Köbi Kuhn – der Volksheld, den jeder einfach anrufen oder in der Migros treffen konnte

Im Alter von 76 Jahren ist Jakob Kuhn gestorben, ein Mensch, den das ganze Land nur als Köbi kannte. Der Zürcher war als Fussballer und Trainer einer der populärsten Sportler der Schweiz. Auch deshalb, weil er sich nicht verbiegen liess und in der scheinheiligen Welt des Profifussballs authentisch blieb.

Ralf Meile/watson.ch
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Köbi Kuhn 2008 dort, wo als Knirps alles begonnen hatte: Auf der Fritschiwiese in Zürich. (Bild: Keystone)

Köbi Kuhn 2008 dort, wo als Knirps alles begonnen hatte: Auf der Fritschiwiese in Zürich. (Bild: Keystone)

Er hätte es auch anders haben können. Verlangen, dass man ihn mit seinem richtigen Namen ansprach. Aber Jakob Kuhn blieb für alle stets Köbi und das ist ein Teil der Erklärung dafür, weshalb er so populär war. Der bescheidene Arbeitersohn aus dem Zürcher Stadtteil Wiedikon war einer vom Volk.

Während seiner Zeit als Nationaltrainer rief ihn einer meiner Freunde einmal an, um mit ihm über die Taktik der Mannschaft zu sprechen. Einfach so. Kuhns Nummer hatte er im Telefonbuch gefunden, zwischen Kubli und Kuratle stand dort sein Name. Wieso hätte er auch nicht dort stehen sollen? Kuhn war zwar Trainer der Fussballnationalmannschaft, aber deswegen war er doch niemand besseres. Und so diskutierte er mit meinem Freund darüber, wie die Schweiz spielen soll.

Jahrzehntelang hielt ihm Ehefrau Alice den Rücken frei. (Bild: Keystone)

Jahrzehntelang hielt ihm Ehefrau Alice den Rücken frei. (Bild: Keystone)

Rührend nahm das Land Anteil am Schicksal seiner langjährigen Gattin Alice, die er bis zu ihrem Tod pflegte. Immer habe sie hinten anstehen müssen, sagte Kuhn, nun sei es an ihm, für seine Frau da zu sein. Eine Haltung, die gut ankam. Auch weil die Leute spürten, dass Kuhn authentisch war und keine Rolle spielte, nur um ihnen zu gefallen. Sie sahen, wie er am Samstag in der Migros den Wocheneinkauf tätigte und sie sahen dabei: Das ist einer wie du und ich.

Als Fussballer galt Kuhn als einer der besten Spielmacher, die die Schweiz je hatte. Das liess sich an Prominentenspielen auch lange nach der Aktivkarriere noch feststellen, wo Kuhn zwar nicht in den Verdacht geriet, dass die Stollenschuhe wegen Überbeanspruchung ersetzt werden müssen, er aber mit 40-Meter-Pässen aus dem Fussgelenk begeisterte.

Die Choreo der FCZ-Fans zu Kuhns 75. Geburtstag im vergangenen Jahr. (Bild: Keystone)

Die Choreo der FCZ-Fans zu Kuhns 75. Geburtstag im vergangenen Jahr. (Bild: Keystone)

Seinem FC Zürich blieb er stets treu – auch wegen des Machtworts des damaligen FCZ-Präsidenten Edi Nägeli. Der hatte von Kuhns Wechselabsichten zum Stadtrivalen GC erfahren, drohte seinem Spieler mit einer zweijährigen Sperre und so kroch dieser über die Gleise zurück in den Letzigrund. Er habe sich als Spieler weniger angepasst als andere, sagte Kuhn einst über sich selber, und: «Ich war für die Trainer kein Einfacher.»

Als er selber Nationaltrainer wurde, nutzte er die vielen Erfahrungen, die er über die Jahre gesammelt hatte. Er spürte die Mannschaft und wusste, wann er die Zügel anziehen muss und wann er sie straff lassen konnte. Kuhn schaffte es, die Spieler zu einer verschworenen Einheit zu machen, zu einer Fussball-Familie. Und als deren Oberhaupt den 60. Geburtstag feierte, besang ihn ein ganzes Stadion: Es war, als die Schweiz die Qualifikation für die EM 2004 in Portugal geschafft hatte, die erste Turnierteilnahme nach drei gescheiterten Anläufen.

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)
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Der frühere Nationaltrainer ist am Dienstag nach langwieriger schwerer Krankheit verstorben. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller, Ilanz, 26. Mai 2016)
Köbi Kuhn wurde 76 Jahre alt. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)
Der frühere Trainer der Schweizer Nationalmannschaft ist am Dienstagnachmittag im Spital Zollikerberg nach einer langwierigen schweren Krankheit gestorben. (Bild: Andreas Meier, 2002)
Unter Kuhn – hier an der Heim-EM 2008 – qualifizierte sich die Nati für die EM-Endrunde 2004 und die WM-Endrunde 2006. (Bild: Eddy Risch)
Unter Trainer Köbi Kuhn gelangen der Schweizer Nationalmannschaft dreizehn Siege in Serie. Seine Ägide dauerte von 2001 bis 2008. (Bild: Keystone)
2008: Nationaltrainer Köbi Kuhn geniesst während der EM in der Schweiz das Bad in der Menge. (Bild: Laurent Gillieron)
Von den Fans bekam Kuhn den Spitznamen «Köbi National», hier nach der WM 2006 am Flughafen Zürich. (Bild: Eddy Risch)
2001: Köbi Kuhn als Coach der U21-Nationalmannschaft. (Bild: Rolf Jenni)
2019: «Ich stand unter Schock» – Köbi Kuhn berichtete in seiner Autobiografie von sexuellem Missbrauch als Kind. (Bild: Valeriano Di Domenico/Keystone)
Der Jugendliche Köbi Kuhn auf der Fritschiwiese in Zürich-Wiedikon: (Bild: FCZ Museum)
1964: Jakob «Köbi» Kuhn in seinen jungen Jahren. (Bild: STR)
1966: FCZ-Spieler Köbi Kuhn im Derby gegen GC. (Bild: Matthias Scharrer)
1966: Köbi Kuhn als Cup-Sieger mit dem FCZ. (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn mit Pelé im Letzigrund: (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn jongliert im Letzigrund. (Bild: STR)
1969: Köbi Kuhn als Spieler des FC Zürich. (Bild: STR)
1972: Köbi Kuhn im Letzigrund. (Bild: Sportmuseum Schweiz): (Bild: Sportmuseum Schweiz)
1973: Im Berner Wnakdorfstadion schlägt Köbi Kuhn mit dem FC Zürich den FC Basel und wird Cup-Sieger. (Bild: STR)
Köbi Kuhn nach dem Cupsieg mit dem FC Zürich am 23. April 1973. (Bild: Keystone)
1975: FCZ-Präsident Edi Nägeli und Captain Köbi Kuhn mit dem Meisterpokal im Letzigrund. (Bild: STR)
1977: Köbi Kuhn wurde mit dem FCZ sechs Mal Schweizer Meister (1963, 1966, 1968, 1974, 1975, 1976). (Bild: STR)
1978: Nach der Partie gegen den AC Milan verabschiedet FCZ-Präsident Edi Nägeli Köbi Kuhn nach seinem letzten Karrierespiel als Aktiver Fussballer. (Bild: STR)
1978: FCZ-Präsident Edi Naegeli (l.) verabschiedet Köbi Kuhn nach dem Spiel gegen AC Milan. (Bild: Photopress-Archiv)
1983: Köbi Kuhn als Trainer des FC Zürich – seiner einzigen Trainer-Position im Club-Fussball. (Bild: foto-net)
2002: Köbi Kuhn Trainierte von 2001 bis 2008 die Schweizer A-Nationalmannschaft. Davor war er von 1995 bis 2001 Coach der U21-Nati. (Bild: FRANCO GRECO)
2003: Nati-Caoch Kuhn im Basler Joggeli. (Bild: EDDY RISCH)
2005: An den Sports Awards wird Köbi Kuhn zum Trainer des Jahres gekürt. (Bild: LUKAS LEHMANN)
2007: Köbi Kuhn gewinnt den Swiss Award und wird Schweizer des Jahres 2006. (Bild: WALTER BIERI)

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)

Kuhns Mannschaft löste damit eine Begeisterung im Land aus, die ihren Höhepunkt zweieinhalb Jahre später erlebte. In unvergessenen Barrage-Spielen setzte sich die Schweiz gegen die Türkei durch und konnte an der WM 2006 in Deutschland teilnehmen. In Dortmund gewann sie vor geschätzten 50'000 Schweizer Zuschauern 2:0 gegen Togo. Sie legte mit einem Sieg gegen Südkorea nach und scheiterte erst im WM-Achtelfinal im Penaltyschiessen an der Ukraine. Das war genauso ernüchternd wie das frühe Aus an der Heim-EM 2008. Danach beendete Kuhn seine Trainerlaufbahn.

Kuhn geniesst den Empfang nach der WM 2006. (Bild: Keystone)

Kuhn geniesst den Empfang nach der WM 2006. (Bild: Keystone)

Kuhn hatte auch abseits des Rasens mit Rückschlägen zu kämpfen. Seine Tochter verlor er an die Drogen. Und als er nach der Fussballerkarriere als Versicherungsagent arbeitete, häuften sich die Schulden. Über Kuhn wurde in den 1980er-Jahren der Konkurs eröffnet. Umso mehr sah er seine späten Jahre als Nationaltrainer als unerwarteten Bonus an. Das Leben hatte es also doch gut gemeint mit ihm.

Zuletzt hatte Köbi Kuhn immer öfter mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, musste sich unter anderem auf der Intensivstation pflegen lassen. Doch er blieb stets positiv. Nachbarn von ihm tüfteln mit Drohnen, immer wieder stürzten sie in Kuhns Garten. Oft habe er danach an der Haustüre geklingelt, eine Drohne in der Hand, und den Technikern Mut gemacht: Dank Menschen wie ihnen würde die Welt voran kommen.

Sein aktueller Nachfolger als Nationaltrainer, Vladimir Petkovic, ist noch erfolgreicher als Kuhn. Aber so populär wird er nie werden. So beliebt wie «Köbi National» wird wohl überhaupt nie mehr ein Trainer der Schweizer Nationalmannschaft sein.

Die Spieler sagen es 2008 nach der EM, die Fussballschweiz spätestens jetzt: Merci Köbi. (Bild: Keystone)

Die Spieler sagen es 2008 nach der EM, die Fussballschweiz spätestens jetzt: Merci Köbi. (Bild: Keystone)

Stimmen zum Tod von Köbi Kuhn

Mit dem Tod von Köbi Kuhn verliert der Schweizer Fussball eine seiner prägendsten Figuren. Abschiedsworte von Wegbegleitern widerspiegeln den grossen Respekt gegenüber dem verstorbenen Ex-Naticoach.