Die ganze Welt in einem Raum

KREUZLINGEN. Im Kunstraum Kreuzlingen hat Jérôme Chazeix mit der Rudolf-Steiner-Schule Kreuzlingen zusammengearbeitet. Entstanden ist «Ursprung der Berge», ein multimediales Gesamtkunstwerk mit szenischen Elementen.

Dorothee Kaufmann
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Aus dem Kunstraum Kreuzlingen einen «Zeix-Raum» gemacht: Chérôme Chazeix hat mit Schülern der Steiner-Schule zusammengearbeitet. (Bild: Nana do Carmo)

Aus dem Kunstraum Kreuzlingen einen «Zeix-Raum» gemacht: Chérôme Chazeix hat mit Schülern der Steiner-Schule zusammengearbeitet. (Bild: Nana do Carmo)

«Anything goes» möchte man meinen, wenn man die Räume des Kunstraumes betritt: Die Wände sind geometrisch in Op-Art-Manier gestaltet und für einmal unerbittlich schwarz-weiss gezackt, Bildkollagen früherer Projekte halten kleinformatig dem Umfeld stand, von der Decke hängen geometrische Papiergebilde wie Himmelskörper, die deutlich auf die antike Sphärenharmonie anspielen, nach der die Bewegung der Himmelskörper und der Sphären Töne sinfonisch zusammenklingen lässt.

Die ideale Welt

Zugrunde liegt hier ein geschlossenes, idealistisches Weltbild, in dem zum Beispiel Musik und Geometrie ihre Entsprechungen habe. Um ein solches idealistisches Weltbild hat – zu Beginn der Moderne – ein letztes Mal Goethe gerungen. Rudolf Steiner und die Anthroposophie haben diese Gedanken fort bis in die Gegenwart getragen.

Für ein derartiges experimentelles Projekt hat der Kunstraum erstmals eine Schule gewinnen können. Für die 9. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule boten die zwei Wochen gemeinsamer Projektarbeit des Künstlers mit den Schülern Raum und Zeit für kreatives Schreiben, Übersetzen, textiles Werken, Musik, Eurhythmie und szenische Deklamation. Die fünfzehn Schüler gaben sich in dieses Projekt hinein, gestalteten in kürzester Zeit Kostüme, kamen aber auch an ihre Grenzen.

Kleider und sphärische Klänge

Der französische Künstler Jérôme Chazeix, der seit fünfzehn Jahren in Berlin lebt, ist anspruchsvoll bei seinen enzyklopädischen Multimedia-Installationen. Es entsteht jeweils ein Gesamtkunstwerk zu einem Thema, ein «Zeix-Raum», wie es der Künstler in Anlehnung an seinen Nachnamen selbst nennt. Dieser Raum funktioniert als Ausstellung, als Bühne, als vernetzte Enzyklopädie, als pädagogisches Vermittlungsprojekt, aber auch als Kaleidoskop der Brechungen durch Klischees, Stereotype und Differenz der Erwartungen. So stehen in den Zeix-Räumen immer auch Kostüme an einem Kleiderständer kultureller Identitäten bereit – eine Spielart der Mode.

Die sphärischen Klänge, die unter anderem zu hören sein werden, liess Chazeix vom Elektro-Kollektiv leed:audio in Leipzig erstellen. Mit den Schülern dagegen nahm er das französische Trinklied «Tourdion» aus der Renaissance und dichtete mit ihnen eine dramatische Vision zur Entstehung der Berge aus den menschlichen Organen. Teilweise bediente sich der Künstler didaktischer Kunstgriffe wie dem des Textpuzzles, denn er entnahm einem anthroposophischen Kunstlehrwerk an die hundert Überschriften und liess durch Kombinatorik Neues entstehen. Dieser neu entstandene Text wird dann an der heutigen Vernissage zur alten Melodie eurhythmisch vorgetragen und gefilmt. Sprechgesang rückt das Ganze in Richtung zeitgenössische Musik und damit schliesslich auch in die Nähe der Alltagserfahrung einer Disco.

Kreativ umgedacht?

Das entstandene Video schliesslich gehört zum Bestandteil der Gesamtinstallation, zusammen mit einem symmetrisch gedoppelten Film zum Thema Berge, einem Schweizer Mythos folgend.

Eigentlich kann hier nichts schiefgehen. Die Ingredienzien entsprechen den Erwartungen des Umfeldes: Man nehme ein bisschen Anthroposophie, ein bisschen Schweizer Mythos und ein bisschen Nonkonformismus, mische das Ganze und bediene sich der Jugend als Medium der Verbreitung: «What you see is what you get», ein geschlossener Kosmos der Ideen ohne Gefahr des kreativen Umdenkens. So bleibt offen, ob die Haltung des Künstlers eher affirmativ oder eher ironisch dekonstruktiv zu nennen wäre.

Jérôme Chazeix: Ursprung der Berge, Kunstraum Kreuzlingen. Vernissage: Fr, 13.9., 19.30; Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr; bis 13.10.