Der Triumph der Übergangenen

Vor dem Super-Bowl-Sieg der Seattle Seahawks suchte man in diesem Team vergebens nach Stars. Quarterback Russell Wilson und seine Mitspieler wurden von manchem Club links liegengelassen, bevor sie ihre Chance bekamen.

Matthias Hafen
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AMERICAN FOOTBALL. Früher auf dem Pausenplatz wären die Profis der Seattle Seahawks als Letzte ausgewählt worden. Nimmt man jedenfalls den NFL-Draft der vergangenen Jahre unter die Lupe, fällt auf, dass die aktuellen Super-Bowl-Champions von vielen Clubs übergangen wurden. Quarterback Russell Wilson (Bild), die Verteidiger Kam Chancellor, Richard Sherman oder Angreifer Max Unger. Sie alle galten als zu schlecht, um in der ersten Runde gezogen zu werden. Im Prozedere, in dem die NFL-Clubs jährlich die besten Talente unter Vertrag nehmen, kamen Seattles Teamstützen an die Reihe, als die Topspieler bereits gezogen waren.

Baumeister des Erfolgs

Umso erstaunlicher ist, wie Coach Pete Carroll aus den Zweit-, Dritt- und Fünftrunden-Drafts eine Einheit geformt hat, die in dieser Saison auch mit der besten Offensive der Liga nicht zu besiegen war. 43:8 fertigten die Seahawks in der Nacht auf gestern die Denver Broncos ab und gewannen erstmals die Super Bowl. Natürlich stellte Seattle die beste Verteidigung der NFL. Und ihr Triumph ist keine Überraschung. Wie dieser zustande kam, hingegen schon. Dass das Team aus dem Nordwesten der USA im Final gegen den besten Angriff der Liga nur acht Punkte zuliess, war unvorhersehbar.

Albtraum für Manning

Zum tragischen Helden der 48. Super Bowl wurde Peyton Manning, der 37jährige Quarterback der Denver Broncos. Er, der vor dem Spiel der Spiele so cool wirkte und jede noch so blöde Frage mit Geduld und Humor beantwortet hatte, zeigte auf dem Spielfeld vor 82 529 Zuschauern Nerven. Schon die erste Aktion der Partie missglückte. Beim Anspiel, dem sogenannten Snap, flog der Ball über Mannings Kopf hinweg. Und schnell wurde deutlich, dass der wertvollste Profi dieser Saison (noch) nicht der erste Quarterback wird, der mit zwei verschiedenen Teams die Super Bowl gewinnt.

Als Bruno Mars sowie die Red Hot Chili Peppers die Halbzeit-Show bestritten und Werbespots mit Bob Dylan, David Beckham oder den Muppets über den Bildschirm flimmerten, lagen Mannings Broncos bereits 0:22 zurück. Zu selten fand der Passgeber seine Mitspieler. Zweimal warf er den Ball gar in gegnerische Hände. Nachdem Seattle mit dem ersten Spielzug der zweiten Halbzeit erneut einen Touchdown geschafft hatte, war die 48. Super Bowl entschieden.

MVP erhält nur Minimallohn

Die Spannung beschränkte sich noch auf zwei Fragen: Werden die Broncos der erste Team, das die Super Bowl zu null verliert? Und wer wird zum wertvollsten Spieler, dem MVP, des Spiels gewählt? Nun, die Broncos punkteten doch noch. Und zum MVP wurde Verteidiger Malcolm Smith erkoren, der vor der Pause nach Mannings Fehlwurf den Touchdown zum 21:0 realisiert hatte. Smith ist kein Star – weder in der NFL noch in der eigenen Mannschaft. Er verdient mit 550 000 Dollar pro Jahr das Minimalgehalt. Im Draft von 2011 wurde er erst in der siebten Runde gewählt, als 13.-Letzter des Prozedere. Er gewann die Auszeichnung auch für alle, die auf dem Pausenplatz jeweils als Letzte ausgewählt wurden.

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