Sylvia Schenk: «Der Sport ist erst dann sauber, wenn die Welt sauber ist»

Die 66-jährige Sylvia Schenk ist Juristin und ehemalige deutsche Leichtathletin. Von 2006 bis 2013 war sie Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland. Sie gilt als Expertin im Kampf gegen Korruption. Seit 2017 ist Schenk Mitglied im Menschenrechtsbeirat der Fifa.

Patricia Loher
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Sylvia Schenk (Bild: imago)

Sylvia Schenk (Bild: imago)

Was macht der unabhängige Menschenrechtsbeirat der Fifa?

Als erste Sportorganisation überhaupt hat der Weltfussballverband, gestützt auf die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, das Bekenntnis zu Menschenrechten in seine Statuten aufgenommen, und systematisch mit der Umsetzung begonnen. Die Fifa leistet also Pionierarbeit. Unsere Aufgabe ist es, der Fifa dabei beratend zur Seite zu stehen. Wir sind acht Experten in den Bereichen Menschenrechte, Arbeitsstandards und Korruptionsbekämpfung. Sowohl für die Fifa als auch für uns ist vieles neu. Unser Blickwinkel erweitert sich ständig.

Was ist passiert, seit die Fifa die Menschenrechte in den Statuten verankert hat?

Ein Meilenstein war die Aufnahme von Menschenrechtskriterien in die Ausschreibung für die WM sowie weitere Weltmeisterschaften, zum Beispiel Nachwuchs-Titelkämpfe oder die Frauen-WM. Alleine, weil sich die Bewerber mit der Frage nach den Menschenrechten auseinandersetzen müssen, kann in manchen Ländern etwas in Bewegung kommen. Bei der Vergabe der WM nach Russland und Katar waren die Menschenrechte noch kein Thema. Rückwirkend hat die Fifa noch versucht Einfluss zu nehmen, was in Katar besser gelungen ist als in Russland.

Weshalb?

Im Vergleich mit Russland reagiert Katar schneller auf Forderungen. Es ist bereits viel vorangebracht worden, die gemeinsamen Inspektionen auf den Baustellen mit der international zuständigen Gewerkschaft laufen gut. Doch die Gesellschaft in Katar ist heterogen. Die Reformer wollen das Land öffnen, es gibt aber auch konservative Kräfte. Vor allem im Umgang mit Homosexualität tun sich die Kataris schwer.

Dann können Turniere faktisch in alle Länder vergeben werden, die einen Bericht über ihre Menschenrechts-Bemühungen abgeben?

Grundsätzlich ja. Die Bewerber müssen darlegen, wie sie Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Vorbereitung und Durchführung des Turniers vorbeugen und bei Vorfällen für Abhilfe sorgen. Wir dürfen in Europa nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Es gibt auch in Deutschland Rassismus, es gibt auch in Europa ausgebeutete Bauarbeiter, die schwarz beschäftigt sind. Und die USA halten immer noch an der Todesstrafe fest. Deshalb ist es schwer, absolute Ausschlusskriterien festzulegen. Es kommt darauf an, in einem Bewerberland positive Anstösse für die Menschenrechtssituation insgesamt zu geben. Ich bin überzeugt, dass mit dem Sport Gutes in Gang kommen kann. Es darf aber auf keinen Fall sein, dass ein Fifa-Turnier der Bevölkerung oder dem Land schadet.

Sie sagten einmal, seit der Fifa-Krise 2010/11 sei enorm viel passiert, und es bringe nichts, das unablässig zu negieren und zu diskreditieren. Können Sie das ausführen?

Die Fifa liegt international im Sport bei Good Governance (im verantwortungsvollen Führen, Red.) und den Menschenrechten weit vorne. Sie hatte allerdings auch einen grossen Nachholbedarf und steht besonders im Blickpunkt. Um diejenigen zu stützen, die die Entwicklung innerhalb des Fussballs in den vergangenen Jahren vorangebracht haben, ist eine differenzierte Beurteilung nötig

Amnesty International hat die weiterhin bestehende Entrechtung von über zwei Millionen ausländischen Arbeitern durch das Kafala-System in Katar angemahnt. Was sagen Sie dazu?

Das genau ist ein Beispiel für eine undifferenzierte Schlagzeile. Der Amnesty-Bericht verweist durchaus auf die positiven Entwicklungen, versucht aber, den Reformprozess zu beschleunigen und zu erweitern. Dabei geht es unter anderem um Migrantenarbeiterinnen als Haushaltshilfen. Das ist tatsächlich ein Problem, hat aber mit der Fifa nichts zu tun. Es wird im Gegenteil deutlich, wie die Vergabe der WM nach Katar Anstösse über die Verantwortung der Fifa hinaus gibt.

Nur gibt es die Zweifel, dass die Bemühungen nachhaltig sind. Die Länder sind einige Jahre im Fokus, danach könnten Sie aber wieder in alte Muster zurückfallen. Sehen Sie das anders?

Durch die von der Fifa in den Bewerbungskriterien geforderte Beteiligung von Stakeholdern (Interessensgruppen, Red.) wird die nationale Zivilgesellschaft eingebunden. Nur wenn letztlich die Bevölkerung in einem Land für ihre Rechte einsteht, können Massnahmen langfristig Einfluss haben. Es gar nicht erst zu versuchen, weil Zweifel an der langfristigen Wirkung bestehen, zementiert dagegen den Status Quo und lässt die Möglichkeiten von Grossanlässen ungenutzt.

Erwartet man zu viel von der Fifa?

Manche denken, heute verankere die Fifa die UNO-Leitlinien und morgen sei die Welt in Ordnung. Das ist ein langwieriger Prozess, zudem abhängig von der weltweiten Entwicklung zu den Menschenrechten. Genauso ist es bei der Korruptionsbekämpfung: Einmal fragte mich ein Journalist: Wann ist der Fußball sauber? Die Antwort: Wenn die Welt sauber ist.

Sie kennen aus Ihrer Beratungstätigkeit auch grosse Wirtschaftsunternehmen. Was sind die Unterschiede im Vergleich zur Fifa?

Die UNO-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte gibt es erst seit 2011. Und im Vergleich mit grossen Unternehmen ist die Fifa klein. Für Daimler arbeiten 290 000 Personen, die Fifa hat rund 500 Angestellte. Aber es gibt den Anspruch des Sports, Gutes zu bewirken. Die exorbitante internationale Aufmerksamkeit verpflichtet. Die Fifa muss aber immer auch ihre 211 Mitgliedsverbände, die eigenständige Organisationen sind, überzeugen. Jedes politische Problem wird früher oder später auch zu einem Problem für die Fifa, das haben wir in den zwei Jahren bereits gemerkt.