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Deutschland auf holprigem Weg zur Mission Titelverteidigung

Noch nie konnte Deutschland einen WM-Titel verteidigen. Gelingt’s 2018? Lange rechnete man damit – in keinem anderen Land wurde zuletzt so kontinuierlich gearbeitet. Doch die Testspiele lassen zweifeln.
Ralf Streule
Offensivspieler Thomas Müller hadert mit sich und der Mannschaft während des Testspiels gegen Saudi-Arabien, das nur mit 2:1 gewonnen wurde. (Bild: Ronald Wittek/EPA)

Offensivspieler Thomas Müller hadert mit sich und der Mannschaft während des Testspiels gegen Saudi-Arabien, das nur mit 2:1 gewonnen wurde. (Bild: Ronald Wittek/EPA)

Als am 8. Juli 2014 in Belo Horizonte eine Welt zusammenbrach für den WM-Gastgeber Brasilien, bewiesen die Deutschen einmal mehr, für was sie stehen. Für kompromisslosen Fussball ohne Schnörkel. Für Geradlinigkeit und mentale Stärke. Für das Bereitsein, wenn’s drauf an- kommt. Aber eben auch, und das war bei Deutschland in den Jahren zuvor nicht immer so gewesen: für taktische Raffinesse, für modernen Fussball. 7:1! Der darauf folgende WM-Titel war der vorläufige Höhepunkt einer «Evolution», wie es in deutschen Medien in den vergangenen Jahren oft zu lesen war. Einer langsamen, aber kontinuierlichen Entwicklung also, die um die Jahrtausendwende begonnen hatte. Und wohl auch weitergeht.

Die Durststrecke begann in den 1990er-Jahren

Zu den Titelaspiranten in Russland gehören die Deutschen allemal. Hinter Brasilien gelten sie bei den Buchmachern als grösster Favorit. Will man den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft 2014 einordnen, braucht es den Blick zurück. Nach dem WM-Titel 1990 und dem EM-Titel 1996 gab es eine Durststrecke – der deutsche Fussball war stehen geblieben. Erst 2004 kam mit Jürgen Klinsmann jener Mann, der als Türöffner gilt für professionellere Arbeit und moderne Strukturen. «Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinandernehmen!», sagte Klinsmann damals. Die Stelle des Chefmanagers wurde geschaffen und mit Oliver Bierhoff besetzt, der dieses Amt bis heute inne hat. Für psychologische Betreuung, Nachwuchsarbeit, Taktik und physischen Aufbau wurden Experten eingesetzt.

Erste positive Auswirkungen waren 2006 zu sehen, beim starken Auftritt im eigenen Land, dem Vorstoss bis in den Halbfinal. Mit diesem Erfolg einher ging etwas Weiteres: Der deutsche Fussballer verlor den Ruf des Kämpfers und beinharten Beissers, er gewann Sympathien, die ihm in den Jahren zuvor nicht zugeflogen waren. Auch in der Schweiz war das ab 2006 spürbar. Die deutsche Nationalmannschaft war nicht mehr die gleiche. War Klinsmann der Türöffner, so war Bundestrainer Joachim Löw ab 2006 der Mann, der für Kontinuität stand. Er bewahrte nicht nur, sondern führte die neuen Generationen nahtlos an seine Idee modernen Fussballs heran. Und er wurde mit einer Mischung aus Pragmatismus und Kompromissfähigkeit Jahr für Jahr erfolgreicher.

Lockere WM-Qualifikation, verkorkste WM-Testphase

Seit zwölf Jahren ist Löw Bundestrainer, gerade hat er einen Vertrag bis 2022 erhalten. Und auch wenn er oft kritisiert wird, zu distanziert und emotionslos zu sein: Seine Erfolge halten ihm stets den Rücken frei. Auch die WM-Qualifikation stellte die Deutschen vor keinerlei Probleme. Zehn Siege in zehn Spielen, die starke Bilanz wurde höchstens dadurch relativiert, dass die stärksten Gegner «nur» Norwegen und Nordirland hiessen. Die Deutschen verzichten auf Götze und Sané Das grösste Problem, mit dem sich der Bundestrainer nach der Qualifikation konfrontiert sah, war die Auswahl des Kaders für die WM. Erstmals seit er im Amt ist, musste er keine grösseren Ausfälle beklagen. Löw sprach vom «grössten Konkurrenzkampf», den es im Team je gegeben habe. Er lässt Mario Götze, den Final-Torschützen von 2014, aufgrund eines Formtiefs zu Hause. Und er kann es sich leisten, ohne den 22-jährigen Leroy Sané anzureisen. Der Flügel ist Stammspieler beim englischen Meister Manchester City, wurde als bester Nachwuchsspieler der Liga geehrt. Hier zeigte sich Löws Pragmatismus: «Bei der Nationalmannschaft war er bisher noch nicht so ganz angekommen.» Und: «Es gibt sicherlich deutlich schönere Tage im Leben eines Bundestrainers, als wenn man so tolle Spieler nach Hause schicken muss.»

Neuers Rückkehr als wichtiges Zeichen an die Mannschaft

Auch so stehen im deutschen WM-Kader ausschliesslich Spieler, die ihr Geld in einer der fünf Topligen Europas verdienen – mit Ausnahme von Aussenverteidiger Jonas Hector, der dem 1. FC Köln auch in der 2. Bundesliga die Treue hält. Und im Nationalteam zuletzt stets spielt, auch da er im Teamgefüge ein wichtiger Spieler ist. Löws Geschick für Teamkonstellationen dringt auch in einem anderen Punkt durch. Goalie Manuel Neuer, zuvor acht Monate verletzt, wurde auf den Punkt wieder bereit gemacht. Er hat in der Mannschaftshierarchie schlicht den wichtigeren Part inne als Barcelonas Marc-Andre ter Stegen. Auch wenn die deutsche Mannschaft nicht auf allen Positionen Weltstars zu bieten hat: Mit Spielern wie Toni Kroos oder Sami Khedira stellt sie das wohl beste Mittelfeld der WM. Der grösste Trumpf der Deutschen ist aber ein anderer: nämlich die gründliche WM-Vorbereitung. Was die Analyse des Gegners, die mentale Einstellung und die Planung der WM-Wochen anbelangt, soll Deutschland mehr investieren als jedes andere Team. Die WM-Reise ist bis in den Final pedantisch durchgeplant.

Noch immer gilt Deutschland als «Turniermannschaft»

Nur eines hat Deutschland zuletzt ziemlich nervös gemacht. Fünf Testspiele in Folge konnte es zwischenzeitlich nicht gewinnen. Und auch der 2:1-Sieg am vergangenen Freitag gegen Saudi-Arabien konnte die Kritiker nicht beruhigen, die nach der 1:2-Niederlage gegen Österreich in der Woche zuvor immer lauter wurden. Zugute halten muss man den Deutschen: Löw experimentierte vor allem im Spiel gegen Österreich, zudem fehlte in jenem Spiel die Teamstütze Kroos. Zu hoch werten darf man die Vorbereitungsspiele nicht. Auch die Unentschieden gegen England, Frankreich und Spanien und die 0:1-Niederlagen gegen Brasilien müssen nichts bedeuten.

Am Ende gilt man noch immer als Turniermannschaft, wie auch die Spieler immer gerne wiederholen – auch, weil ihnen in den deutschen Medien der gewohnt starke Vor-WM-Wind entgegen bläst. Der Blick in Richtung Deutschland ist auch aus Schweizer Sicht interessant. Gewinnt Deutschland seine Gruppe und werden die Schweizer Zweite, treffen die beiden Teams im Achtelfinal aufeinander. Und: Setzen sich die beiden als WM-Favoriten gehandelten Teams Brasilien und Deutschland in ihren Gruppen als Erste durch, würden sie im Final aufeinandertreffen. Dann wird man in Deutschland gut daran tun, nicht das 7:1 als Referenz zu nehmen. Sondern sich an etwas anderes zu erinnern: Fünf Sterne tragen bis heute nur die Brasilianer auf der Brust. Die Deutschen stehen bei vier WM-Titeln. Deutschland konnte zudem noch nie einen WM-Titel verteidigen. Im Gegensatz zu Brasilien, das 1958 und 1962 gewann. Sie haben noch Rechnungen offen, diese Deutschen.

Deutschland:

Einwohner: 83 Millionen
Weltrangliste: 1
WM-Teilnahmen: 19
WM-Titel: 4 (1954, 1974, 1990, 2014)
Gründung Verband: 28. Januar 1900
Beitritt zur Fifa: 1904

Besonderheit:

Keine andere Nationalmannschaft hat eine derart gute Bilanz, was WM-Qualifikationsspiele angeht. Deutschland gewann alle zehn Partien auf dem Weg zur WM 2018. Und auch insgesamt hielt sie sich in 90 Partien fast unbeschadet. Nur zwei Niederlagen gab es, darunter eine besonders bittere: Das 1:5 gegen England im Jahr 2001 in München. 1985 verlor man 0:1 gegen Portugal. Auswärts ist Deutschland in WM-Qualifikationsspielen seit jeher unbesiegt.

Kader

Torhüter: Neuer (FC Bayern), Ter Stegen (FC Barcelona), Trapp (Paris St. Germain)

Verteidiger: Jérôme Boateng (FC Bayern), Ginter (Gladbach), Hector (Köln), Hummels (FC Bayern), Kimmich (FC Bayern), Plattenhardt (Hertha), Rüdiger (Chelsea), Süle (FC Bayern)

Mittelfeld: Brandt (Leverkusen), Draxler (PSG), Goretzka (Schalke), Gündogan (Manchester City), Khedira (Juventus), Kroos (Real Madrid), Müller (Bayern), Özil (Arsenal), Reus (Dortmund), Rudy (Bayern)

Stürmer: Gomez (Stuttgart), Werner (Leipzig)

Trainer: Joachim Löw

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