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Die erklärbare Dominanz der Titanen

Seit 2005 sahnen Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und Stan Wawrinka bei den Grand-Slam-Turnieren im grossen Stil ab. Sie werden wohl auch den Titel beim US Open (ab heute) unter sich ausmachen.
Jörg Allmeroth, New York
Oft zu sehen: Youngster Alexander Zverev (rechts) muss Routinier Roger Federer zum Sieg gratulieren. (Bild: Clive Brunskill/Getty (London, 14. November 2017))

Oft zu sehen: Youngster Alexander Zverev (rechts) muss Routinier Roger Federer zum Sieg gratulieren. (Bild: Clive Brunskill/Getty (London, 14. November 2017))

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia verzeichnet schon etwas länger den sportlichen Eintrag «Big Four». Dort ist fein säuberlich aufgelistet, wie strahlend die jüngere Tennisvergangenheit für ein kleines Grüppchen von Elitespielern war – und wie trist und frustrierend für den grossen Rest der Berufsspieler im globalen Wanderzirkus. Seit Rafael Nadal 2005 noch im Teenageralter seinen ersten French-Open-Titel gewann, wurden die Grand-Slam-Wettbewerbe fast lähmend von den absoluten Superstars beherrscht. Zählt man neben Roger Federer (37), Novak Djokovic (31), Andy Murray (31) und Nadal (32) auch noch den dreimaligen Major-Gewinner Stan Wawrinka (33) zu diesem Spitzentrupp hinzu, gab es in den letzten dreizehn Jahren nur zwei siegreiche Aussenseiter: Juan Martin del Potro bei den US Open 2009 und Marin Cilic in New York 2016. Kein Wunder, dass auch für das kommende Grand-Slam-Spektakel im Big Apple wieder einmal die üblichen Verdächtigen zu den Titelanwärtern und Wettfavoriten gehören: Djokovic besonders – nach seinem starken Comeback. Aber auch Federer und Nadal, die alten Titanen, die einst die Vormachtstellung nur weniger Profis mit ihrem Zweikampf eröffneten.

Grand-Slam-Titel

Rang Spieler Anzahl
1 Federer (SUI)* 20
2 Nadal (ESP)* 17
3 Sampras (USA) 14
4 Djokovic (SRB)* 13
5 Emerson (AUS) 12
6 Borg (SWE) 11
Laver (AUS) 11
8 Tilden 10
42 Wawrinka (SUI)* 3
Murray (GBR)* 3

Scheitert auch Alexander Zverev?

Hunderte Rivalen sind im letzten Jahrzehnt an der Dominanz von Federer und Co. gescheitert, viele von ihnen befinden sich inzwischen längst im Ruhestand. Keiner ausserhalb der Big Four oder Big Five schaffte es jemals auf den Weltranglistengipfel, mehrere Tennisjahrgänge standen während ihrer ganzen Karriere im grossen Wurfschatten der Capitanos. Wie sehr die Übermacht auch schon die Jüngeren im Nomadenbetrieb beeinflusst und belastet, zeigt das Beispiel des deutschen Ausnahmetalents Alexander Zverev (21) – schon seit er seine ersten professionellen Schritte im Tennistingelkosmos machte, wurden von ihm herausragende Ergebnisse speziell bei den Grand-Slam-Turnieren verlangt.

Dass er mit 20 oder 21 gelegentlich auf Major-Niveau früh scheiterte, wurde immer mehr mit einem alarmierten Unterton quittiert – und der Frage: Kann dieser Alexander Zverev etwas Grosses werden, kann er etwas Grosses schaffen? Oder reiht er sich in die Phalanx der Abgeprallten ein, in die von den Topgrössen distanzierten Kollegen? Es schien, als sei Zverev schon am Ende seiner Karriere, nicht etwa gerade am Anfang.

«Man muss die Kirche mal im Dorf lassen», sagt dazu Boris Becker, der dreimalige Wimbledon-Sieger, «diese ganze Next Generation hat ja noch nicht ausgelernt. Ihre Laufbahn beginnt erst, und es wird auch immer wieder Rückschläge geben.» Alexander Zverev selbst hat es allerdings nicht so sehr mit der Geduld, er heuerte jetzt Ivan Lendl als Coach an. Wächst damit die Chance, einen der dicken Pokale zu gewinnen? Oder wächst auch das Risiko des Versagens?

Eigentlich hat sich ja der Zeithorizont für Karrieren im Tennisgeschäft in den letzten Jahren merklich verändert. Viele Spieler erreichen ihre stärksten Leistungen deutlich später, viele bleiben auch bis weit in ihre Dreissiger auf der Tour. Aus einer kleinen Ü30-Fraktion ist fast eine Mehrheit bei vielen Wettbewerben geworden, auch alle aus der Elite sind jenseits der 30.

«Der erste Sieg ist der allerschwerste überhaupt.»

John McEnroe

Ihre Überlegenheit bei den Grand Slams kommt nicht von ungefähr, denn wie nirgendwo anders in der Tenniswelt zählen auf den grossen Bühnen Erfahrung, taktisches Geschick, das richtige Matchmanagement und das in vielen Jahren destillierte Selbstbewusstsein. Nichts kann bei Grand Slams das Gefühl und das Wissen ersetzen, sich schon einmal gegen alle und alles durchgebissen zu haben.

Die Einschätzung von Federer

«Der erste Sieg ist der allerschwerste überhaupt», sagt John McEnroe, der einst so geniale Amerikaner, «aber wenn du in einer Generation mit den Federers und Nadals zusammenspielst, ist es fast zur Unmöglichkeit geworden.» Für viele Jüngere sei es «extrem frustrierend» gewesen, so Big Mac, «als Federer und Nadal nach ihren Verletzungscomebacks sofort wieder Grand Slams gewannen». Und nun auch noch Djokovic, auch er schwang sich wieder zum Major-Gewinner auf, nach der tiefsten Krise seines Tennislebens. Wie gerecht und wahr ist es, was Federer, der Maestro, jüngst in einem Interview andeutete – dass die sogenannte Next Generation nicht auf einem ähnlichen Level sei wie die Youngster um Nadal damals, in den Jahren nach 2005?

US-Open-Titel

Rang Spieler Anzahl
1 Federer (SUI) * 5
Sampras (USA) 5
Connors (USA) 5
4 McEnroe (USA) 4
5 Nadal (ESP) * 3
Lendl (CSK/USA) 3
7 Djokovic (SRB) * 2
Agassi (USA) 2
Edberg (SWE) 2
Rafter (AUS) 2

Nadal, so hatte Federer ausgeführt, habe schliesslich mit 19 Jahren schon 20 Turniere gewonnen, darunter auch die French Open. Solche Quervergleiche sind selten hilfreich, es gibt schliesslich auch Experten, die behaupten, Federer und Nadal hätten in ihren Glanzjahren nicht annähernd so starke Konkurrenz gehabt wie die Asse der 80er- oder auch 90er-Jahre.

Klar ist allerdings, dass Zverev, der Grieche Stefanos Tsitsipas (20), der Kanadier Denis Shapovalov (19) oder auch der erratische Australier Nick Kyrgios (23) – allesamt Köpfe der Next Generation – Siege wirklich veredeln würden, wenn sie noch jetzt gelängen, in der langsam auslaufenden Epoche der Big Four. «Später wird jeder sagen: Na ja, Federer und Nadal und Djokovic sind ja auch nicht mehr da», sagt Mats Wilander, der frühere Weltranglistenerste aus Schweden. Es wäre ungerecht für die Jüngeren – und trotzdem wahr.

US Open

Männer. Wichtigste Partien der 1. Runde: Federer (SUI/2) – Nishioka (JPN/ATP 177), Mittwoch 1 Uhr. Wawrinka (SUI/ATP 101) – Dimitrov (BUL/8), heute 18 Uhr. Nadal (ESP/1) – Ferrer (ESP). Del Potro (ARG/3) – Young (USA). Alexander Zverev (GER/4) – Polansky (CAN). Anderson (RSA/5) – Harrison (USA). Djokovic (SRB/6) – Fucsovics (HUN). Cilic (CRO/7) – Copil (ROU). Murray (GBR) – Duckworth (AUS).

Mögliche Achtelfinal-Paarungen: Nadal (ESP/1) – Edmund (GBR/16), Thiem (AUT/9) – Anderson (RSA/5), Tsitsipas (GRE/15) – Del Potro (ARG/3), Isner (USA/11) – Dimitrov (BUL/8); Cilic (CRO/7) – Goffin (BEL/10), Schwartzman (ARG/13) – Alexander Zverev (GER/4), Djokovic (SRB/6) – Carreño Busta (ESP/12), Fognini (ITA/14) – Federer (SUI/2).

Frauen. Wichtigste Partien der 1. Runde: Bencic (SUI/WTA 43) – Sasnowitsch (BLR/WTA 37). Vögele (SUI/WTA 75) – Puig (PUR/WTA 72). Bacsinszky (SUI/WTA 751) – Krunic (SRB/WTA 50). Schnyder (SUI/WTA 189) – Scharapowa (RUS/22), Mittwoch 3.15 Uhr. Teichmann (SUI/WTA 168) – Jakupovic (SLN/WTA 93), heute 17 Uhr. Halep (ROU/1) – Kanepi (EST). Wozniacki (DEN/2) – Stosur (AUS). Stephens (USA/3) – Rodina (RUS). Kerber (GER/4) – Gasparjan (RUS). Serena Williams (USA/17) – Linette (POL).

Mögliche Achtelfinal-Paarungen: Halep (ROU/1) – Venus Williams (USA/16), Muguruza (ESP/12) – Pliskova (CZE/8), Stephens (USA/3) – Mertens (BEL/15), Görges (GER/9) – Switolina (UKR/7), Garcia (FRA/6) – Ostapenko (LAT/10), Keys (USA/14) – Kerber (GER/4), Kvitova (CZE/5) – Kassatkina (RUS/11), Bertens (NED/13) – Wozniacki (DEN/2).

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