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«Die Hesses sind nicht wie wir»

Hermann Hesses erste Frau Maria «Mia» Bernoulli war die erste Berufsfotografin der Schweiz. Eva Eberwein-Schnell, Eigentümerin des Hesse-Hauses in Gaienhofen am Untersee, führt erstmals historisch-szenische Rundgänge auf den Spuren der Baslerin durch.
Das Fenster von Mia Hesses Zimmer im Haus in Gaienhofen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Das Fenster von Mia Hesses Zimmer im Haus in Gaienhofen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Was fasziniert Sie an Hermann Hesses Frau Maria «Mia» Bernoulli (1868–1963) aus Basel, der ersten Schweizer Berufsfotografin?

Eva Eberwein: Mein Interesse erwuchs bei der Sanierung des schönen Hauses in Gaienhofen, das sich Hermann und Mia Hesse 1907 gebaut haben. «Das Zimmer der Frau», wie es im alten Hausplan eingezeichnet und benannt ist, ist ein wunderschöner Raum mit liebevollen Details und schönen Fenstern. So wuchs meine Neugier auf die Frau, die Fotografin mit eigenem Atelier in Basel war und derart gut mit Farben, Formen, Proportionen umzugehen wusste. 2004 begann ich meine Recherche, und ich war erstaunt, dass es nahezu nichts über Hesses erste Frau gab. Gerüchte verstörten mich teils: sie sei schizophren gewesen, in einer Irrenanstalt gestorben.

Gab es verlässliche Information?

Eberwein: Äusserst wenige: etwa dass sie Hesses erste Ehefrau und die Mutter seiner drei Kinder war. Ich begab mich auf die Suche. Fündig wurde ich zufällig im Hermann-Hesse-Editionsarchiv des Suhrkamp-Verlags, wo ein bisher unbeachteter Karton mit Briefen von Mia Hesse an ihren Mann lag. Ich habe etwa 600 Briefe transkribiert und 2009 eine Broschüre über Mia Hesse herausgegeben.

Bärbel Reetz, Autorin des Buches «Hesses Frauen», sagt: «Sie war eine sehr kraftvolle, unabhängige Frau und hat ihr Leben nicht nur während dieser Ehe, sondern auch danach ganz fabelhaft gemeistert.» Sehen Sie das auch so?

Eberwein: Absolut. Mia Hesse war beileibe nicht die schwache, kränkelnde Frau, die für seine Karriere eher ungut gewesen sei, wie man bisweilen lesen konnte. Sie hatte eine enorme Disziplin und war imstande, nach jedem Schicksalsschlag wieder aufzustehen und mit den Dingen des Lebens zurechtzukommen. Und das bis ins hohe Alter – sie hat Hermann Hesse um ein Jahr überlebt. Heuer jährt sich ihr 50. Todestag.

Bernoulli war Schweizerin, Hesse noch nicht – wie war das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen damals? Vermutlich standen sich die Alemannen diesseits und jenseits des Rheins näher als heute.

Eberwein: Gottfried Keller hat dazu das Gedicht «Gegenüber» geschrieben, Hesse eine schöne Erzählung über die Alemannen, die das verbindende Element über die Grenzen hin in den Kanton Thurgau bildeten. Es gab schon Vorbehalte den Fremden gegenüber. Die feinen Basler Leute, zu denen Mia gehörte, wurden eher kritisch angesehen: Was will die hier, die fotografiert nach so neumodischen Ideen? Und was macht denn der Mann hier ohne Felder und Wiesen? Die sind nicht wie wir! Gaienhofen, ein 300-Seelen-Dorf, war wirtschaftlich nicht sehr gut gestellt.

Wie vermitteln Sie in der Führung den Widerspruch zwischen den seit Jahrhunderten geprägten Vorstellungen der dörflichen Lebenswelt und den reformerischen Vorstellungen der Mia Bernoulli?

Eberwein: Ich erzähle, während Ilona Schönle eine Gaienhofener Bauerntochter spielt. Wir stützen uns auf Mias zahlreiche Briefe und mündliche Überlieferung ihrer Verwandten, auf meine eigenen Vorfahren aus dem Dorf – und wir binden auch fiktive Momente ein. Hier ist die dörfliche Welt, die aufgrund der Abgelegenheit vom Weltgeschehen ihren eigenen Kosmos hat mit eigenen Problemen, eigenen Beurteilungen – da ist die Welt der Mia Bernoulli, später Hesse, die das Dorf idyllisiert und die ihre eigenen, reformorientierten Massstäbe anlegt und überall Fotomotive sieht.

Seit über 20 Jahren gibt es literarische Hesse-Wanderungen in Gaienhofen. Was kann man auf Ihrem neuen Rundgang erfahren?

Eberwein: In diesem Gang durch das Dorf halten wir an verschiedenen dokumentierten Stationen inne und vollziehen nach, wie es 1904 war, als Mia Bernoulli im Dorf nach einer Bleibe suchte: Welche Gespräche kamen zustande? Wie wurde Mia wahrgenommen? Was machte sie im Dorf? Wodurch fiel sie auf? Die Teilnehmer werden in eineinhalb Stunden vieles über die Auffassungen der beiden Lebenswelten erfahren: Hier Mia, die Fotografin grossbürgerlicher Herkunft – da die Tochter aus dem Dorf, in dem sich alles im alten Rhythmus bewegte. Wichtig ist weniger die Wohnungssuche, als wie das Dorf Mia wahrgenommen hat, welche Haltungen oder Gerüchte es gab.

Ihr historisch-szenischer Rundgang erarbeitet Geschichte auf unterhaltsame und fassbare Art. Möchten Sie auch Schüler an der Geschichtsvermittlung direkt teilhaben lassen, oder ist Ihre Tour didaktisch und methodisch vorwiegend für Erwachsene gedacht?

Eberwein: Die Tour eignet sich sicher auch für Schüler, die insbesondere die Veränderung im Dorf erleben können und die damalige Lebenswelt mit der heutigen vergleichen können. Es kommt darauf an, wie man das Thema in den Unterricht einbeziehen möchte. Das Thema Vorurteil ist genauso drin wie die Veränderung der Lebenswelten bis heute, Strukturwandel und anderes mehr.

Im Herbst soll Ihr Werk «Lichtwerke. Mia Hesse geb. Bernoulli als Fotografin» erscheinen. Was haben Sie in den Archiven gefunden? Und suchen Sie weiter?

Eberwein: Die Kunsthistorikerin Monika Leister und ich haben einige Fotos gefunden, die bis dato völlig unbekannt sind; das war mit einer aufwendigen Archivarbeit verbunden. Auch die Nachfahren aus dem Hause Bernoulli haben enorme Unterstützung geleistet und Material beigesteuert. Das Buch heisst im Untertitel bewusst «Versuch einer Nahaufnahme», denn uns ist klar, dass wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können. Es wird sicher noch in privaten Alben unentdeckte Fotoarbeiten aus dem Atelier «Mia und Tuccia Bernoulli, Basel» geben. Doch das wissen die meisten Leute gar nicht, das ist ja in der Zeit ihrer Grosseltern entstanden – und wer schaut noch in die alten Alben?

Interview: Urs Oskar Keller

Fotografin Mia Bernoulli: Aufnahme um 1903, Basel. (Bild: pd)

Fotografin Mia Bernoulli: Aufnahme um 1903, Basel. (Bild: pd)

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