Der Süden regiert die WM

Alle vier Halbfinalteilnehmer an der Rugby-WM in England stammen aus der südlichen Hemisphäre. Dass der Sport südlich des Äquators erfolgreicher gespielt wird, ist kein Zufall.

Sissi Stein-Abel/Christchurch
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Australiens Adam Ashley-Cooper gelingt gegen Schottland ein Try. (Bild: ap/Kirsty Wigglesworth)

Australiens Adam Ashley-Cooper gelingt gegen Schottland ein Try. (Bild: ap/Kirsty Wigglesworth)

RUGBY. Motoröl im Kühlregal? Nein. Es sieht nur so aus. Die schwarzen Plastikflaschen, die in Neuseelands Supermärkten zwischen ganz normalen Milchcontainern stehen, sind auch noch mit aufgeklebten Rückennummern versehen und dem Slogan: «100% All Black. 100% All Blacks.» Auf die Idee, Milch in schwarze Flaschen zu füllen, muss man erst einmal kommen. Es ist eine der Verrücktheiten zu Zeiten der Rugby-WM, die Neuseeland in Atem hält – erst recht, seit diese All Blacks, das Nationalteam Neuseelands, in den Viertelfinals den Angstgegner Frankreich mit 62:13 überrollten.

Dieser Triumph steht exemplarisch für die Dominanz der vier stärksten Mannschaften der südlichen Hemisphäre, die an der achten WM in England zum erstenmal alle Halbfinalisten stellen. Die Neuseeländer sind am Samstag Favorit gegen Südafrika, am Sonntag treffen Australien und Argentinien aufeinander.

Ausnahme England

Nur einmal gelang es einem Team von der nördlichen Hemisphäre, die Phalanx der Mannschaften aus dem Süden zu durchbrechen. Das diesmal an der Heim-WM schon in der Vorrunde gescheiterte England triumphierte 2003. Neuseeland, Australien und Südafrika gewannen jeweils zweimal, und nach dem Final am 31. Oktober darf zum siebtenmal seit der Premiere 1987 eine Auswahl von der Südhalbkugel feiern.

Die Vorherrschaft der Länder aus dem Süden ist nicht neu. Mehr als Achtungserfolge sind den Europäern nicht gelungen. Die launischen Franzosen scheiterten dreimal im Final. «Es herrscht keine riesige Kluft, aber wir müssen in Bestform sein, um gegen die Teams der Südhalbkugel gewinnen zu können», sagt Irlands neuseeländischer Trainer Joe Schmidt.

Japan, WM-Gastgeber 2019, war an der WM 2015 die einzige Mannschaft, die mit Südafrika ein grosses Team aus dem Süden besiegte. Aber die Japaner fühlen sich in Sachen Rugby dem Süden zugehörig. Wie Japan hat auch Argentinien in der von 15 auf 18 Mannschaften aufgestockten Super-Rugby-Liga, die am 26. Februar 2016 in die Saison startet, einen Platz erhalten. Bereits 2012 wurden die Südamerikaner in die Rugby Championship aufgenommen. Das ist die Meisterschaft der Nationalmannschaften der Verbände Südafrika, Neuseeland und Australien, die sich nach der Einführung des Profitums im Rugby 1995 zusammenschlossen und auch noch um die Tri-Nations-Trophäe spielen. Der Aufstieg der Argentinier, die im WM-Viertelfinal Irland vom Platz fegten, kommt also nicht von ungefähr.

Neuseeland technisch überlegen

Die Leistungsstärke dieser prestigeträchtigen Wettbewerbe, bei denen sich die Besten der Besten untereinander messen, sind ein wichtiger Grund für die Qualität dieser Mannschaften, die trotz der häufigen Vergleiche völlig unterschiedliche Stilrichtungen pflegen: Südafrika extrem körperbetont und Australien laufstark. Die Neuseeländer sind technisch eine Klasse für sich, weil im Nachwuchs ohne Körperkontakt gespielt wird. Zudem halten die Neuseeländer ihre Starspieler im Land. (si)

Neuseeland lanciert gegen Frankreich den nächsten Spielzug. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Neuseeland lanciert gegen Frankreich den nächsten Spielzug. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Gegen Südafrikas Power hat Wales wenig auszurichten. (Bild: ap/Frank Augstein)

Gegen Südafrikas Power hat Wales wenig auszurichten. (Bild: ap/Frank Augstein)

Argentiniens Nicolas Sanchez punktet per Penalty-Kick gegen Irland. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Argentiniens Nicolas Sanchez punktet per Penalty-Kick gegen Irland. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)