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Die Adventskalender-Geschichte (20/24): Der Nachmittag, an dem Tranquillo Barnetta seinen Rückzug als Fussballprofi verkündete

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um Tranquillo Barnetta, das St.Galler Eigengewächs mit Spuren im Weltfussball, der am 23. April nicht einmal 34-jährig den Rücktritt auf das Saisonende 2018/19 ankündigte.

Christian Brägger
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Am 22. Mai 2019 wird Tranquillo Barnetta im Heimspiel gegen die Young Boys vor dem eigenen Anhang verabschiedet.

Am 22. Mai 2019 wird Tranquillo Barnetta im Heimspiel gegen die Young Boys vor dem eigenen Anhang verabschiedet.

Bild: Urs Bucher

Irgendwann ist Schluss. Aber bereits nach der Saison 2018/19?

In einer Welt, die mittlerweile von Klicks bestimmt ist, in der die Geschwindigkeit geschriebener Worte und Zeilen darüber entscheidet, ob man im wahrsten Sinne des Wortes nahe am Ball ist, durfte etwas nicht passieren: dass Tranquillo Barnetta seinen Rückzug erklärt  und wir vom «St.Galler Tagblatt» den Entscheid quasi vor der eigenen Haustüre verpassen, dem Primeur hinterherhinken.

An diesem frühen Nachmittag, es ist ein Dienstag, sickert die Meldung plötzlich durch: Tranquillo Barnetta, der verlorene Sohn des FC St.Gallen, der nach vielen Jahren in der Bundesliga, der Nationalmannschaft und bei Philadelphia zu seinem Stammclub zurückgekehrt und dort nochmals so richtig aufgeblüht ist, könnte nach fast 17 Jahren als Fussballprofi innert Kürze seinen Rücktritt verkünden. Wir bereiten uns vor. Jene Zwischentöne (Wertschätzung, Vertragsgespräche, Gesundheit, Rollenverständnis), die nichts Gutes verhiessen, waren auch uns nicht entgangen.

Christian Brägger, Redaktor

Christian Brägger, Redaktor

Bild: Hanspeter Schiess

Prompt wird die Meldung kurz vor 16 Uhr offizialisiert, erreicht via die sozialen Medien des FC St.Gallen die Öffentlichkeit: Barnetta, nicht einmal 34-jährig, mag tatsächlich nach dem Ende der Saison 2018/19 kein Fussballprofi mehr sein und sagt Adieu. Ich bin perplex, ein wenig traurig auch. Ich hatte den Offensivgeist in seinem Karriereherbst ja viele Jahre lang für das «St.Galler Tagblatt» begleitet und ihn als zugänglichen, aufgestellten Menschen kennengelernt. Zudem war Barnetta doch noch voll im Saft. Vielleicht wollte ich auch nicht wahrhaben, dass er sich mehr und mehr nach einem Leben abseits des Fussballs sehnte. 

Barnetta gibt noch am frühen Abend ein exklusives Interview, das sich  ich muss es so sagen  tief in meinem Gedächtnis festsetzt. Die Stimmung am Gübsensee, wo wir uns kurz nach 17 Uhr für das Gespräch treffen, ist speziell, Barnetta wirkt erleichtert und gefasst. Und vor allem: klar in seinen Gedanken. Wie wir dann von der Sonne begleitet so dahinschlendern, auf eine Bank nahe am See sitzen und über seinen Entscheid sowie die letzten Monate mit dem FC St.Gallen reden, zeigt mir das ein vielleicht letztes Mal: Barnetta, das war nicht nur ein grossartiger Fussballer, sondern auch einer, der durchaus kritisch auf den Teller und über dessen Rand hinaus schaute. 

Das grosse Interview mit Tranquillo Barnetta zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:
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Die Adventskalender-Geschichte (16/24): Der Käser aus dem Krieg

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Melissa Müller