Der weltläufige Bauernmaler

Die diesjährige Kunstauktion der St. Galler Galerie Widmer ermöglicht auch die Wiederbegegnung mit einem vergessenen St. Galler Künstler. Sebastian Oesch arbeitete in der Schweiz, Deutschland, Algerien und Frankreich – und starb 1920 erst 27jährig an einer Grippe.

Beda Hanimann
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«Exotisches Stillleben», Algier, 1914.

«Exotisches Stillleben», Algier, 1914.

Beim Blättern im Katalog der bevorstehenden Auktion in der Galerie Widmer fällt eine sehr heterogene fünfteilige Werkgruppe auf. Zwei Bilder zeigen Appenzeller Bauern, eines trägt den Titel «Exotisches Stillleben», die zwei Landschaftsbilder heissen «Frühling in Paris» und «Bahnhof». Auf diesem sind Gleisanlagen und eine Eisenbahnbrücke zu sehen vor einem Bergmassiv, das an den Alpstein erinnert. Eine Werkgruppe, wie gesagt, alle fünf Bilder stammen vom selben Künstler: Sebastian Oesch. Und was weiter auffällt: Dieser Oesch wurde nur 27jährig, er kam 1893 in St. Gallen zur Welt und starb dort 1920 an einer Grippe. Dennoch hat er in der Kunstwelt Spuren hinterlassen.

Appenzeller Charaktere

Die letzten Jahre vor seinem Tod verbrachte Oesch in Appenzell. Die dort entstandenen Arbeiten gelten als besonders typisch. Es sind Ansichten von Menschen und Landschaften. Für den Auktionator Hans Widmer wäre es aber falsch, zu glauben, das sei «jetzt auch noch so ein Appenzeller Bauernmaler». Auch die Kunsthistorikerin Isabella Studer legt in einem Beitrag für das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft dar, dass Oesch nicht in die Reihe der konventionellen Bauernmalerei gehört: «Durch ungewöhnliche Einblicke, geraffte und gezoomte Ausschnitte stellte Oesch das alltägliche Leben der eigenwilligen und traditionsbewussten Bevölkerung dar.» Auch die beiden zur Versteigerung gelangenden Bilder belegen: Das sind nicht folkloristische Idealisierungen, sondern Charaktere. Widmer sieht Oesch eher in der Nähe von Emil Nolde und dessen «Typen aus Appenzell Innerrhoden».

Lehre als Stickereizeichner

Dass Widmer darauf pocht, Oesch nicht zu sehr auf die Appenzeller Motive zu reduzieren, wird auch aufgrund der Biographie plausibel. Im unklaren über seine beruflichen Ziele, absolvierte Oesch in seiner Heimatstadt eine Lehre als Stickereizeichner. Dabei traf er auf Mitschülerinnen und Mitschüler wie Ignaz Epper, Sophie Taeuber und Theo Glinz. Ein Stipendium der Stadt St. Gallen ermöglichte ihm ein Kunststudium an der Böcklin-Akademie in Zürich. Aus dem Kontakt zum graphischen Atelier Wolfensberger resultierten erste lithographische Arbeiten.

Hinaus in die Welt

Nach Aufenthalten in Berlin, Weimar und München kehrte Oesch nach Zürich zurück und widmete sich intensiv der Lithographie. Es entstanden Plakate, die zum Originellsten der damaligen Schweizer Plakatkunst gehörten. Doch Oesch blieb weiterhin auf der Suche. So reiste er 1914 nach Algier, wo er, so Studer, vom spärlichen Erlös einiger verkaufter Skizzen und Ölbilder lebte (und wo auch das «Exotische Stillleben» entstand). Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs rief ihn in die Heimat zurück; wegen eines Lungenleidens wurde er jedoch bald wieder aus dem Militärdienst entlassen.

Als Rückkehrer anerkannt

Die nächste Station war Paris. Oesch besuchte die Kunstakademie, malte weiter («Frühling in Paris»), seine Kunst brachte jedoch zu wenig ein, so dass er sich als Arbeiter im Pariser Seine-Hafen verdingte. Das war seiner ohnehin schon fragilen körperlichen Verfassung nicht zuträglich. Eine Bleistiftzeichnung von Amedeo Modigliani zeigt den von Krankheit gezeichneten Oesch. Diese zwang ihn zur Rückkehr in die Schweiz. Er bezog Logis im Schlösschen Appenzell. Die Landluft schien ihm zu bekommen, er erholte sich rasch.

Die Appenzeller Jahre wurden auch künstlerisch zu seinen erfolgreichsten. Er erhielt Aufträge von Ostschweizer Stickereifirmen und begann mit der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Landleben. Bereits 1917 richtete ihm das Kunstmuseum St. Gallen eine erste Ausstellung ein. Dass er in der Kunstszene nun anerkannt war, belegt das eidgenössische Kunststipendium, das ihm 1919 zugesprochen wurde. Oesch wurde wieder von Aufbruchstimmung erfasst und hegte Pläne für eine Reise nach Indien. Der Grippetod machte diese Pläne zunichte. Kurz nach dem Tod würdigte ihn das St. Galler Kunstmuseum mit einer Gedächtnisausstellung, der zum 25. Todestag eine weitere folgte.

Ein Werkverzeichnis fehlt

Oeschs künstlerische Referenzen waren Ferdinand Hodler und der Expressionismus, dennoch habe er, so Widmer, einen absolut eigenen Duktus entwickelt. «Er hatte Substanz, da ist eine wahnsinnige Qualität in diesen Bildern», sagt Widmer. Trotzdem geriet Oesch allmählich in Vergessenheit, es gibt keine Monographie und auch kein Werkverzeichnis. Über den möglichen weiteren Weg von Sebastian Oesch zu spekulieren, sei müssig, sagt Widmer. Aber sicher sei, «dass er auf dem Weg war, einer der Grossen der Schweizer Kunst zu werden.»

«Die Brüder», Appenzell, 1918.

«Die Brüder», Appenzell, 1918.

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