Die gute Seele ersetzt die Kassiere

Der FC Sirnach verliert in der 2. Liga interregional gegen Leader Chur mit 1:3. Ruth Hollenstein ist während des ganzen Fussballspiels auf dem Platz, aber sie sieht dennoch kein einziges Tor.

Beni Bruggmann
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Ruth Hollenstein (Bild: Urs Nobel)

Ruth Hollenstein (Bild: Urs Nobel)

FUSSBALL. In Altstätten, Widnau und Frauenfeld wird Fussball auf einer abgeschlossenen Anlage gespielt. Wer zuschauen will, geht am Kassahäuschen vorbei und zahlt Eintritt – oder zeigt seinen Ausweis. In Sirnach ist es anders: Der Sportplatz Kett ist eine offene Sportanlage. Zwei Wege führen zum Spielfeld. Auf diesen verlangen die Kassiere das Eintrittsgeld. An diesem kalten Sonntagnachmittag sind die Zugänge frei, kein Kassier ist zu sehen.

Ausreden helfen nichts

«Die beiden Senioren, die heute diesen Dienst hätten leisten sollen, sind nicht erschienen», sagt Ruth Hollenstein. Sie war früher Kassierin beim FC Sirnach, ist Ehrenmitglied und arbeitet bei jedem Heimspiel im Clubrestaurant. Um halb elf hat sie begonnen, und bis alles wieder in Ordnung ist, wird es 18 Uhr sein. Weil die Senioren nicht erschienen sind, nimmt sie im Verlauf der ersten Halbzeit das grosse Portemonnaie und die Tickets und geht durch die Zuschauerreihen.

Nicht alle wollen zahlen. Auch heute hört sie Standardausreden: «Ich gehe gleich wieder.» «Ich war hier früher Spieler.» «Mein Freund spielt.» Diese Begründungen hindern sie nicht daran, höflich den geforderten Betrag zu verlangen. Am Schluss hat sie 60 Billette zu acht Franken verkauft. «Heute ist das Wetter sehr unfreundlich», sagt sie, «deshalb sind etwas weniger Leute gekommen. In der Regel reicht das Eintrittsgeld, um die drei Schiedsrichter zu bezahlen. Diesmal sind wir etwas darunter.» 660 Franken kostet ein Trio in der 2. Liga Interregional.

Vom Spiel sieht Hollenstein nichts. Als die Churer Gabriel Derungs und Serkan Karamese in der ersten Halbzeit innert fünf Minuten zwei Tore erzielen, ist sie mit den Tickets unterwegs. Auch die beiden Penaltytore in der zweiten Hälfte, zuerst durch Sirnachs Neuzugang Edgar Coutinho zum 1:2 und in der Nachspielzeit durch den Churer Olcay Gür, sieht sie nicht. Aber so etwas kann man auch hören. Sie ist jederzeit über den Spielstand informiert.

Mit Finanzen vertraut

Die gute Seele, die bei Sirnach immer dort hilft, wo einer fehlt, hat keinen Bezug zum Fussball. Gemeinsam mit ihrem Mann Beat Hollenstein hat sie in Sirnach eine Bäckerei geführt, er stand in der Backstube, sie im Laden. Da hat sie gelernt, mit den Finanzen umzugehen. Und als sie die Bäckerei aufgegeben haben, hat sie beim FC das Kassieramt übernommen.

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