Des Teufels sieben Kugeln

KREUZLINGEN. Wer kann besser schiessen – der stramme Robert oder der schreibende Wilhelm? Der bekommt die Förstertochter zur Frau. Das See-Burgtheater inszeniert das Tom-Waits-Musical «The Black Rider» als Parabel auf die Leistungsgesellschaft.

Dieter Langhart
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«Ein Teufelspakt ist stets ein Narrenpakt»: Erich Hufschmid und Giuseppe Spina proben am See-Burgtheater «The Black Rider». (Bild: Nana do Carmo)

«Ein Teufelspakt ist stets ein Narrenpakt»: Erich Hufschmid und Giuseppe Spina proben am See-Burgtheater «The Black Rider». (Bild: Nana do Carmo)

So sieht der Teufel aus: schwarz und rot gewandet, mit Maske und langem Mantel und hochhackigen Stiefeln, gelb wie Galle. Giuseppe Spina spielt ihn und sagt: «Dieser Teufel gefällt mir gut. Ein tolles Gefühl: hoher Status und sehr durchtrieben. Und Robert ist mein Lehrling.» Der Jägerbursch Robert, der täte dem Förster und seiner Frau als Schwiegersohn gefallen, doch ihr Käthchen liebt einen anderen, den Amtsschreiber Wilhelm. Nur kann der nicht schiessen. Er will es lernen, will das Probeschiessen bestehen, will gar Förster werden. Jämmerlich schiesst er. Da kommt der hinkende Stelzfuss des Weges und bietet ihm sieben Kugeln an, die nie ihr Ziel verfehlen.

Finster und rauh

Der Stoff ist alt, geht zurück auf einen Gerichtsprozess, der 1730 in Böhmen stattfand. Die «Volkssage», die der Leipziger August Apel in seinem «Gespensterbuch» niederschrieb, hat Carl Maria von Weber und Johann Friedrich Kind zu ihren Opern «Der Freischütz» inspiriert. Der Stoff hat auch den amerikanischen Regisseur Robert Wilson gepackt, der ihn mit dem Sänger Tom Waits und dem Autor William S. Burroughs in eine finstere Gestalt brachte.

Für Leopold Huber, Intendant des See-Burgtheaters, kommen in «The Black Rider» seine Vorlieben zusammen: eine packende Geschichte und eine rauhe Musik. «Wie gemacht für den Seeburgpark», sagte er bei den gestrigen Proben.

Das Musical ist Kult, seit es 1990 am Thalia-Theater in Hamburg uraufgeführt wurde (erst acht Jahre später folgte eine englischsprachige Fassung). Leopold Huber lässt die Band in einem Wohnwagen spielen, der seitlich ins Bühnenbild eingelassen ist. «Musiktheater muss Bilder erfinden wie die Oper.» Drei Bläser bilden den Kern der «Wilden Hunde»: Alexander Bührer, Andreas Eiden und Arne Müller; ergänzt von Perkussionist Maurizio Trové und Volker Zöbelin an den Tasten, der auch die Songs von Tom Waits arrangiert hat, sie zitieren, nicht imitieren will. Den Teufel aber wird eine elektrische Gitarre markieren.

Peutz kennt seinen Waits

Bekannte, aber auch neue Gesichter sind auf der Seeburgpark-Bühne zu sehen. Giuseppe Spina hat die neue Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld mitbegründet, hat bei Dimitri Bewegungstheater gelernt und singt in der Band A Little Green. Den Jägerburschen Robert spielt Alexander Peutz, der bei Peter Steins Faust-Projekt an Bruno Ganz' Seite zu sehen war – und dessen Waits-Abende «Shoot the Moon» bei den Fans des schrägen Musikers gut ankommen. Peutz' Bühnenkarriere hat übrigens 1999 beim See-Burgtheater begonnen.

«Nächstes Jahr bist du zehn Jahre bei uns», sagt Huber zu Erich Hufschmid, «dann spielst du den Lear.» Doch erst gibt er den autoritätsgläubigen Förster Bertram, der den Druck von oben an seine Familie weitergibt – «diese unsinnige Tradition», wie Regisseur Huber hinzufügt. Bertrams Problem: Seine Tochter liebt den falschen Mann.

Parabel auf den Leistungsdruck

Aus dem Förstermilieu will er «keine Dirndl- und Loden-Parade» machen, denn «die Geschichte ist eine Parabel». Eine Parabel für die Leistungsgesellschaft, die immer schneller, immer weiter, immer höher wolle und so ihre Kinder zerstöre. Für Huber ist «The Black Rider» die «aktuellste Story unserer Zeit: Wer schafft den Wettbewerb, wer gewinnt den Pokal?» Wilhelm (Florian Steiner) oder der fesche Robert? Käthchen (Lotti Happle)? Des Försters Frau Anne (Astrid Keller)? Oder doch der Stelzfuss? Denn hat nicht Burroughs seine eigene Frau erschossen?

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