Die Anziehungskraft des Bleistifts

SCHAFFHAUSEN. Er kommt aus Tirol, lebt in Stettfurt und bestreitet Ausstellung um Ausstellung. Jetzt zeigt der passionierte Wanderer Othmar Eder Bilder der Langsamkeit. Die Sujets zu seinen Bleistiftzeichnungen findet er in Magazinen, in den Bergen, in seiner Erinnerung.

Dieter Langhart
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SCHAFFHAUSEN. Ob das Originale seien, fragt jemand aus dem Publikum, denn die Zeichnungen sehen Fotos täuschend ähnlich. Selbstverständlich, lautet die Antwort. Nur eines der Bilder, die Othmar Eder im Vebikus ausstellt, ist eine Ausnahme, ist ein Druck. Seinen Zeichnungen liegen Fotografien zugrunde, die er unter anderem in alten Zeitungen und Magazinen findet. Er vergrössert sie im Fotokopierer, legt ein Kohlepapier drüber, dann das Zeichenpapier. Dann beginnt seine Arbeit.

Kein Strich ist zufällig

Othmar Eder paust die durchschimmernde Vorlage durch, reibt sie mit einem Bleistift ab. «Das dauert Wochen, Monate», sagt er. Wer beim Nähergehen Detailschärfe wie bei einer Fotografie erwartet, sieht, wie sich die Zeichnung auflöst. Die Spuren des Zeichnens werden sichtbar.

«Jeder von Othmar Eders Strichen ist willentlich gesetzt», erklärt Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, an der Vernissage. Und das unterscheidet Eders Zeichnung von der Fotografie, bei der der Apparat den Inhalt erzeugt. Der bewusste Entscheid für jeden einzelnen Strich überführt den Augenblick (die Fotografie) in eine Zeitlosigkeit. Der Übergang zur Zeichnung verdichtet das Bild; alles Zufällige fällt weg, zurück bleibt die Essenz des Motivs. Nicht immer ist der ursprüngliche Inhalt noch erkennbar, denn Eder wählt oft Ausschnitte. Figurative Elemente sind ihm wichtig, geben dem Bild Halt. Beim Betrachter entstehen Assoziationen, die sich gleich wieder in der Stille der Zeichnung auflösen.

Kaum mehr lässt sich entscheiden, wann die Fotografie entstanden ist. Dokumentation interessiert den Künstler auch nicht; er will, dass wir eigene Geschichten an seine Bilder herantragen. Mit der vermeintlichen Einfachheit lege Eder Sehfallen an, sagt Landert. «Er zeigt uns, was ein Bild ist und wie es funktioniert.» Wie trügerisch ist doch die Sicherheit beim Betrachten von Fotografien.

Die Schildkröte filmt

Othmar Eder lässt uns auch begreifen, was hinter bewegten Bildern steckt – aus der Perspektive seiner Schildkröte. Er band ihr die Kamera auf den Rücken und liess sie durch den Garten streifen. «So guet», ruft eine Zuschauerin zum ruppigen Rhythmus, zum Wechsel von Schärfe und Unschärfe.

Othmar Eder: Unterwegsfelder, Vebikus/Kammgarn; Do 18–20, Fr/Sa 16–18, So 12–16; bis 11.12.