«Die Angst darf nicht mitfahren»

Nach dem tödlichen Unfall von Shoya Tomizawa versucht Moto2-Fahrer Thomas Lüthi zum Alltag zurückzufinden. Bei einem Besuch seines Sponsors in Widnau spricht er über die Risiken seines Sports, was diese Saison noch möglich ist und weshalb der Weltmeistertitel 2005 zu früh kam.

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«Die MotoGP-Klasse bleibt mein fernes Ziel. Doch es ist ein harter Weg dorthin», sagt Thomas Lüthi. (Bild: Ralph Ribi)

«Die MotoGP-Klasse bleibt mein fernes Ziel. Doch es ist ein harter Weg dorthin», sagt Thomas Lüthi. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Lüthi, vergangenes Wochenende waren sie im GP von Aragonien erstmals nicht der beste Schweizer. Schmerzt das Ergebnis?

Thomas Lüthi: Geschmerzt hat nicht, dass ich nicht der beste Schweizer war. Ich mag es Dominique gönnen. Aber es war für uns sonst ein schwieriges Rennwochenende. Wir hatten Abstimmungsprobleme, und ich startete von Platz zwanzig. Damit war ich nicht zufrieden und nicht damit, dass ich nicht der beste Schweizer war. Trotzdem wäre ich natürlich lieber an der Stelle jener, die vor mir klassiert sind.

Sie wurden Zehnter, Dominique Aegerter fuhr auf Platz sieben. Die Konkurrenz aus dem eigenen Land erhöht auch den Druck auf Sie.

Lüthi: Er ist ja nicht vom Himmel gefallen, Dominique ist schon die ganze Saison da. Druck gibt es sowieso. Aber nicht unbedingt von ihm. In den Medien wird das aufgebauscht, weil es ein Duell zwischen zwei Bernern ist. Aber wir sehen das anders. Wir haben noch 39 andere, gegen die wir kämpfen.

In der Gesamtwertung sind Sie auf Platz vier abgerutscht. Was ist in den vier verbleibenden Rennen noch möglich?

Lüthi: Der zweite Platz liegt noch drin. Rechnerisch wäre wohl der erste auch noch möglich, aber Toni Elias ist so weit weg, dass er praktisch schon Weltmeister ist. Auch der zweite Platz wird schwierig zu erreichen sein, denn der Spanier Julian Simon und der Italiener Andrea Iannone haben gerade ein Hoch. Dagegen muss ich ankämpfen.

Sie sind erst 24jährig, aber es ist bereits fünf Jahre her, dass sie 125er-Weltmeister wurden. Damit haben sie sich die Latte sehr früh sehr hoch gelegt.

Lüthi: Nach dem optimalen Karriereverlauf kam der Weltmeistertitel deutlich zu früh. Aber man muss den Titel nehmen, wenn er kommt. Der Weltmeistertitel hat meiner Karriere viel gebracht. Aber es war schwierig, den Titel zu verteidigen, was auch nicht geklappt hat. Nach dem Aufstieg in die 250er-Klasse erlebte ich eine harte Zeit.

Es war nie mehr der Hype, denn ich nun fünf Jahre später zum Glück in der Moto2-Kategorie wieder erlebe.

In der 250er-Kategorie konnten Sie die hohen Erwartungen nie erfüllen. Woran lag es?

Lüthi: Das erste 250er-Jahr war ein Lehrjahr. Der Umstieg ist nicht einfach. Ich bekam in dieser Kategorie ein neues Team und einen neuen italienischen Cheftechniker. Die Kommunikation mit ihm war schwierig. Im ersten Jahr spielte das noch keine Rolle, da war seine Erfahrung so gross und meine gleich null.

Da habe ich nach seiner Nase getanzt. Im zweiten, dritten Jahr lernt der Fahrer dazu, wird immer besser und möchte eigene Wege gehen.

Die neu eingeführte Moto2-Kategorie war für Sie eine neue Chance. War es gleichzeitig auch die letzte?

Lüthi: Ob es eine letzte Chance war, weiss ich nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht. Eine neue Chance, das war es auf jeden Fall. Der Wechsel von der 250er- zur Moto2-Kategorie kam für mich zum richtigen Zeitpunkt. Ein neues Team, ein neues Motorrad, das gab neue Motivation.

Das Kribbeln war wieder da. Ich habe mich wieder gefreut auf das Motorradfahren, und das ist entscheidend.

Der Traum, in der MotoGP-Klasse zu fahren, ist aber geblieben?

Lüthi: Ja, es ist mein Traum und auch mein fernes Ziel, in die MotoGP-Klasse zu kommen. Es ist ein harter Weg dorthin, und dieser führt für mich über die Moto2-Klasse. Voraussichtlich werde ich die nächste Saison noch dort fahren, und dabei ist der Erfolg etwas vom wichtigsten.

Durch den tödlichen Unfall von Shoya Tomizawa vor drei Wochen ist der Sport in den Hintergrund gerückt. Wie schaffen Sie es, wieder zum Alltag zurückzukehren?

Lüthi: Es war eine sehr schwierige Zeit, es war nicht einfach, die Motivation wiederzufinden. Nach dem, was passiert ist, ist alles zusammengebrochen. Beim Rennen vergangenes Wochenende in Aragon herrschte eine spezielle Stimmung. Es war merkwürdig, ins Paddock zurückzukehren und sich auf den Sport zu fokussieren. Jetzt ist wieder etwas Zeit vergangen und ein Rennen gefahren, das macht das Ganze einfacher.

Aber trotzdem ist es eine schwierige Zeit.

Ist man sich als Rennfahrer des Risikos bewusst, das man eingeht?

Lüthi: Bewusst ist man sich des Risikos schon, aber nicht, wenn man auf dem Motorrad sitzt. Als Rennfahrer weiss man, was passieren kann. Aber auf dem Motorrad ist es wichtig, dass man keine Angst hat, um sich konzentrieren zu können. Der Respekt vor der Geschwindigkeit ist wichtig und bringt auch Sicherheit. Aber die Angst darf nicht mitfahren, sonst muss man aufhören.

Mit neun Jahren sassen Sie bereits auf Pocket-Bikes. Können Sie sich überhaupt vorstellen, etwas anderes zu tun, als Motorrad zu fahren?

Lüthi: Zurzeit kann ich mir ein Leben ohne den Sport nicht vorstellen. Irgendwann wird es sicher eines geben, ich kann ja nicht bis 80jährig WM-Rennen fahren. Es wird etwas geben nach der Karriere, aber darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Seit sie 16 Jahre alt sind, nehmen Sie an der Motorrad-WM teil. Hatten Sie nie das Gefühl, in Ihrer Jugend etwas verpasst zu haben?

Lüthi: Dieses Gefühl hatte ich nie. Manchmal wäre ich mit 16 Jahren schon lieber mit Kollegen weggegangen. Aber ich habe dafür mit den Reisen vieles erlebt, was andere in meinem Alter nicht hatten. Ich musste dafür mit 15 Jahren lernen, mit Druck umzugehen. Anfangs ist man unbeschwert, doch dann beginnt man über die Sachen nachzudenken. Das macht sehr schnell sehr erwachsen.

Sie sind 17 Rennwochenenden im Jahr unterwegs. Hinzu kommen Sponsorenanlässe wie hier in Widnau bei der saw. Sind Sie überhaupt manchmal zu Hause?

Lüthi: Während der Saison bin ich wirklich nicht oft zu Hause. Ich reise sehr viel, und das ist auch okay. Bei den Übersee-Rennen bin ich aber einen ganzen Monat weg. Das ist manchmal schwierig, und dann freue ich mich sehr auf das Heimkommen. In Europa bin ich zwischen den Rennen ein paar Tage zu Hause. Dort kann ich herunterfahren und mich wieder vorbereiten.

Es nervt auch mal, schon wieder die Koffer packen und reisen zu müssen. Aber wenn ich im Fahrerlager bin, ist auch die Vorfreude aufs Rennen wieder da.

Interview: Rabea Huber