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Kommentar

Die grosse Analyse vor dem Nations-League-Final: Die Gewinner und Verlierer der Schweizer Nati

Die kommenden Tage im Nations-League-Final werden aufzeigen, wie weit die Schweizer Nationalmannschaft im Vergleich zu den Topnationen wirklich ist. Innerhalb des Teams stehen einige Gewinner und Verlierer bereits jetzt fest. Ein Verlierer ist, zumindest vorerst, Ex-Captain Stephan Lichtsteiner. Ihm droht ein unwürdiges Ende der Nationalmannschaftskarriere.
Christian Brägger
Christian Brägger, Sportredaktor St.Galler Tagblatt.

Christian Brägger, Sportredaktor St.Galler Tagblatt.

Die Nations League. Es ist müssig darüber zu diskutieren, was man von ihr halten soll, ob sie nun Chabis und Geldmacherei der Uefa ist. Oder ein sinnvoller Ersatz für Testspiele und dank eines möglichen Titelgewinns einen höheren Stellenwert hat. Man lasse die Meinungen einfach stehen, es änderte ohnehin nichts. Die Ränge an den beiden Spielorten Porto und Guimarães werden so oder so gut besucht sein an den Halbfinal- und Finalpartien, wenn die besten vier Teams der höchsten Nations-League-Liga aufeinandertreffen. Doch den Hype, den gibt es vor Ort bislang nicht.

Insbesondere aber sind es K.o.-Spiele, die kein Trainer der Welt simulieren kann, egal, wie der Gegner hiesse. Bekanntlich scheitert die Schweiz an Grossanlässen in solchen Endspiel-Momenten stets; die überstandene Barrage gegen Nordirland im Herbst 2017 nicht mitgerechnet. Diese Tatsache verändert die Herangehensweise ans Final Four für die aktuelle Schweizer Generation, die sich altersmässig um den Stamm mit Granit Xhaka, Fabian Schär oder Xherdan Shaqiri langsam dem Zenit nähert. Von der man sagt, sie sei die vielleicht talentierteste, die das Land jemals gesehen hat.

Die zwei bevorstehenden Partien sind somit eine Art Schulstunde für den Erfahrungsschatz und kommende, höhere Aufgaben an einer EM oder WM, um es womöglich einmal in einen Viertelfinal zu schaffen.

Gewiss werden die Tage in Portugal einen nächsten Ansatz liefern, wie weit diese Schweiz tatsächlich ist und was man von ihr halten soll in einem Feld mit Topnationen. Es wäre schön, wenn das 5:2 gegen Belgien als Benchmark diente, aber soweit ist sie noch lange nicht. Ohnehin bleibt die Zuneigung zur Nationalmannschaft volatil. Sie ist abhängig vom Gebotenen, das in jüngster Zeit beileibe nicht schlecht war bis auf den WM-Dämpfer in Russland gegen Schweden. Und manchmal genügt den Zuschauern wie in der EM-Qualifikation nicht einmal das Topspiel gegen Dänemark, um sie ins Stadion zu locken. Der St. Jakob-Park blieb halbleer.

Nach dem Dänen-Spiel wurde zudem wieder einmal deutlich, wie kritisch Medien und Anhänger dem Nationaltrainer Vladimir Petkovic noch immer gegenüberstehen. Arrogant und fahrlässig sei es gewesen, Granit Xhaka bei der 3:0-Führung auszuwechseln. Wie konnte Petkovic nur so handeln. Die angebliche Verletzung Xhakas wurde nach dem 3:3 als Schutzbehauptung des Nationalcoachs abgetan.

Dass der zentrale Mittelfeldspieler in der Folge drei Pflichtspiele mit Arsenal an der Leiste verletzt verpasste, interessierte im Nachgang niemanden. Da hatten es Petkovics Vorgänger leichter.

Petkovic kann eine gewinnende Art haben und lustig sein, wenn er sich fernab von Mikrofonen und TV-Geräten in privater Atmosphäre präsentiert. Dort kommt seine fehlende deutsche Sprachsicherheit auch nicht zum Tragen, und womöglich würde er in dieser Gesellschaft die Personalie Stephan Lichtsteiner anders erklären als der Öffentlichkeit. Vermutlich gäbe es keine Erklärungssätze wie: «Lichtsteiner hat in der Nations League ja nie gespielt, deshalb ist er nun nicht dabei.» Dabei könnte man es auch so sehen: Petkovic geht im Final Four einfach seinen Weg konsequent weiter, den er zu Beginn der Nations League eingeschlagen hat mit dem Ziel, Neue und Junge einzubauen.

Natürlich gibt es rationale Gründe wie das Alter oder die vergangene Clubsaison, die gegen Lichtsteiner sprechen. Die emotionalen sprechen für ihn. Die Causa ist es denn auch, die derzeit in Porto trotz Abwesenheit des Captains mitschwingt. Nicht, dass sie diese Mannschaft in den zwei Spielen jetzt gross beschäftigt, aber sie beschäftigt den Trainer und die Medien und raubt damit den Fokus und Energie. Es geht um Fragen und das Mass der Loyalität, vielleicht auch um den würdigen Abschluss einer Nationalmannschaftskarriere, der in der Schweiz oft und zuletzt sogar in Deutschland bei Hummels, Boateng und Müller verpasst wurde; diesen würdigen Abschluss stellt Lichtsteiner auch selbst in Frage, weil er so lange weitermachen will, bis «es mich verbläst».

Und es wird richtig problematisch, wenn Trainer und Spieler über eine gemeinsame Geschichte mit zwei Endrunden verfügen, in denen man zusammenhielt und sich der gegenseitigen Treue sicher sein konnte.

Vielleicht wäre es ehrlicher, Petkovic würde Lichtsteiner sagen, dass er ihn nicht mehr brauchte – und genau das ist die Gretchenfrage. Die Antwort wird folgen: im Final Four, das Petkovic gewinnen will. Und in der laufenden EM-Qualifikation, in der die Schweiz noch sechs Spiele zu absolvieren hat.

Die Gewinner

Haris Seferovic

Der Überflieger. Allein in diesem Halbjahr erzielte er für Benfica 19 Tore, das brachte Meistertitel und Torjägerkrone. Nationaltrainer Petkovic hielt immer an Seferovic fest, der im letzten Herbst gegen Belgien zeigte, wie viel besser die Schweiz mit einem absoluten Topstürmer wäre. (cbr)

Fabian Schär

Am Anfang hatte Schär in Newcastle Mühe, doch er biss sich durch und in der Mannschaft fest. Im Nationalteam zeigte er jüngst seinen Wert, als er gegen Georgien trotz Knock-out brillierte. Bei Schär ist es oft so: Man merkt erst, wenn er nicht spielt, was man an ihm wirklich hat. (cbr)

Remo Freuler

Unscheinbar, fleissig und erfolgreich; Freuler spielt bei Atalanta gut und nächste Saison in der Königsklasse. Zuletzt hat sich der 27-Jährige im Nationalteam im Mittelfeld etabliert. Noch gibt es leise Zweifel, weil es hier in vergangener Zeit meist wieder Rückschläge gab. (cbr)

Kevin Mbabu

Für Mbabu folgt eine wichtige Karrierephase. Beim neuen Arbeitgeber Wolfsburg muss er sich beweisen, und im Nationalteam ist er Kronprinz auf Lichtsteiners rechte Verteidigerposition. Der talentierte 24-Jährige wirkt abgeklärt genug, diese Prüfung zu bestehen. (cbr)

Xherdan Shaqiri

Den Triumph in der Champions League mit Liverpool kann ihm niemand nehmen. Auch wenn Shaqiri im Final nicht spielte. Es war ein durchzogenes Jahr in England, für die Schweiz ist er dennoch das, was er immer war: Er kann sie besser machen und auf eine höhere Ebene bringen. (cbr)

Die Verlierer

Stephan Lichtsteiner

Er will noch, aber Nationaltrainer Petkovic scheint den Verteidiger nicht mehr richtig zu wollen. Lichtsteiner spielte in der Nations League keine Rolle, auch im Final Four und bei Arsenal wird er das nicht mehr tun. Es droht der stille Abgang eines Grossen durch die Hintertür. (cbr)

Mario Gavranovic

Mit ihm durfte man rechnen in Portugal. Nun ist Gavranovic nicht dabei, dafür Drmic. Neun Tore und der Meistertitel in Kroatien mit Dinamo Zagreb waren nicht genug. Petkovic hält wenig von der Liga, und irgendwie hat Gavranovic im Schweizer Team nie richtig Fuss gefasst. (cbr)

Roman Bürki

Bei Dortmund mit den besten Noten, im Nationalteam mit schlechten Karten bei Petkovic nach dem temporären Rücktritt aus dem Nationalteam am Anfang des Jahres. Das Leben als «ewige» Nummer zwei im Tor ist kein Zuckerschlecken; Bürkis Aktion war auch eine Art Hilferuf. (cbr)

Breel Embolo

Wann kommt er endlich an? Embolo ist bei Schalke und im Nationalteam – an beiden Orten müsste er vom Talent her Fixstarter sein – nie richtig durchgestartet. Das lag mehrheitlich an den vielen Verletzungen, die ihn zurückwarfen. Auch das Final Four verpasst er nun. (cbr)

Michael Lang

Seit 2013 ist der Verteidiger im Nationalteam in der Warteschlaufe. Lang galt spätestens nach dem Clubwechsel zu Gladbach, wo er zuletzt Mühe bekundete, als Nachfolger Lichtsteiners. Nun scheint ihm hier Mbabu den Rang abzulaufen. Für Lang hiesse das: Wieder warten. (cbr)

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