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Interview

Deutscher Nati-Trainer Joachim Löw: «Ich war bei der WM 2018 zu arrogant»

Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw spricht über die verpatzte WM in Russland, Abschiede im Nationalteam, Politik im Sport und weshalb sich seine Mannschaft wieder der Weltspitze nähert.
Etienne Wuillemin und Markus Brütsch aus Freiburg

Joachim Löw empfängt in einem schönen Hotel in Freiburg zum Gespräch. Adrett gekleidet, erholt von den Sommerferien und gut gelaunt nimmt er sich eine Zeit zum Gedankenaustausch. In Schaffhausen hat er seine Trainerkarriere einst lanciert. Seit 13 Jahren ist er nun Nationaltrainer von Deutschland, mit dem WM-Titel 2014 als Höhepunkt.

Tritt Joachim Löw zurück? «Das war nie ein Thema, obwohl die WM-Enttäuschung riesig war.» (Bild: Keystone)

Tritt Joachim Löw zurück? «Das war nie ein Thema, obwohl die WM-Enttäuschung riesig war.» (Bild: Keystone)

Auf die Frage, ob er denn je nochmals in den Klubfussball zurückkehren würde, antwortet er mit einem schelmischen Lächeln: «Das kann ich mir gut vorstellen – am liebsten beim FC Sion, mal schauen, wie lange ich beim Präsidenten Christian Constantin bestehen könnte.»

Erstmals in Ihrer Amtszeit seit 2006 haben Sie im Juni wegen einer Brustkorbverletzung zwei Länderspiele verpasst. Wie ist es Ihnen eigentlich vor dem Fernseher ergangen?

Joachim Löw: Es war völlig ungewohnt. Ich konnte mit der Situation eher schlecht umgehen. Ich sass zu Hause und war so angespannt, wie ich es normalerweise auf der Bank nicht bin. Ich fühlte mich hilflos. Das erzeugte eine gewisse Nervosität. Selbst nach den ersten Toren gegen Estland oder in Weissrussland löste sich die Anspannung nicht so einfach..

Die EM-Qualifikation hat begonnen, der Umbruch ist eingeleitet und in der Fifa-Weltrangliste belegt Deutschland aktuell Rang 15. Entspricht das der Realität oder interessiert Sie das gar nicht?

Ich mache es an anderen Parametern fest, wo wir stehen. Es herrscht bei uns eine gewisse Aufbruchstimmung. Ich spüre einen guten Spirit in der Mannschaft. Spieler wie Kimmich, Gnabry und Sané haben Bock, etwas zu erreichen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Ein paar Dinge, die wir letztes Jahr im November eingeleitet haben, werden gut umgesetzt. Wie in der zweiten Halbzeit in Amsterdam zu sehen, ist die Stabilität aber noch nicht durchgehend vorhanden. Aber die Spieler sind motiviert, lernwillig und hören gut zu. Noch fehlt auch das Selbstverständnis, egal gegen welchen Gegner, das eigene Spiel durchzuziehen. Das ist ein Prozess, der noch drei oder vier Jahre andauern kann.

Ist Ihre Mannschaft dennoch so weit, um im nächsten Jahr um den EM-Titel mitzuspielen?

Die Spiele, die wir zuletzt gemacht haben, waren gut. Doch wir haben den neuen Weg gerade erst eingeschlagen und ja auch noch ein Jahr Zeit. Sagen wir es so: Wir sind auf einem guten Weg und wollen zurück in die Weltspitze. Es ist schon wieder ein Gerüst erkennbar. Wir haben ein gutes Potenzial und gute Voraussetzungen. Das müssen wir bei der EM dann aber erst einmal zeigen. Die Spitzenmannschaften in Europa liegen eng beieinander: Frankreich, England, Spanien, die Schweiz…. Ich bin jetzt ein bisschen traurig, weil nun Spieler wie Sané ausfallen. Jetzt will ich mal einen Luca Waldschmidt kennenlernen, der eine so gute U21-EM gespielt hat.

Jogi Löw (rechts) als Spieler in Schaffhausen. (Bild: Keystone)

Jogi Löw (rechts) als Spieler in Schaffhausen. (Bild: Keystone)

Sie haben Sané vor einem Jahr noch als zu wenig gut eingestuft. Jetzt wird er vermisst.

Das ist so, jetzt hätten wir ihn gerne dabei. Er hat zuletzt eine tolle Form gezeigt und kann den Gegner mit seiner Schnelligkeit, Unberechenbarkeit und Torgefahr destabilisieren.

Was hat sich für Sie im Umgang mit den Spielern in den letzten 13 Jahren verändert?

Die heutige Generation ist anders. Die Spieler sind visuell erreichbarer und nicht mehr ausschliesslich über Gespräche. Wir arbeiten viel mehr mit Bildern, wir visualisieren Informationen und stellen diese den Spielern in einer App zur Verfügung. Die Hierarchie ist auch nicht mehr so ausgeprägt wie noch vor 15 Jahren. Wir setzen noch mehr auf die Kommunikation mit allen. Die Führungsspieler versuchen mehr als früher, alle ins Boot zu holen.

Sind die Spieler kritischer geworden?

Ja, auch junge Spieler äussern sich in Gesprächen manchmal recht kritisch über das Spielsystem, über Trainer, einfach über das, was ihnen missfällt. Früher hätten sich die Jungen das nicht getraut. Die heutige Generation tickt anders. Sie ist im Netz zuhause und in Netzwerken aktiv. Früher war dafür die Kommunikation am Tisch grösser. Wir sprechen mit den Spielern natürlich über Themen wie Social Media. Was es heisst, ständig präsent zu sein. Aber heute ist auch jeder Spieler eine eigene Unternehmung. Die Spieler werden vermarktet, haben richtige Vermarkterstäbe um sich herum. Da geht es nicht wie früher nur um einen Vertrag, sondern auch um Planung, um eine Karriere und um Werbeverträge, welche die Nationalspieler haben.

Sind Sie mehr Vater oder Lehrer?

Ich muss den Spielern schon eine gewisse Empathie entgegenbringen. Der Spieler muss sich verstanden fühlen, spüren, dass man ihm helfen will. Aber natürlich bin ich auch Lehrer. Der Spieler muss ja auch etwas tun, was uns nachher Erfolg bringt

Wie halten Sie zwischen den Spielen den Kontakt mit den Profis?

Manchmal schreibe ich einem Spieler zwischendurch eine SMS. Aber ich habe festgestellt, dass die Spieler nicht besonders aufnahmefähig für die Nationalmannschaft sind, wenn sie im Verein englische Wochen haben.

Welche Schlüsse haben Sie denn aus der völlig missglückten WM 2018 in Russland gezogen?

Viele. Wir machten intern eine knallharte Analyse. In erster Linie die Trainerarbeit betreffend. Was haben wir falsch gemacht? Inwiefern haben wir unsere Mannschaft und die Gegner falsch eingeschätzt? Diese Erkenntnisse werden uns im nächsten Jahr bei der EM helfen. Nachdem wir bei der EM 2012 im Halbfinal ausgeschieden waren, änderten wir einiges und profitierten dann bei der WM 2014 davon.

Zur Person: Joachim Löw

Joachim Löw ist seit 13 Jahren der Trainer der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Er ist erst der zehnte Bundestrainer seit 1926, aber keiner vor ihm hat die DFB-Auswahl öfter betreut als er mit 175 Länderspielen. Der 59-Jährige aus dem Schwarzwald war selber Profifussballer, beendete seine Laufbahn in der Schweiz, machte die Trainerausbildung und wurde beim FC Frauenfeld Spielertrainer. Nach Stationen als Vereinstrainer in Deutschland, der Türkei und Österreich wurde er 2004 beim Nationalteam Assistent von Jürgen Klinsmann und 2006 Cheftrainer. Seinen grössten Erfolg feierte er 2014, als er Deutschland in Brasilien zum Weltmeistertitel führte. Am Freitag spielt er in der EM-Quali mit Deutschland gegen Holland.

Können Sie konkreter werden?

Uns wurden die Augen geöffnet. Ich war zu arrogant, als ich vor dem ersten Spiel verlangte, Mexiko in der ersten halben Stunde hinten hineinzudrücken. Die Niederlage hat uns dann aus dem Konzept gebracht. Aufgrund der Jahre zuvor mit der erfolgreichsten WM-Quali und einem guten Confed-Cup, den wir gewonnen haben, war unser Selbstvertrauen halt auch sehr gross.

Zu gross?

Unsere Spielweise war in den letzten Jahren darauf ausgelegt gewesen, unser Spiel unabhängig vom Gegner gnadenlos durchzuziehen. Aber ich unterschätzte wohl, dass vor dem ersten WM-Spiel bei allen eine gewisse Ungewissheit da ist und man sich in ein solches Turnier zuerst auch hineinfinden muss und nicht gleich das höchste Risiko zu gehen sollte. Das war eine Fehleinschätzung meinerseits.

Sie wurden dafür dann ja auch harsch kritisiert. Was macht das mit dem Menschen Jogi Löw?

Als Mensch hat mich das nicht so sehr verändert. Aber die Kritik hat mich in den Wochen danach schon geprägt. Ich erlangte das Bewusstsein, dass wir neue Lösungen suchen und offen für Innovationen sein müssen, ohne ganz von unserem Weg abzukommen.

Dazu gehörte die viel diskutierte Ausmusterung der verdienten Spieler Hummels, Müller und Boateng.

Bei der Nationalmannschaft kann man nicht von heute auf morgen grundlegend alles verändern, unsere Zyklen dauern länger als bei einer Vereinsmannschaft, in der es Woche für Woche um Punkte geht. Und Spieler wie Hummels, Müller und Boateng können nach wie vor Weltklasse spielen. Deshalb haben wir sie nach der WM auch noch für die Nations League nominiert. Aber unsere Ergebnisse stimmten nicht, auch wenn in diesen Spielen nicht alles schlecht war, es gab auch gute Ansätze. Dann reifte die Erkenntnis, dass ich vor dem Beginn der EM-Qualifikation einen Umbruch einleiten muss.

Weshalb haben Sie die drei definitiv aus dem Kader genommen und ihnen nicht die Tür für eine allfällige spätere Rückkehr offengelassen?

Ich weiss nicht, ob es im Fussball so etwas Endgültiges gibt. Aber ich habe den Spielern schon gesagt, dass ich ohne sie plane. Ich will keine Eiertänze machen. Das sind Weltmeister, das sind grosse Idole, die für Deutschland über Jahre Grossartiges geleistet haben. Denen auch ich viel zu verdanken habe. Ich wollte Ihnen nicht irgendwelche vage Hoffnungen machen. Entweder man zählt auf Spieler und gibt ihnen das Vertrauen, oder man sagt ihnen klar und deutlich die Wahrheit ins Gesicht.

Ihr Stil bei der Ausmusterung wurde in Frage gestellt. Sie reisten unangemeldet nach München und teilten Hummels, Müller und Boateng im Trainingszentrum Ihren Entscheid mit.

Man kann über dieses Vorgehen diskutieren, das verstehe ich. Wenn ich aber heutzutage vorher mit den Leuten im Verein spreche, dann sickert immer etwas durch. Wenn ich mit dem Spieler am Abend essen gehe, auch. Es gibt immer Unruhe. Und das einzige, was ich weiss, ist, dass man nicht den richtigen, perfekten Weg findet. Den perfekten Weg und den perfekten Zeitpunkt für eine Trennung gibt es generell nicht. Für mich war aber klar: Die Spieler mussten es von mir direkt gesagt bekommen, sie durften es nicht über einen anderen Weg erfahren, das hätten sie nicht verdient gehabt. Weil die drei alle vom FC Bayern sind, war es für mich eine gute Möglichkeit, die drei in kurzer Zeit zu sprechen. Dass solche Gespräche nicht eine Ewigkeit dauern, ist klar. Der Spieler ist zu enttäuscht. Ich habe versucht, ihnen meine Überlegungen darzustellen. Das wichtigste war für mich, dass sie es von mir erfahren und nicht irgendwie am Morgen, wenn irgendwo etwas steht.

War das der schwierigste Tag in Ihrer Amtszeit?

Ja, das war ein schwieriger Tag. Ich hab mir viele Gedanken im Vorfeld gemacht. Persönlich habe ich eine sehr emotionale Bindung zu allen Spielern. Ich habe als Trainer so viel erreicht, weil die Spieler Klasse, Weltklasse waren. Und es weiterhin sein können. Vor allen Dingen 2014 Hummels, Boateng, Müller. Sie kamen immer mit der grössten Freude zu uns. Egal wann, ich konnte immer auf sie bauen. Das Nationalteam war für sie auch Familie und Heimat. Und jetzt musst du denen sagen: Es ist vorbei. Deswegen bin emotional natürlich sehr, sehr berührt bei so einer Geschichte. Das ist wahrscheinlich das Allerschwierigste für einen Trainer, den richtigen Moment zu erwischen, damit der Spieler den Entscheid versteht. Aber ich musste jetzt Räume schaffen. So, wie ich ein paar Jahre zuvor auch Räume für diese Spieler schaffen wollte, damit sie sich entfalten und entwickeln konnten.

Haben Sie das Gefühl, dass bei diesen Gesprächen etwas kaputtgegangen ist?

Nein, es gab schon wieder gute Kontakte. Über die Zeit wird nichts hängen bleiben. Unser gemeinsamer Weg mit dem Titelgewinn in Brasilien wird uns weiter verbinden.

In der Schweiz gibt es eine vergleichbare Situation. Nur, der Nationaltrainer geht komplett anders damit um. Vladimir Petkovic sagte nach der WM zu Valon Behrami, er wolle die Jungen forcieren, aber das müsse nichts bedeuten. Mit Johan Djourou und Blerim Dzemaili war es dasselbe. Und aktuell ist gar der Captain Stephan Lichtsteiner, der 105 Länderspiele bestritten hat, betroffen.

Als Nationaltrainer kann man sich immer bis zu einer Endrunde alles offen lassen. Aber eben, weil diese Spieler in unserem Fall so grosse Verdienste haben, wollte ich sie nicht in irgendeine Hängepartie hineineinschieben, sondern Klarheit haben. Ich will ja auch nicht jedes Mal wieder von neuem die gleichen Fragen diskutieren. Dazu kommt: Wir wollen junge Spieler einbauen, die sich entwickeln sollen. Dann müssen sie auch unser Vertrauen spüren.

Wie merkt man denn, ob ein älterer, verdienter Spieler dem Team noch genügend geben kann?

Das einzuschätzen, ist sehr schwierig. In Deutschland haben viele Leute nach dem WM-Vorrundenout gesagt: «Ja, man hätte eben früher ein paar Leute aussortieren sollen.» Als es dann ein halbes Jahr später so weit war, hiess es plötzlich: Wie kann man das denn machen, die sind immer noch super! Manchmal ist es fast unmöglich, Tendenzen abzulesen. Spieler wie Lichtsteiner sind punktuell immer in der Lage, Topleistungen zu bringen. Die Frage ist: Können sie es durchgehend? Bleiben sie verletzungsfrei? Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: Klose war bei der WM 2014 Weltklasse, aber nur punktuell. Hätte er sieben Spiele machen müssen, wäre das auf diesem Level in seinem Alter nicht möglich gewesen. Schweinsteiger, der im Final gegen Argentinien spielte, wie es besser nicht ging, hätte diese Energieleistung über 120 Minuten nicht mehr abrufen können, hätte er vorher sechs Spiele gemacht.

Im WM-Final war auch Mesut Özil dabei. Vier Jahre später ist er zurückgetreten, weil er sich in Deutschland nach der Foto-Affäre mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zum Sündenbock gestempelt sah. Ist die Arbeit durch die vielen Doppelbürger schwieriger geworden?

Integration ist generell ein gesellschaftliches Thema. Das geht jeden Einzelnen an und ist eine tägliche Aufgabe. Ich selbst kann nur sagen: In der Nationalmannschaft haben wir eigentlich nie darüber reden müssen, da wurde Integration über Jahre selbstverständlich gelebt. Das kann der Fussball leisten mit seiner verbindenden Kraft.

Löw mit Mesut Özil, bevor die Beziehung zerbrach. (Bild: Keystone)

Löw mit Mesut Özil, bevor die Beziehung zerbrach. (Bild: Keystone)

Was hat die Özil-Geschichte mit Ihrem Team gemacht?

Es war ein Thema, das uns ständig begleitet hat und diskutiert wurde.

Hätten Sie das rückblickend anders lösen können und sagen, im Sinne aller lassen wir die beiden zuhause?

Im Nachhinein haben wir viel darüber diskutiert, aber bis heute hatte niemand die eine perfekte Lösung.

Haben Sie mit Mesut nochmals darüber gesprochen?

Nein, das Einzige war, dass mich der Berater angerufen und diese Entscheidung mitgeteilt hat, bevor es die anderen wussten. Er hat mir auch gesagt, dass Mesut mich persönlich noch sprechen will und mich informiert, aber das ist nicht erfolgt. Seither hatte ich keinen Kontakt mehr mit Mesut. Ich habe es dann schon das eine oder andere Mal noch versucht.

Das ist enttäuschend?

Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass der Spieler mit mir persönlich spricht. Ich hätte ihm auch einen anderen Abgang gewünscht. Zumal Mesut von den deutschen Fans mehrmals hintereinander zum Nationalspieler des Jahres gewählt wurde. Er hat viele Fans in Deutschland.

Wird dem Fussball zu viel Politik aufgeladen – ganz allgemein?

Der Fussball hat eine grosse Zugkraft, eine grosse Sogkraft und eine Vorbildfunktion. Daher ist es auch wichtig, wie sich die Spieler verhalten. Der Sport aber kann wahrscheinlich auch nicht die Dinge lösen, bei denen die Politik keine Antworten hat.

Der deutsche Nati-Trainer im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. (Bild: Keystone)

Der deutsche Nati-Trainer im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. (Bild: Keystone)

Themawechsel: Haben Sie nie das Verlangen, in den Klubfussball zurückzukehren?

Manchmal schon, ganz ehrlich. Die Arbeit auf dem Platz – das ist eigentlich mein Kerngeschäft. Wenn ich meine Mannschaft mal drei oder vier Monate hätte, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Manchmal habe ich schon gedacht: «Hey, jetzt habe ich die Spieler vier Monate lang nicht gesehen, wo fange ich wieder an? Was ist der richtige Einstieg?» Die Spieler kommen und gehen und ich muss bei jedem Lehrgang beginnen, das persönliche Verhältnis und die Nähe wieder herzustellen.

Wo würden Sie gut hinpassen?

Ich bin ein Freund der spanischen Liga. Das kommt meiner Denkweise relativ nahe. Ich finde, die spielen alle guten Fussball, auch die kleineren Vereine. Nicht die Angst, sondern die eigene Freude ist zentral. Das beginnt bei der Ausbildung. Ich bin ein Freund der Philosophie des FC Barcelona. Die steht für etwas. Ich habe dort mal 10-Jährige gesehen. Das ist die reinste Freude! Das hätte ich mir nie vorstellen können. Dass 10-Jährige so gut kicken können. Und so intelligent. Wahnsinn! Sensationell.

Wann haben Sie sich eigentlich entschieden, Trainer zu werden?

Damals in Schaffhausen, im Restaurant Kastanienbaum, bei den vielen Mittagessen mit Roberto Di Matteo, Rolf Fringer, Axel Thoma und Co. Als Spieler war ich in Deutschland am Ende meiner Laufbahn mit vielen Dingen nicht immer einverstanden. Ich habe in der 2. Bundesliga gespielt. Wenn wir verloren haben, sagten unsere Trainer: Wir müssen eben mehr kämpfen! Das war hartes Brot. Und dann kamen die vielen langen Bälle. Ich als technisch geprägter Mittelfeldspieler, als Strassenfussballer, dachte mir: «Eigentlich müssten wir mal überlegen, Lösungen zu finden, und zwar spielerische.» Und dann ging ich eben in die Schweiz. Ich habe mit Rolf Fringer einige Jahre gearbeitet, da habe ich viel gelernt. Er war einer, der sich viel mit Taktik beschäftigt hat. Ganz generell hat die Schweiz viele Einflüsse verschiedener Fussballkulturen vereint. Und jeweils das Beste für sich genommen. So habe ich Lust bekommen auf das Trainerdasein.

Sie sind jetzt fast ein Viertel Ihres Lebens Bundestrainer. Haben Sie Sehnsucht, mal wieder normaler Bürger zu sein? Sie werden vermutlich überall angesprochen.

Diese habe ich manchmal schon, das gebe ich zu. Ich erfahre viel positive Resonanz und die Leute sind freundlich, das weiss ich auch sehr zu schätzen, und das ist schön. Aber sobald man vor die Türe geht, hat man kein Privatleben mehr. Weniger für mich als für Freunde und Familie kann es unangenehm sein, zum Beispiel beim Essen in einem Restaurant beobachtet und fotografiert zu werden. Ich weiss aber, dass das dazu gehört.

Hat es das auch schon gegeben, dass Sie nicht erkannt wurden?

Ja, das hat auch schon gegeben – auf dem Kilimandscharo (lacht)!

Kurz nach der Jahrtausendwende standen Sie einmal da oben. Fussballerisch waren Sie zwar 2014 mit dem WM-Titel schon auf dem Gipfel. Folgt irgendwann noch der Aufstieg zum Mount Everest?

Nein, ganz sicher nicht. Der Kilimandscharo war in dieser Hinsicht die grösste Herausforderung, die ich bislang bewältigt habe. Auf 6000 Metern Höhe mit nur wenig Sauerstoff, da war ich schon an meiner Leistungsgrenze. Der Mount Everest, das ist Todeszone. Nein, da kenne ich meine Grenzen, da gehöre ich nicht hin. So sehr mich der Mythos Mount Everest auch fasziniert.

Jogi Löw beim Feiern mit Lukas Podolski. (Bild: Keystone)

Jogi Löw beim Feiern mit Lukas Podolski. (Bild: Keystone)

Ist Ihre Mannschaft dennoch so weit, im nächsten Jahr um den EM-Titel mitzuspielen?

Die Spiele, die wir zuletzt gemacht haben, waren gut. Doch wir haben den neuen Weg gerade erst eingeschlagen und ja auch noch ein Jahr lang Zeit. Sagen wir es so: Wir sind auf einem guten Weg und wollen zurück in die Weltspitze.

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