit seinem Rücken nicht. Die Weltnummer drei sah gestern gegen Monfils, 19. des ATP-Rankings, zeitweise wie ein Novize aus. Er fand nie richtig ins Spiel und musste viele Bälle fast kampflos passieren lassen. Innert weniger Minuten liess der Schweizer Teamleader fünf Asse seines französischen Widersachers zu. Ein deutliches Zeichen dafür, dass mit dem Rücken tatsächlich vieles nicht in Ordnung ist. Nach bereits 106 Minuten stand er als Verlierer da. Doch Federer macht auf Optimismus, sagt, dass er dem Team unbedingt den Pokal bescheren will. «Ich kenne meine Rolle in der Mannschaft. Und ich werde sie wahrnehmen», sagte er gestern. «Gut möglich, dass ich nach diesen drei Tagen völlig ausgelaugt bin. Doch das ist mir egal. Da gehe ich durch.»

Federer sieht noch viel Potenzial

Um in diesem Final bestehen zu können, muss er sich allerdings erheblich steigern. «Das kann ich auch, davon bin ich überzeugt», so Federer. Er habe diese Partie quasi gebraucht, um in die Begegnung zu finden. «Ich fühlte mich mit jedem Ballwechsel besser.» Die Verletzung sei nicht gravierend. «Aber es fühlt sich an, als befinde sich ein Geist im Körper, den ich im Moment nicht loswerde.» So, wie einen jede Verletzung beim Comeback mental behindert. Es könnte also durchaus sein, dass sich der Teamleader bei der gestrigen Niederlage erst warmgespielt hat. Und wozu Federer fähig ist, wenn er einmal auf Betriebstemperatur kommt, ist hinlänglich bekannt.

Wawrinkas geniale Rückhand

Dennoch ruhen die Schweizer Hoffnungen in Lille hauptsächlich auf Wawrinka. «Mit seinem überzeugenden Sieg zieht er die ganze Equipe mit», sagte Federer. «Unsere Stimmung nach dem ersten Tag ist gut.» Wawrinka zeigte sich gestern vor über 27 000 Zuschauern im Stade Pierre-Mauroy von Anfang an auf der Höhe des Geschehens. Im ersten Satz liess er Tsonga nicht den Hauch einer Chance. Und das Tief im zweiten Durchgang sollte sich nur als vorübergehende Baisse entpuppen. Wawrinka zog die Schraube nochmals an und punktete vor allem mit einer genialen Rückhand. Versuchte Tsonga, dagegenzuhalten, verteilte der Westschweizer die Bälle punktgenau in die Ecken und liess den Franzosen so weite Wege gehen. Damit nahm Wawrinka seinem Gegenspieler den Wind aus den Segeln. Denn Tsonga ist vor allem ein guter Spieler, wenn er selber die Bälle verteilen kann. Gestern stand er zeitweise ziemlich hilflos auf dem Platz.