Der ruhige Schaffer muss gehen

Nach viereinhalb Jahren verlässt Marco Mathys den FC St. Gallen. Der 28jährige Solothurner ist im vergangenen Herbst dem Trainerwechsel von Jeff Saibene zu Joe Zinnbauer zum Opfer gefallen. Ab nächster Saison spielt Mathys für Vaduz.

Patricia Loher
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FUSSBALL. St. Gallens Anhänger lassen Marco Mathys nur ungern ziehen. Als vor dem Heimspiel gegen Luzern die Verabschiedung des Mittelfeldspielers angekündigt wurde, ertönten von den Rängen Pfiffe. Mathys verabschiedete sich schliesslich so, wie es typisch ist für ihn: ruhig und ohne nachzutreten. Es habe sich je länger desto mehr abgezeichnet, dass St. Gallen seinen Vertrag nicht verlängern werde. «Der Coach hat mir erklärt, dass ich nicht in sein Spielsystem passe.» Natürlich sei das zu Beginn eine Enttäuschung gewesen, so der Solothurner. Aber trotzdem habe er immer wieder versucht, alles zu geben. Gereicht hat es am Ende nicht.

Dem Trainerwechsel von Jeff Saibene zu Joe Zinnbauer ist vor allem Mathys zum Opfer gefallen. Bei keinem anderen war das so offensichtlich wie beim Mittelfeldspieler. Bis zu Saibenes Rücktritt im September hatte Mathys in sieben Spielen sechsmal der Startformation angehört. In den 27 Partien unter Zinnbauer lief der 28-Jährige genau noch zweimal von Beginn an auf. Natürlich, Mathys war auch noch verletzt. Aber viel geändert an seiner Situation hätte es nicht, wäre er durchgehend einsatzfähig gewesen.

Eher ein gemütlicher Mensch

Mathys ist ein technisch höchst begabter Fussballer mit «unglaublich vielen Qualitäten», wie Zinnbauer sagt. Aber Wucht und Aggressivität bringt er nicht in jenem Masse mit, wie sich Zinnbauer das wünscht. Und Mathys ist kein lauter Spieler. Er hat nie für sich in Anspruch genommen, eine Mannschaft führen zu können. Er sagte einmal über sich, er sei eher ein gemütlicher Mensch.

Lange sprachen seine Leistungen auf dem Platz für sich. Unter Saibene und mit Dejan Janjatovic und Stéphane Nater im Rücken war er eine tragende Säule jener Mannschaft, die in der Europa League für die bis anhin letzten schönen St. Galler Nächte verantwortlich war. Im Hinspiel der Qualifikation für die Gruppenphase erzielte Mathys in der AFG Arena gegen Spartak Moskau das Tor zum 1:1. Im Rückspiel beim russischen Rekordmeister war Mathys massgeblich an einem der grössten Erfolge in St. Gallens Vereinsgeschichte beteiligt. Beim 4:2-Erfolg, mit dem sich St. Gallen überraschend für die Gruppenspiele qualifizierte, bereitete er zwei Tore vor. Bis zum Ende der Kampagne traf Mathys noch zweimal, zu einem weiteren Tor lieferte er die Vorlage. «Ich bin dankbar, dass ich diese Spiele mit St. Gallen erleben durfte», sagt er. «Es war eine wunderbare Zeit.»

«Will mehr Geschwindigkeit»

St. Gallens Anhänger haben Mathys, den stillen Schaffer, gemocht. Als die Mannschaft in dieser Rückrunde einmal mehr in die Krise geriet, wurden die Rufe nach dem Solothurner lauter. Nur, Danijel Aleksic, sein Konkurrent im zentralen Mittelfeld, war noch einer der besseren bei den Ostschweizern. «Und auf den Flügelpositionen wollte ich mehr Geschwindigkeit», so Zinnbauer über die Tatsache, dass er Mathys auch nie im rechten Mittelfeld eine Einsatzchance zugestand. Der Trainer sagt, Mathys sei ein guter Spieler, der sich immer korrekt verhalten habe. Trotzdem konnte sich der Deutsche mit Mathys als Fussballer nie anfreunden.

Nun also endet in St. Gallen die Zeit für einen Spieler, der in diesem schnelllebigen Geschäft nach viereinhalb Jahren zum Inventar gehörte. In der Ostschweiz hat Mathys nach seinem Wechsel vom FC Biel im Winter 2012 einen rasanten Aufstieg erlebt. Zehn Monate nach seinem letzten Spiel für die Seeländer in der Challenge League hatte Mathys ein Aufgebot des Schweizer Nationalteams auf dem Tisch. «Er ist torgefährlich und besitzt die Schnelligkeit, um international bestehen zu können», sagte der damalige Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. Mathys bestritt damals gerade seine erste Super-League-Saison. Zum Einsatz für die Schweiz kam er aber nicht.

Das Lob von Perret

Die Karriere begann Mathys in seinem Heimatdorf Derendingen, wo er es bis ins 2.-Liga-Team schaffte. Weil er sich auf die Matura konzentrieren wollte, lehnte der Fussballer ein Angebot ab, in die Nachwuchsabteilung des FC Basel zu wechseln. 2006 ging Mathys schliesslich zu Concordia Basel in die Challenge League. Nach dem Zwangsabstieg wechselte er nach Biel.

Mathys' Stärke ist die Polyvalenz. Er begann einst als Stürmer, war eine Nummer zehn, ehe er auch auf den Aussenbahnen Akzente setzte. «Wenn Mathys kein guter Super-League-Spieler wird, weiss ich nicht, wer ein guter Super-League-Spieler ist», sagte einst Philippe Perret, sein früherer Trainer in Biel. Ab der nächsten Saison spielt Mathys für den FC Vaduz. Er wäre dann nicht der erste ehemalige St. Galler, der gegen seinen früheren Arbeitgeber gross aufspielt.

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