Der Schweizer Nationalmannschaft befindet sich in einem guten Prozess

Für die Schweiz bleibt in der Nations League das ungeliebte Spiel um Platz drei. Weil nicht das Wie, sondern das Was zählt. Und bei Portugal im Besonderen das Wer.

Christian Brägger, Porto
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Harte Arbeit: Granit Xhaka (links) und Kevin Mbabu versuchen, Portugals Ausnahmekönner Cristiano Ronaldo zu stoppen. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Porto, 5. Juni 2019))

Harte Arbeit: Granit Xhaka (links) und Kevin Mbabu versuchen, Portugals Ausnahmekönner Cristiano Ronaldo zu stoppen. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Porto, 5. Juni 2019))

Es zog ein heftiges Gewitter auf über Porto. Am frühen Donnerstagnachmittag begann es in der charmanten Stadt derart zu regnen und zu stürmen, dass die Regenschirme der Fussgänger ihren Dienst versagten und einfach umklappten. In ihrer Funktion waren sie nicht mehr nur annähernd das, was sie sein sollten: Beistand bei Hudelwetter.

Zwei Stunden davor am Tag nach dem 1:3 im ersten Nations-League-Halbfinal gegen Portugal hatten die Schweizer Beistand moralischer Art nicht nötig. Sie wirkten ruhig und gelassen auf dem etwa 20 Kilometer ausserhalb der Stadt gelegenen Trainingsgelände des FC Porto. Die einen liefen ihre müden Beine weg oder waren in der Massage, die anderen mussten etwas mehr trainieren, vielleicht in der Hoffnung, am Sonntag im Spiel um Platz drei länger oder überhaupt zum Einsatz zu kommen. Und für die Goalies, Yann Sommer inklusive, war die mittägliche Übungseinheit intensiv wie eh und je.

Enttäuschung ja, Niedergeschlagenheit nein

Bereits einige Minuten nach der Partie hatten die Schweizer nicht wahnsinnig niedergeschlagen gewirkt. Dafür hatten sie lange zu gut mitgehalten, waren bis auf die Schlussminuten die bessere Mannschaft gewesen. Und dafür war das Format eben nicht dasselbe wie eine Barrage, vor allem nicht wie eine WM und EM, wo die Verabschiedung aus einem Turnier ganz anders zu verdauen ist. Nicht dass jetzt ein falsches Bild entstehen könnte. Die Schweizer waren gewiss sehr enttäuscht über die verpasste, erstmalige Titelchance, aber sie blieben im Nachgang eben auch realistisch, sachlich. «Es ist sehr schade, dass wir nun über eine Niederlage reden müssen. Wir haben sehr lange dominiert, Einstellung und Mentalität waren da. Aber leider zählt das Ergebnis», hatte Granit Xhaka gesagt, der als letzter Schweizer über den Teppich in der Mixed Zone schritt.

Über die Niederlage reden, ja. Doch es tut diesen Schweizern vorderhand ganz gut, sich am Positiven festzuhalten. Weil sie auswärts einen Gegner der europäischen Elite in Schwierigkeiten brachten, mutig waren, mit Verve auftraten und in der Offensive grundsätzlich die bessere Figur abgaben. «Wir hatten alles gehabt, um das Spiel eigentlich zu gewinnen», sagte Xherdan Shaqiri. Doch die Schweizer taten genau dies nicht, weshalb dieser fahle Beigeschmack nachkommt: Selbst wenn sie nah dran sind, reicht es auf Stufe eines Turniers nicht zum Exploit. Zumal die Partie gegen Portugal als Zeugnis dafür herhielt, wie weit die Schweizer in ihrer Entwicklung sind, ganz grundsätzlich, und in einem besonderen Spiel. Der Widersacher war hierfür der geeignete, der Rahmen mit 50000 Zuschauern sowieso.

Das Zwischenfazit lautet: Die Mannschaft von Vladimir Petkovic befindet sich in einem guten Prozess, sie erzielt sichtbare Fortschritte, auch wenn ein My fehlt. Es ist kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten, als man gegen die Topnationen mauerte, kein Vergleich mehr zum 0:2 gegen Portugal in der WM-Qualifikation vor 20 Monaten, als Cristiano Ronaldo kein Faktor war. Heute weist die Schweiz 54 Prozent Ballbesitz aus, nur heute war Ronaldo mit drei Toren eben der Faktor. Sein Coach Fernando Santos sagte: «Es gibt Genies als Maler und in der Kunst. Und es gibt Ronaldo: Er ist ein Fussballgenie.»

Ein solches werden die Schweizer nie haben, aber das hat man im Tennis vor Roger Federer auch gesagt. Und genau Ronaldo steht für das, was den Schweizern mit Ausnahmen wie gegen Belgien auf Topniveau abgeht: Kaltschnäuzigkeit und Effizienz vor dem Tor, aus wenig viel machen, oder aus nichts alles. Manuel Akanji, der den Könner bei dessen zweiten Treffer gewähren liess, sagte: «Ich gab ihm in dieser Szene bewusst ein bisschen Raum, um den Ball nicht in den Rücken zu bekommen. Ich dachte, für ihn sei das die schwierigste Position, um ein Tor zu erzielen.» Aus nichts alles machen.

Zwei Gewinner: Mbabu und Shaqiri

Neben einigen Wacklern in der Defen­sive gab es Petkovic aber auch zu denken, dass sein Team zweimal in Folge in den Schlussminuten gleich mehrere Treffer einfing. Ein Zeichen fehlender Erfahrung und Cleverness. Und dass die Schweiz das eigene Spiel nicht über die volle Distanz durchziehen kann und sich in Schlussphasen zu sehr zurückzieht.

Gewinner auf Schweizer Seite gab es trotz des Dämpfers. Kevin Mbabu beispielsweise, der erst am Morgen der Partie erfahren hatte, dass er auflaufen würde; er spielte so, als hätte er es schon lange davor gewusst. Und Shaqiri, der noch am vergangenen Sonntag mit Liverpool und über 750000 Anhängern in der Beatles-Stadt seinen zweiten Champions-League-Titel gefeiert hatte. Er habe sich danach ein wenig aufpolieren müssen, sagte er. Dies ist ihm gelungen, nun könnte er darin den Schweizern Tipps geben.