Die Fehler von Sommer, die Aussichten von Shaqiri und die Frage: Wer fehlt in dieser Resultatkrise?

Das Schweizer Fussball-Nationalteam leidet 2020 weiterhin. Das 0:1 in Spanien ist bereits das vierte Spiel ohne Sieg hintereinander. Lesen Sie die vier jüngsten Erkenntnisse aus dem Nati-Zirkel.

Etienne Wuillemin
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Wohin des Weges? Nach vier Spielen ohne Sieg wird die Sehnsucht nach einem Erfolgserlebnis für Petkovic und Co. grösser.

Wohin des Weges? Nach vier Spielen ohne Sieg wird die Sehnsucht nach einem Erfolgserlebnis für Petkovic und Co. grösser.

Keystone

Als der Abend in Madrid zu Ende ging, schritten die Trainer vor die Mikrophone. Und wie das so ist, können die Ansichten nach 90 Minuten manchmal derart weit auseinander liegen, dass man sich fragt: Haben alle dasselbe Spiel gesehen? Spaniens Coach Luis Enrique also sagte: «Was mir am meisten gefallen hat ist, dass wir am Ende nie um den Sieg fürchten mussten. Dass es gelungen ist, die Schweiz weit von einem Torerfolg fernzuhalten.» Und Vladimir Petkovic? Der Schweizer Trainer sagte: «Schön war, dass man am Ende das Gefühl bekam, die Spanier hätten Angst, dieses Spiel gegen uns doch nicht zu gewinnen.»

Dani Olmo (L gegen Ricardo Rodriguez.
16 Bilder
Yann Sommer hat viel zu tun.
Xherdan Shaqiri wird eingewechselt
Eindrücke aus dem Spiel Spanien – Schweiz.
Eindrücke aus dem Spiel Spanien – Schweiz.
Eindrücke aus dem Spiel Spanien – Schweiz.
Dani Olmo gegen Remo Freuler (R).
Yann Sommer mit einer guten Pa
Ricardo Rodriguez.
Die Spanier gehen 1:0 in Führung
Die Schweizer kassieren das 1:0.
Loris Benito ist nach dem 1:0 frustriert.
Die Schweizer bekunden Mühe.
Spaniens Dani Olmo im Zweikampf mit Remo Freuler.
 Granit Xhaka.
Spainens Sergio Ramos erkämpft sich dne Ball von Admir Mehmedi.

Dani Olmo (L gegen Ricardo Rodriguez.

Rodrigo Jimenez / EPA

Natürlich, Petkovic darf Anwalt seiner Equipe sein. Vor allem in einem Moment, wo die Resultate zwar nicht stimmen, die Gegner aber hochkarätig sind. Nach einem 0:1 gegen Spanien überdies, das seine letzten Heimspiele zuvor 4:0, 5:0, 7:0, 4:0 und 3:0 gewonnen hat. Es ist gleichwohl ratsam, gewisse Dinge anzusprechen und den Tatsachen in die Augen zu schauen. Zum Beispiel diesen vier Erkenntnissen.

1. Die Fehler von Sommer mehren sich – der Bonus bleibt

Es ist eine neue Debatte. Eine, zu der es jahrelang keinen Grund gegeben hat. Weil eines immer klar war: Yann Sommer ist die Perfektion im Schweizer Tor. Je wichtiger das Spiel, desto besser seine Leistung.

Nun hat Sommer in diesem Nati-Herbst ein erstes Mal, seit er im August 2014 zum Stammtorhüter befördert wurde, einige Kratzer erlitten. Bereits beim 1:2 in der Ukraine sah er beim ersten Gegentor nicht gut aus. Nun kam in Spanien ein zweites Mal ein spielentscheidender Fehler hinzu.

Die Frage lautet also: Ist das beunruhigend? Die Prognose heisst: nein! Sommer, er wird im Dezember 32 Jahre alt, ist dann am besten, wenn es wirklich zählt. Also an der EM. Er ist selbstkritisch genug, um seine Schlüsse aus den Fehlern zu ziehen. Er wird der Nati noch viele Momente des Staunens bescheren – wegen Paraden, nicht Gegentoren. Und klar ist auch: Wegen seinen Verdiensten verfügt er zurecht über einen Bonus. Er ist und bleibt unumstritten.

2. Shaqiri dauerhaft als Joker – warum nicht?

Natürlich war er die Geschichte des Abends, Xherdan Shaqiri. Sein Comeback im Nati-Dress nach 489 Tagen (oder etwas mehr als 16 Monaten) ist eine Wohltat. Weil er in Phasen des offensiven Stillstands immer noch am ehesten für einen Moment der Überraschung oder gar Genialität sorgen kann in diesem Schweizer Kader. Selbst wenn sein Spielrhythmus wie derzeit besorgniserregend tief ist.

Plötzlich nur noch Joker? Geht das? Und wie toll fände das Shaqiri selbst?

Plötzlich nur noch Joker? Geht das? Und wie toll fände das Shaqiri selbst?

Keystone

Trainer Petkovic sagte, er habe sich vor dem Spiel überlegt, wie es am besten passe, mit oder ohne Shaqiri. Und kam zum Schluss: ohne ihn. Es ist eine verständliche Enttscheidung, weil Shaqiri ohne Spielpraxis bezüglich Tempo und Intensität nicht über 90 Minuten mithalten kann. Die Befürchtung ist, dass dies auch weiter so bleibt. Weil es keine Anzeichen gibt, dass sich an seiner bemitleidenswerten Situation in Liverpool etwas ändert. Auch wenn er jüngst Unterschlupf fand im 24er-Kader für die Champions League.

Die Schweizer Nati hat sich in den letzten 16 Monaten ohne Shaqiri ein wenig von ihm emanzipiert. Darum gibt es nun mit Blick auf die nächsten Spiele, ja vielleicht sogar auf die EM eine neue Möglichkeit: Shaqiri als Joker. Das hat durchaus seinen Reiz. Die Frage ist nur: Erkennt er diesen Reiz auch selbst?

3. Der laue Schweizer Sturm – aber wer fehlt eigentlich?

Präsenz im Strafraum: Hier trifft Denis Zakaria, beobachtet von Breel Embolo. Die beiden fehlen derzeit der Nati merklich.

Präsenz im Strafraum: Hier trifft Denis Zakaria, beobachtet von Breel Embolo. Die beiden fehlen derzeit der Nati merklich.

Keystone

Der Abend in Madrid hatte auch etwas Ernüchterndes. Wieder einmal musste man konstatieren: Die Schweizer sind gehobenes Mittelmass, aber mehr nicht. Das Potenzial, die Grossen des Weltfussballs einmal zu besiegen ist da. Aber es braucht dazu ein Schweizer Team, das über sich hinauswächst und einen Gegner, der nicht gerade in berauschender Form ist.

Ernüchternd ist vor allem, was die Schweizer in der Offensive bieten. Derart wenige Chancen wie gestern, das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Seferovic ist häufig genug eine Wundertüte, ohne die Unterstützung aus dem Mittelfeld ist er komplett wirkungslos. Mehmedi ist beim einem Gegner der Güteklasse Spaniens überfordert. Und ob die jungen Itten und Ajeti schon so weit sind, um der Schweiz wirklich helfen zu können – Fragezeichen erlaubt.

Das bringt uns zur Frage: Wer und was fehlt? Einige Hoffnungen darf die Schweiz in die Rückkehr von Denis Zakaria und Breel Embolo stecken. Zakaria hat sich an der Seite von Xhaka als beste Kombination herausgestellt. Er funktioniert trotz Aura und Präsenz des Captains. Und er stösst gerne nach vorne, bietet wuchtige Unterstützung in den Angriffen. Etwas, das weder Freuler noch Sow regelmässig gelingt. Embolo schliesslich hat sich nach seinen Leidensjahren in Gladbach wieder gefangen. Und war zuletzt auch in der Nati wieder auf dem Weg zurück zur Leichtigkeit, die ihn in jungen Basler Jahren so sehr ausgezeichnet hatte. Es ist zu hoffen, dass seine Fussverletzung, die er beim 1:1 gegen Deutschland erlitt, nicht einen erneuten dauerhaften Rückschlag bedeutet.

4. Es geht jetzt gegen den Abstieg – Achtung auf die Weltrangliste

Die Erinnerungen an den Juni 2019 verblassen langsam. Die Teilnahme der Schweiz am Nations-League-Finalturnier wird vorerst einmalig bleiben. So viel ist jetzt schon klar. Allerdings: Wer erwartet hatte, die Schweiz in einer Gruppe mit Spanien, Deutschland und der Ukrainer Erster wird, leidet an Realitätsverlust.

In den verbleibenden drei Spielen geht es nun darum, den Abstieg in die Liga B zu verhindern. Der eine Punkt gegen Deutschland könnte sich am Ende noch als wertvoll erweisen. Dann nämlich, wenn die Schweiz zum Abschluss in Luzern am 17. November die Ukraine besiegen würde – und beide Mannschaften vorher keine weiteren Punkte gewinnen. In diesem Fall wäre der Abstieg verhindert. Und hochkarätige Gegner auch in einer nächsten Austragung der Nations League garantiert.

Ebenfalls nicht ganz zu unterschätzen ist derzeit die Fifa-Weltrangliste. Die Version Mitte November ist ausschlaggebend für die Qualifikation zur WM 2022. Europa erhält 13 Startplätze. In der Qualifikation sind die 10 besten Teams aus Europa gesetzt. Derzeit steht die Schweiz genau auf Rang 10, bedrängt von Dänemark, Schweden und Polen. Allein schon deswegen wären gute Resultate in den verbleibenden vier Spielen bis und mit November (gegen Deutschland, Belgien, Spanien, Ukraine) wichtig. Am Dienstag in Deutschland gilt es überdies zu verhindern, dass die Schweiz erstmals seit zehn Jahren in fünf aufeinanderfolgenden Spielen ohne Sieg bleibt.