Jerry Jones besitzt das teuerste Sportunternehmen der Welt

Die Dallas Cowboys sind das teuerste Sportunternehmen der Welt. Doch das «America’s Team» hat aufgrund von sehr eigenwilligem Management mehr als 20 Jahre nichts mehr gewonnen.

Nicola Berger, Dallas
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Der «Sheriff» der Cowboys: Dallas-Cowboys-Besitzer Jerry Jones. (Bild: Kohjiro Kinno/Getty (Oxnard, 28. Juli 2018))

Der «Sheriff» der Cowboys: Dallas-Cowboys-Besitzer Jerry Jones. (Bild: Kohjiro Kinno/Getty (Oxnard, 28. Juli 2018))

Der Besitzer des teuersten Sportunternehmens der Welt ist 76 Jahre alt, sieht ein bisschen aus wie der 2017 verstorbene «Playboy»-Gründer Hugh Hefner, ist Fan und Unterstützer von Donald Trump und schloss 1989 ein Geschäft für die Ewigkeit ab: Jerry Jones zahlte 140 Millionen US-Dollar für die Übernahme der Dallas Cowboys.

Heute ist das Team laut «Forbes» fünf Milliarden Dollar wert, mehr als jedes andere Sportunternehmen der Welt. Das Schnäppchen hat Jones zu einem der reichsten Männer der USA gemacht. Jones ist die schillerndste, streitbarste und einflussreichste Persönlichkeit unter den 32 NFL-Teambesitzern – und auch eine der am stärksten polarisierenden Figuren des Landes, teils aus Missgunst, teils aus Fremdscham, weil er auf dem glitschigen Boden der Moral immer mal wieder ausrutscht. Jones, ein konservativer Hardliner, hat kein Verständnis dafür, dass die NFL-Profis gegen soziale Ungerechtigkeit und Polizeigewalt protestieren und dafür während der US-Nationalhymne niederknieten. Eine Respektlosigkeit sei das, sagte Jones, und drohte, nicht mehr einzusetzen, wer nicht aufrecht stehe. Dummerweise wurde er aber selber dabei gefilmt, wie er während der Hymne seinen Hut nicht auszog, im von albernen Konventionen ertrinkenden Amerika ein Frevel. Die «New York Daily News» nannte ihn «den grössten Clown der NFL». Zudem hatte Jones 2015 kein Problem mit der Verpflichtung von Defensivspieler Greg Hardy, der seine Freundin schlug und mit dem Tod bedrohte. Das Experiment scheiterte, Hardy ist heute professioneller Martial-Arts-Kämpfer, aber zurück blieb der Eindruck, dass ­Jones sich für Respekt vor Frauen so stark nicht interessiert.

Sein zwiespältiger Ruf rührt auch daher, dass er die Organisation wie ein Autokrat führt. Alles ist grösser in Texas, so heisst es, aber nichts ist so gross wie das Ego von Jerry Jones, der die Aufmerksamkeit der Medien liebt – und fast nach jedem Spiel Interviews gibt, was für Teambesitzer in Nordamerika sehr unüblich ist. Ohnehin schert sich Jones nicht um Konventionen – er ist neben Cincinnatis Mike Brown der einzige Mehrheitseigner, der aktiv in sportliche Geschehen eingreift: Bis heute operieren die Cowboys ohne General Manager, weil ­Jones alles selber entscheidet: Transfers, Draftselektionen, die Trainerwahl. Das ist sein gutes Recht, wer zahlt befiehlt, und fraglos versteht der Mann etwas von seinem Metier – er spielte auf Universitätsniveau einst selber ziemlich erfolgreich American Football, bevor er seine ersten Millionen im Ölgeschäft scheffelte.

Das Problem sind die veralteten Strukturen

Doch in der Milliardenliga NFL sind solche Strukturen nicht mehr zeitgemäss, zumal Jones als Geschäftsmann sehr viel erfolgreicher arbeitet denn als Manager. Seine Cowboys sind seit Jahren im Mittelmass gefangen, in den letzten acht Jahren gewann das Team eine einzige Playoff-Partie; die letzte Superbowl-Qualifikation liegt 23 Jahre zurück. In der Verantwortung steht Jones, der bei Spielerakquisen oft daneben griff, und von dem es heisst, er umgebe sich nur mit Ja-Sagern – dem Trainer Jason Garrett beispielsweise.

Nach einer erstaunlichen Renaissance in den letzten Monaten wird im ehemaligen Wilden Westen jedoch gerade wieder sanft vom grossen Wurf geträumt. Trotz schwachem Saisonstart entschieden die Cowboys die sehr schwache NFC-East-Division für sich und empfangen in der Nacht vom Sonntag in der Wild-Card-Runde leicht favorisiert die Seattle Seahawks. Die Stärken der Cowboys liegen in der Defensive, dazu beschäftigen sie mit Ezekiel Elliott den vermutlich besten Running Back der NFL. Jones sagt: «Ich will zurück in die Superbowl, ich will es für alles, wofür ich und diese Organisation stehen.»

Es gibt nicht wenige Menschen im Dunstkreis der NFL, die den Cowboys exakt dafür weitere Jahrzehnte ohne Titel gönnen würden.

NFL-Playoff. Wildcard-Runde. Samstag: Houston Texans – Indianapolis Colts (22.35 Uhr, live auf ProSieben). – Sonntag: Dallas Cowboys – Seattle Seahawks (02.15, ProSieben). Baltimore Ravens – Los Angeles Chargers (19.05, ProSieben Maxx). Chicago Bears – Philadelphia Eagles (22.40, ProSieben).

Bereits für die Divisional-Runde qualifiziert: New England Patriots, Los Angeles Rams, New Orleans Saints, Kansas City Chiefs.

Rassismusfrage neu aufgeflammt

Es sollte niemanden überraschen, dass die wichtigste Profiliga der USA eine launige «Hire-and-Fire»(Anheuern und wieder feuern)-Politik betreibt – wo das Land doch von Donald Trump regiert wird, dessen Leitspruch lange vor «Make America Great Again» noch «You’re Fired!» (du bist entlassen) gelautet hat.

Acht von 32 Teams haben in dieser Saison den Trainer gewechselt, weitere Entlassungen könnten in den nächsten Tagen folgen, und es wäre jetzt einfach, moralisierend über fehlende Geduld zu referieren. Nicht überall trifft das zu, bei den Cincinnati Bengals in keiner Weise. Dort heisst der Trainer nach 16 Jahren nicht mehr Marvin Lewis. Die Amtsdauer von Lewis (60) wird einzig von Bill Belichick bei den New England Patriots überboten, aber zwischen den beiden gibt es feine Unterschiede. Während Belichick die Patriots in 19 Jahren zu fünf Superbowl-Titeln geführt hat, gewannen die Bengals unter Lewis keine einzige Playoff-Partie, was irgendwie auch eine Leistung ist.

Pro-forma-Gespräche für chancenlose Kandidaten

Neben Lewis verloren 2018 vier weitere afroamerikanische Trainer ihre Jobs, was die unablässig schwelende Rassismusdebatte neu hat aufflammen lassen. In einer Liga, die ohne afroamerikanische Spieler nicht existieren könnte – mindestens 70 Prozent der Spieler sind dunkelhäutig –, gibt es nur noch zwei dunkelhäutige Trainer: Mike Tomlin bei den Pittsburgh Steelers und Anthony Lynn bei den Los Angeles Chargers. Es ist ein alter Vorwurf, dass die NFL ein Vehikel ist, in dem weisse Männer alte, wichtige Positionen besetzen und das grosse Geld abkassieren, während Vertreter von Minderheiten ein Dasein als moderne Gladiatoren fristen.

Die NFL hat im Jahr 2003 auf Initiative des damaligen Steelers-Besitzers Dan Rooney eine Regel eingeführt, die besagt, dass Teams bei offenen Management- und Cheftrainerstellen mindestens einen Bewerber einer ethnischen Minderheit interviewen müssen. Ausser Pro-forma-Gesprächen für chancenlose Kandidaten hat das bei aller guten Absicht wenig gebracht. Die Rassismusfrage hat die NFL abermals fest im Griff. (nbe)