Die Fragilität des Systems

Mit dem 3:0-Sieg gegen St. Gallen deckt Sion im Nachtragsspiel schonungslos die Anfälligkeit der Ostschweizer Hintermannschaft auf. Das hohe Verteidigen birgt grosses Gefahrenpotenzial.

Christian Brägger
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FUSSBALL. Logisch, im nachhinein wähnt man sich immer klüger. Vielleicht hätte die St. Galler Verteidigung – auch wenn sie diese Bezeichnung am Mittwochabend nicht verdiente – gegen die flinken, trickreichen Stürmer Sions gestaffelt stehen sollen. Und vermutlich hätte sie nicht so nahe bei der Mittellinie versuchen dürfen, das Heimteam unter Druck zu setzen.

Doch Trainer Jeff Saibene fordert diese Spielweise von seinem Team seit Beginn der Rückrunde in jeder Partie, weil er darin vor allem Vorteile sieht: Das frühe Pressing hindert den Gegner am Spielaufbau, die Angriffe ersticken im Keim; dafür erhält St. Gallen in der gegnerischen Platzhälfte mehr Ballbesitz und erhöht die Anzahl Torchancen. Allein diese Wünsche waren der Vater des Gedanken.

System bleibt, keine Frage

Saibene war sich auch nach der 0:3-Niederlage sicher, dass er den offensiven Verteidigungsstil beibehalten wird: «Wir waren bisher damit ja auch erfolgreich.» Da hat der Trainer sehr wohl recht. Nur muss er bedenken, dass im Wesen seiner Taktik bei clever vorgetragenen Angriffen des Gegners oder bei rasanten Gegenstössen auch Nachteile liegen und das Gefahrenpotenzial ungleich grösser ist. Bei den drei Gegentoren durch Moussa Konaté, die alle nach demselben Schema mit Bällen in die Tiefe respektive in den Rücken der Hintermannschaft fielen, zeigte sich die St. Galler Verteidigung anfällig.

Will Saibene in Zukunft also weiterhin so verteidigen lassen, sind für seine Hintermannschaft gewisse Attribute unabdingbar: Sie muss spielstark, spurtschnell und wachsam sein. Gegen Sion waren es gerade diese Eigenschaften, die Pascal Thier, Daniele Russo und Stéphane Besle vermissen liessen – einzig Linksverteidiger Mickaël Facchinetti wirkte ein wenig konzentrierter.

Eineinhalb Gegentore pro Spiel

In den 24 Saisonspielen kassierten die Ostschweizer nun bereits 36 Gegentreffer. Zu viele für einen Club mit Zielen, die in den Cupsieg oder vierten Meisterschaftsrang münden mögen. Saibene sagte: «Unser Auftritt ist schwierig zu erklären. Gute Mannschaften spielen beständig auf einem guten Level.» Doch was genau ist nun St. Gallen? Bereits am Sonntag gegen Vaduz kann es das zeigen.