Die Balance finden – auch im 0:2

Der Mut zum Risiko wurde nicht belohnt. Nach der Niederlage im EM-Qualifikationsspiel gegen ein sachliches England muss die Schweiz ihr Spielsystem besser justieren. Unbeirrt bleibt Trainer Vladimir Petkovic auf dem propagierten Weg.

Christian Brägger/Basel
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Abgang als Verlierer: Nationalcoach Vladimir Petkovic nach der 0:2-Niederlage gegen England. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Abgang als Verlierer: Nationalcoach Vladimir Petkovic nach der 0:2-Niederlage gegen England. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

FUSSBALL. «Ja, ich habe gut geschlafen. Ich bin gut in Form», antwortet Vladimir Petkovic mit einem Lachen auf die Frage, ob er nach dem 0:2 gegen England einen tiefen Schlaf gefunden habe. Da war es also wieder, dieses Smarte, dieses bisweilen Entwaffnende im Wesen des Schweizer Nationaltrainers. Dieser einnehmende, schwer durchschaubare Schalk, der die sympathische Person umgarnt.

Noch fällt es schwer, die Distanz zu wahren und die Balance zwischen wohlwollender und wertender Konfrontation zu finden. Noch hemmt die Ausstrahlung des hünenhaften Mannes die Kritik an seinem Schaffen, die über ihn einen Tag nach dem wenig überzeugenden Auftritt der Schweiz gegen England in durchaus heftiger Form hätte herfallen können.

Die Systemfrage

Vielmehr wurde Petkovic nach dem ersten Pflichtspiel in der Nachbetrachtung erneut mit der Systemfrage konfrontiert. Besonders, weil in der schwachen ersten Halbzeit im 4-3-3 der Schweiz wenig zusammenpasste. Aber auch, weil in der zweiten Halbzeit – just in der eigenen ersten Druckphase – der Gegner einen kapitalen Fehler Gökhan Inlers kaltschnäuzig zur vorentscheidenden Führung nutzte. War es ein Fehler infolge der zu offensiven Ausrichtung?

Petkovic sagte: «Für mich ist das System unwichtig. Mit der zweiten Halbzeit bin ich zufrieden. Wenn man mit mehr Risiko spielt, ist man anfällig auf Konter. Diese gab es aber auch, weil wir zu fehlerhaft spielten.» Sogleich schob er nach: «Wir müssen einfach selbstbewusster werden. Und wir müssen mehr kommunizieren.»

Ein grosser Abend hätte es im mit 35 000 Zuschauern ausverkauften St. Jakob-Park in Basel am Montag werden sollen. Ein Abend für die Annalen, denn erstmals nach 1981 sollte die vermeintlich «grosse» Schweiz die dem Vernehmen nach ehemals grosse Equipe aus England in die Schranken weisen. Das Resultat ist bekannt.

Vollkommen ausgeblendet, weil Petkovic die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde indes der fatale Fauxpas des Schweizer Captains Inler. So blieb es das Geheimnis des Napoli-Spielers, weshalb er in der 59. Minute versucht hatte, den Ball gegen zwei Gegenspieler spielerisch zu behaupten. Kann man sich für einen Befreiungsschlag zu schade sein? Inler sagte: «Im Fussball gibt es Fehler.»

Ganz so einfach machte es sich Petkovic in seiner Analyse nicht. Er sagte: «Unsere Chancen und diejenigen des Gegners, beides haben wir vorbereitet.» Eine mögliche Begründung lieferte er sogleich nach: «Der Auftritt war auch ein Spiegelbild für die Situation meiner Profis in den Clubs. Sie müssen mehr spielen und mehr Minuten in den Beinen haben.»

Die Partie gegen England hätte endlich zudem den Beweis liefern sollen, dass unter der Führung von Petkovic in der Schweizer Nationalmannschaft etwas Grosses entsteht und heranwächst – beispielsweise mehr als ein WM-Achtelfinal. Die Landung nach dem 0:2, das Danny Welbeck mit seinem zweiten Treffer in der Nachspielzeit erzielte, war entsprechend hart. Immerhin muss Petkovic zugute gehalten werden, sich nicht als Statthalter des verabschiedeten Ottmar Hitzfeld zu sehen und einfach dessen Erbe zu verwalten. Nein, der Schweiz-Kroate will selber etwas bewegen, Eigenes kreieren. Auch spricht es für ihn, dass er der Schweiz zutraut, sich vom Sicherheitsfussball mit einem neuen System zu emanzipieren. Der Trainer sagte: «Ich stehe voll hinter der Mannschaft. Ich will, dass die Schweiz in jedem Spiel dominieren kann. Die zweite Halbzeit ist der Ausgangspunkt. Wir werden es im Oktober besser machen.» Punkt.

Gegen Slowenien unter Druck

Zwischen dem 2:5 gegen Frankreich in der WM-Vorrunde und dem 0:1 im WM-Achtelfinal gegen Argentinien – irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit über die Stärke der Schweiz. Petkovic, Spieler, und auch Kritiker, sie alle müssen erst die Balance finden. Bestenfalls bis im Oktober vor dem nächsten EM-Qualifikationsspiel gegen Slowenien.