Die erste Uni-Woche

Endlich geht das Leben los! Schon Wochen im voraus freute ich mich auf den langersehnten Beginn meines Studiums.

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Endlich geht das Leben los! Schon Wochen im voraus freute ich mich auf den langersehnten Beginn meines Studiums. Eigentlich ist alles perfekt: Ich kann mich täglich der interessanten Juristerei widmen, werde viele neue Leute kennenlernen und wandere endlich vom provinziellen Thurgau in die pulsierende Grossstadt Zürich aus.

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Dem ersten Uni-Montag sah ich also mit grosser Vorfreude entgegen, es war ein regelrechter Höhenflug der Gefühle. Der tatsächliche Start war aber eher eine Bruchlandung: Der Zürcher Tramverkehr war am besagten Montagmorgen wegen eines Unfalls praktisch komplett lahmgelegt. Verzweifelt, ohne Stadtplan und mit schlechtem Orientierungssinn ausgestattet, erfragte ich mir also den Weg zur Uni und stand kurz vor Beginn der ersten Vorlesung tatsächlich im richtigen Saal.

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Rund 500 Gesichter schielten mir entgegen, ich schluckte einmal leer und ergatterte mir umgehend einen Platz auf der Treppe einer total überfüllten Aula.

Der Professor machte gleich klar: Das Studium wird eine anstrengende Zeit. Wer nicht bereit sei, täglich zu büffeln, der sei hier falsch. Ein Raunen ging durch das Publikum. Und plötzlich fielen mir unter den vielen Studenten Gesichter auf, die ich eindeutig kannte. «Hey, was machst du denn hier? Warst du nicht auch an der Kanti Kreuzlingen?». So kamen wir Thurgauer in der Pause ins Gespräch. Es folgte ein erstauntes Nicken und ein erfreutes Grinsen. Dass man sich zur Kantizeit aus mangelnder Sympathie aus dem Weg gegangen war, zählte an einem Tag wie diesem nicht. Frischlinge müssen schliesslich zusammenhalten.

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Gemeinsam machten wir Thurgauer uns von nun an unerschrocken im Uni-Dschungel auf die Suche nach den richtigen Hörsälen: Egal ob KOL-G-201, HAH-E-3 oder SOD-1-104 – wir fanden sie alle problemlos. Und nach getaner Arbeit gönnten wir uns in der Mensa gerne einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce. Mehr lag aus finanziellen Gründen nicht drin: Rund 800 Franken mussten wir in der ersten Woche in Rechtsliteratur wie das ZGB, OR oder StGB investieren.

Wir sollen gut auf unsere Gesetzesbücher aufpassen, betonten die Professoren, mit diesen Büchern würde man sich schnell anfreunden. Ausserdem sei ein neues Gesetzbuch wie eine neue Frau – man wisse am Anfang nie, wohin man genau greifen solle.

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Nebst den vielen neuen Leuten und der schönen Stadt faszinierte uns Thurgauer besonders die rechtswissenschaftliche Bibliothek mit ihrer einzigartigen Architektur. Doch statt jede freie Minute zwischen den Bücherregalen zu verbringen, lernten wir auch die angenehmen Seiten des Uni-Lebens kennen: ausgelassene Gemeinschaftsabende in Bars, interessante Gespräche und natürlich die berühmt berüchtigten Studentenparties! Schon in der ersten Woche fand eine grosse Begrüssungsparty statt, an der ich aber leider nicht teilnehmen konnte. Aber die nächste kommt bestimmt. Und wenn mir nebst dem vielen Lernen doch mal langweilig werden sollte, dann kann ich immer noch bei einem der über 60 studentischen Vereine der Uni Zürich mitwirken.

So war diese erste Woche hoffentlich der Startschuss zu einer vielseitig bereichernden und interessanten Zeit als Zürcher Jus-Student. Martin Wyss