Der Thurgauer Radexpress: So will der Schweizer Bahnvierer die erste WM-Medaille seit 1978 holen

Der Schweizer Bahnvierer ist stark wie nie. Am Mittwoch und Donnerstag startet er in Berlin zur WM. Mit Claudio Imhof und Stefan Bissegger sind zwei starke Thurgauer dabei.

Daniel Good
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Das Schweizer Quartett mit den Thurgauern Claudio Imhof (an erster Stelle) und Stefan Bissegger (Dritter).

Das Schweizer Quartett mit den Thurgauern Claudio Imhof (an erster Stelle) und Stefan Bissegger (Dritter).

Vincent Jannink / EPA ANP
  • Die Chancen auf einen Medaillengewinn sind für den Schweizer Bahnvierer so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
  • An der WM in Berlin tritt das Quartett mit den Thurgauer Lokomotiven Claudio Imhof und Stefan Bissegger am Mittwoch und Donnerstag zur Mannschaftsverfolgung über 4000 Meter an.
  • Die Schweizer reisen mit einem Weltcupsieg und einem Landesrekord von 3:49,982 Minuten in die deutsche Hauptstadt.

Insbesondere die Rekordfahrt vom Dezember nährt die Hoffnungen der Schweizer in der Königsdisziplin des Bahnradsports. Vor einem Jahr hätten sie nicht einmal im Traum daran gedacht, dass sie in dieser Saison die Schallmauer von 3:50 Minuten durchbrechen würden. Erst vier Nationalmannschaften waren vor den Schweizern so schnell gewesen.

Es geht auch um die Olympiaqualifikation

Trotzdem sind die Rekordfahrer noch nicht für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifiziert. Mit einer Klassierung unter den ersten sechs wäre dieses Ziel sicher erreicht. Unter Umständen reicht auch der achte Rang.

Sie riskieren mehr und kommen zu dritt ins Ziel

Den Schweizern steht der Sinn aber nach mehr. Sie nehmen deshalb mehr Risiko auf sich. Nach knapp zweieinhalb Kilometern lässt sich der Startfahrer Robin Froidevaux zurückfallen. Der 21-jährige Waadtländer wird nach halbem Pensum völlig entkräftet sein, weil er zu Beginn des Rennens sehr viel Führungsarbeit verrichtet hat.

Die Schweizer werden den Wettkampf zu dritt fortsetzen. Diese Taktik birgt ein Risiko, denn im Ziel wird die Zeit des dritten Fahrers gewertet. «Wenn wir nur noch drei sind, darf natürlich nichts mehr passieren», sagt Imhof, der Teamleader.

Wenn es hart wird, sind die Thurgauer am Zug

Imhof reiht sich nach dem Start als Dritter ein. Bissegger, der wohl stärkste Schweizer, fährt auf Position vier. Die beiden Thurgauer müssen in der zweiten Rennhälfte das Tempo hochhalten. Imhof fährt vor Bissegger, weil er grösser ist als der frühere Junioren-Weltrekordhalter.

Die Schweizer nehmen weniger Ablösungen vor als früher, «weil das jedes Mal zwei bis drei Meter kostet», sagt der aus Sommeri stammende Imhof.

Der Teamleader war früher das fünfte Rad am Wagen

«Ich denke, wir sind gerüstet für Berlin. Wir trainierten während zweier Wochen auf Mallorca und zuletzt intensiv auf der Bahn in Grenchen.» Überdies sei der Teamgeist sehr gut. Imhof sagt:

«Auf jeden Fall viel besser als es früher teilweise der Fall war»

Er muss es wissen. Schon 2009 war er erstmals für eine Bahn-WM aufgeboten, musste aber absagen, weil er krank war.

Auch später hatte der heute 29-Jährige Rückschläge zu verkraften. Für die Olympischen Spiele 2016 war er nicht einmal als Ersatzfahrer für den Vierer aufgeboten worden, obschon er im gleichen Jahr eine WM-Medaille gewonnen hatte.

Der Schweizer Teamleader Claudio Imhof aus Sommeri

Der Schweizer Teamleader Claudio Imhof aus Sommeri

Urs Flueeler / KEYSTONE

Aber Imhof gab nie auf und schaffte schliesslich den nachhaltigen Sprung in die Weltklasse. Vor gut einem Jahr bewerkstelligte er als erster Schweizer einen Weltcupsieg in einer olympischen Disziplin auf der Bahn.

Der Schweizer Nationaltrainer Daniel Gisiger rechnet mit einer WM-Platzierung zwischen den Rängen drei bis sechs.

Stefan Küng wurde 2015 auf der Bahn von Paris Weltmeister in der Einzelverfolgung.

Stefan Küng wurde 2015 auf der Bahn von Paris Weltmeister in der Einzelverfolgung.

Michel Euler / AP

Der Nationaltrainer wollte Stefan Küng ins Boot holen

Gisiger gehörte 1977 zu jenem Vierer, der zum ersten Mal eine WM-Medaille für die Schweiz gewann. An dieser WM wollte er sogar den erfolgreichen Thurgauer Strassenprofi Stefan Küng, den Verfolgungsweltmeister von 2015, starten lassen. Allerdings vergeblich. Aber Imhof und Co. haben ausreichend Qualität, um die erste WM-Medaille seit 1978 zu holen.

Das Rendez-vous mit dem Sieger der Tour de France

Claudio Imhof ist zwar Bahnspezialist, er hat aber auch schon ansehnliche Resultate auf der Strasse erreicht. In einem guten Licht präsentierte er sich insbesondere an der Tour de Suisse 2019, als er in der zweiten Etappe das Bergtrikot übernahm und dieses erst am Schluss an Egan Bernal weiterreichen musste. Der Kolumbianer gewann ein paar Wochen später die Tour de France. «Er hat mich sogar gekannt. Ich fühlte mich sehr geehrt», sagt Imhof. (dg)

Ganz Sommeri hofft auf Olympiagold

Die Bühne des Wahlapéros am Sonntag nutzte die Gemeinde, um ihren berühmtesten Sportler zu ehren – den Radrennfahrer Claudio Imhof. Der hat die Sommerspiele 2020 in Tokio im Visier.
Manuel Nagel