«Der Staat ist erschreckend grosszügig»

Die EU-Kommission will ein Verfahren gegen spanische Spitzenclubs eröffnen. Offenbar fliessen öffentliche Gelder und Hilfen in Vereine wie Real Madrid und den FC Barcelona, welche dadurch nicht erlaubte Finanzvorteile im europäischen Wettbewerb haben.

Ralph Schulze/Madrid
Drucken
Teilen

FUSSBALL. Viele spanische Bürger sehen schon länger rot, wenn sie daran denken, wie Spaniens Clubs vom Staat verhätschelt werden. Erst recht im Königreich der Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und wachsenden Armut. Die Vereine der 1. und 2. Liga schieben beim Finanzamt einen Berg von 700 Millionen Euro Schulden vor sich her.

Was die Clubs der Sozialversicherung schuldig sind, ist «aus Datenschutzgründen» geheim. Nur eine Schätzung der Gesamtverbindlichkeiten, zu denen auch von öffentlicher Hand abgesicherte Bankkredite gehören, liegt vor: Der Ökonom José Maria Gay de Liébana schätzt den Schuldenberg auf mindestens 3,5 Milliarden Euro.

Beschwerden verschleppt?

Die spanische Oppositionspartei «Vereinte Linke» sprach schon vor längerem aus, was die Menschen denken: Die Nachsicht des Staates mit den Vereinen sei «ein Skandal». Denn: «Millionen von Spaniern leiden unter der Sparpolitik der Regierung, nur mit den Fussballclubs geht der Staat in erschreckender Weise grosszügig um.» Auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hat sich in diesem Fussball-Finanzskandal bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Beschwerden wegen des Verdachts unerlaubter öffentlicher Hilfen für Spaniens Clubs wurden in seiner Behörde offenbar verschleppt. So lange, dass die EU-Bürgeranwältin Emily O'Reilly, die Ombudsfrau der EU-Kommission, sich jetzt gezwungen sah, den Spanier Almunia öffentlich zu rügen. Und ihn aufzufordern, das «Vertragsverletzungsverfahren gegen Spanien wegen mutmasslicher unfairer Steuervorteile für einige spanische Fussballclubs nicht länger zu verzögern».

Kommissar ist Vereinsmitglied

Zuvor, so berichtete O'Reilly, «hatten sich Investoren anderer europäischer Clubs beschwert, die Untätigkeit der Kommission in diesem Fall könnte damit zusammenhängen, dass der verantwortliche Kommissar einen der betroffenen Clubs unterstützt». Almunia ist Vereinsmitglied von Athletic Bilbao – einer jener Clubs, die von verbotenen öffentlichen Hilfen profitiert haben sollen. Im EU-Wettbewerbsverfahren geht es aber nicht nur um Steuerschulden: Real Madrid und Athletic Bilbao sollen mit fragwürdigen Immobiliendeals von ihren Heimatstädten begünstigt worden sein. Valencia, einer von mehreren praktisch zahlungsunfähigen Clubs und in der Europa League zuletzt Gegner des FC St. Gallen, gibt es nur noch, weil die Regionalregierung für die Schulden geradesteht. Der FC Barcelona, Real Madrid, Athletic Bilbao und Osasuna Pamplona geniessen zudem – im Gegensatz zur spanischen und europäischen Konkurrenz – Steuervorteile.

Aktuelle Nachrichten