Die Geissel des Radsports

Die Tour de France und Doping scheinen zusammen zu gehören. Seit der Affäre Festina 1998 werden die unerlaubten Hilfsmittel, meistens in Form von Medikamenten, häufiger thematisiert als die Leistungen der Profis auf der Strasse. Der Ostschweizer Niki Rüttimann fuhr stets sauber.

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Erfolge ohne Doping: Niki Rüttimann 1985 an der Tour de Suisse. (Bild: ky/von Wartburg)

Erfolge ohne Doping: Niki Rüttimann 1985 an der Tour de Suisse. (Bild: ky/von Wartburg)

Zwischen der 99. und der am Samstag beginnenden 100. Ausgabe der Tour de France ist mit der Disqualifikation des amerikanischen Seriensiegers Lance Armstrong nochmals ein neues und das bedeutendste Kapital in der Serie prominenter Dopingfälle aufgeschlagen worden. Armstrong hatte die Tour de France zwischen 1999 und 2005 siebenmal in Folge gewonnen. Der Verdacht fuhr stets mit, aber erst unter dem Druck der amerikanischen Antidopingagentur gab Armstrong Mitte Januar Doping zu. Langjährige Weggefährten des Texaners berichteten unter Eid, dass Armstrong vom Anfang bis zum Ende der Karriere als Veloprofi Dopingmittel verwendet habe. Bei Amerikas TV-Talk-Queen Oprah Winfrey gab Armstrong genauso viel preis, wie ihm bewiesen werden konnte. Diese Praxis passt ins gängige Schema.

Auch Kübler unter Verdacht

Auch Ferdi Kübler geriet einst unter Verdacht, mit verbotenen Mitteln «nachzuhelfen», und erst noch in viel zu starken Dosen. Der Vorwurf stammte nicht von irgendwem, sondern von Jacques Goddet, dem langjährigen Direktor der Tour de France. Kübler war 1949 am Grossen Sankt Bernhard eingebrochen und musste aufgeben. Allerdings war Doping damals nicht verboten. Erst 1968 wurden in der Tour de France die ersten Dopingkontrollen durchgeführt – gegen massiven Protest notabene.

Im Fall Kübler dürfte sich Goddet, der der Tour von 1936 bis 1986 vorstand, höchstwahrscheinlich geirrt haben. Der 1919 geborene Kübler ist seit langem der älteste noch lebende Sieger der Tour de France. Küblers Vertrauensarzt sagte: «Er hasst Aufputschmittel. Er hat sie auch nicht nötig.» Kübler selber betont, er habe immer eine instinktive Abneigung gegen Pillen und Spritzen gehabt.

Fausto Coppi, der die Tour 1949 gewann, starb 1960 als 41-Jähriger an einer Malaria. Champions wurden in der Regel nicht alt. Jacques Anquetil, der als erster Fahrer fünf Gesamtsiege verbuchte, erlag 1987 im Alter von 53 Jahren einem Magenkrebs. Als Folge von jahrelangem Dopingmissbrauch, wie vermutet wird.

Erster Toter im 19. Jahrhundert

Der erste Tote im Zusammenhang mit Doping war 1896 der Brite Arthur Linton. Sein Immunsystem war vom Missbrauch verbotener Substanzen derart geschwächt, dass er eine Typhus-Erkrankung nicht überlebte. In der Zwischenkriegszeit wurde vor allem in Belgien und Frankreich häufig mit Strychninkuren nachgeholfen. Strychnin wurde früher als Rattengift verwendet. Die Rennfahrer gewöhnten sich mit geringen Dosen an das Gift, um in einem wichtigen Wettkampf mit höheren Dosen die Schmerzgrenze zu erweitern. Später griffen die Rennfahrer zu Stimulanzien wie Amphetaminen. Medikamente wie Anabolika und Kortison kamen in den 60er-Jahren auf, Blutdoping ein Jahrzehnt später.

Niki Rüttimann als Vorbild

Niki Rüttimann war in den 80er-Jahren einer der besten Rennfahrer. Der Ostschweizer aus Untereggen, WM-Zweiter 1983 in Altenrhein, gewann 1986 die 14. Etappe der Tour de France. Er beendete die Tour 1986 überdies als Gesamtsiebter, obschon er als Helfer der Champions Bernard Hinault und Greg LeMond angestellt war. Der Veloprofi Rüttimann galt als exemplarisch «sauber». Zahlreiche andere Rennfahrer jener Zeit bestätigen, dass Rüttimann ohne Doping fuhr, wie die Mountainbike-Weltmeisterin Jolanda Neff in ihrer 2011 erschienenen Maturaarbeit «Tour de France – ohne Doping möglich?» schreibt. «Sauber» bedeutet für Rüttimann nicht nur, nie positiv getestet worden zu sein, sondern eine ausnahmslos dopingfreie Karriere und der Verzicht auf sämtliche nicht lebensnotwendigen Hilfsmittel. Rüttimann bestritt die Tour de France siebenmal. 1990 trat er aufgrund gesundheitlicher Probleme zurück. Rüttimann war 1986 häufig Zimmerkollege des Amerikaners LeMond, der die Tour de France in jenem Jahr für sich entschied. Rüttimann ist überzeugt, dass LeMond während der gesamten Karriere auf den Einsatz von verbotenen Substanzen verzichtete. «Ich kannte ihn sehr gut. Wir haben oft darüber gesprochen.» LeMond gewann die Tour de France auch in den Jahren 1989 und 1990.

Mit EPO ändert sich die Hierarchie

Anfang der 90er-Jahre änderte sich alles. Die Rennfahrer entdeckten Erythropoetin. Das unter der Bezeichnung EPO besser bekannte Hormon regt die Bildung der roten Blutkörperchen an und verbessert den Sauerstofftransport. 1991 fühlte sich LeMond in Topform. In Tests war er schneller als je zuvor. Umso überraschter war der amerikanische Champion, als im Rennen die Gegner reihenweise an ihm vorbeizogen. 1994 konnte LeMond dem Feld in einer Flachetappe nicht einmal mehr im Windschatten folgen. «Die unglaubliche Vorstellung, dass ein ehemaliger Tour-Sieger dem Peloton nicht mehr folgen kann, zeigt in aller Deutlichkeit, wie schwerwiegend EPO den Radsport verändert hat», folgert Neff in ihrer Maturaarbeit.

Der bald 51jährige Rüttimann sagt im Vergleich seiner Ära in den 80er-Jahren mit der späteren EPO-Epoche: «Zu meiner Zeit waren die Unterschiede durch Doping nicht so auffällig. Als ich fuhr, gab es EPO noch nicht. Gedopt wurde vor allem mit Kortison. Diese Substanz verlieh keine Flügel, aber sie machte vielleicht den Unterschied an der Spitze aus. Man musste ein totales Ausnahmetalent sein wie Greg LeMond, um die Tour de France ohne Doping zu gewinnen.»

Fast immer der Radsport am Pranger

Rüttimann bedauert, dass im Zusammenhang mit Doping fast immer nur vom Radsport die Rede ist. «In anderen Sportarten wird auch gedopt», sagt Rüttimann. «Aber im Radsport gibt es eben die meisten Kontrollen, das hat mehr positive Fälle zur Folge.» Nicht einverstanden ist Rüttimann mit der Politik des Schweizer Radsport-Verbandes. Swiss Cycling unterstützt die Wiederwahl von Pat McQuaid als Präsident des Internationalen Radsportverbandes, obschon der Ire McQuaid «nicht über alle Zweifel erhaben ist».

Wie «sauber» ist der Radsport heute? Die Dopingkontrollen werden professioneller, häufiger und gezielter durchgeführt. Siege in schweren Eintagesrennen sind ohne Doping möglich. Offen bleibt die Frage, ob auch der Gewinner der 100. Tour de France ohne verbotene Substanzen unterwegs ist. Ein Blick in die Siegerlisten der vergangenen Jahre lassen Zweifel offen. Armstrongs sieben Siege wurden gestrichen. Weil auch die nächstklassierten Fahrer «verdächtigt waren», rückte keiner nach. Erster Nachfolger von Armstrong war 2006 dessen früherer Helfer Floyd Landis. Dem Amerikaner wurde der Gesamtsieg aber nachträglich wegen eines zu hohen Testosteronwertes aberkannt. Auch Alberto Contador, der Sieder der Jahre 2007, 2009 und 2010 wurde wegen Dopings gesperrt.

Daniel Good

Der siebenfache Sieger Lance Armstrong gestand Doping Mitte Januar vor einem Millionenpublikum bei der ebenso berühmten TV-Talk-Masterin Oprah Winfrey. (Bild: ap/George Burns)

Der siebenfache Sieger Lance Armstrong gestand Doping Mitte Januar vor einem Millionenpublikum bei der ebenso berühmten TV-Talk-Masterin Oprah Winfrey. (Bild: ap/George Burns)