Radprofi Stefan Küng: der Rennfahrer als Privatgärtner

Auch Stefan Küng, der WM-Dritte im Radsport, ist wegen des Corona-Virus zu einer Rennpause gezwungen. Jetzt sieht der Thurgauer zu Hause nach dem Rechten.

Daniel Good
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Stefan Küng im Etappenrennen Paris-Nizza im Einsatz. Nun muss er mit einer neuen Situation umgehen.

Stefan Küng im Etappenrennen Paris-Nizza im Einsatz. Nun muss er mit einer neuen Situation umgehen.

Bild: EPA (11. März 2020)
  • Er ist seit Samstagabend wieder daheim in Frauenfeld.
  • Er hat eine harte Vorbereitung hinter sich und ist in Form.
  • Seine bevorzugten Wettkämpfe im Frühling stünden vor der Tür.
  • Aber Velorennen wird er wegen der Ausbreitung des Corona-Virus so bald keine mehr bestreiten.

«Das ist nicht so wichtig. Mich trifft das nicht so sehr. Es gibt ganz andere Probleme. Es geht jetzt nicht um uns Profisportler», sagt Stefan Küng, der Bronzemedaillengewinner an der Strassen-WM 2019 in England.

Er rechnet mit einer Verlängerung der Saison

Er schaut zu Hause zum Garten, «damit er für den Frühling bereit ist». Er hat Blumen gekauft und informiert sich daheim über die Lage. Er hält den nötigen Abstand zu den Mitmenschen und macht sich Gedanken über die mittelfristige Zukunft im professionellen Radsport.

Küng rechnet damit, dass die Saison bis in den November dauern könnte. «Deshalb ist es gar nicht so schlecht, dass ich jetzt schon eine Pause habe. Wir müssen die neuen Gesetzmässigkeiten respektieren, im Sinne der gesamten Gesellschaft.»

300 Meter Distanz zum Publikum

Küng geht nicht davon aus, dass sich in der Bekämpfung der Epidemie eine kurzfristige Lösung ergibt. «Es bringt mir nichts, jetzt siebenstündige Trainingsfahrten zu unternehmen.» Anstecken könne man sich wohl kaum in einem Training, aber er bleibe jetzt zu Hause. Auch Massage und Physiotherapie sind einstweilen nicht vorgesehen.

Die Profis sind nahe am Publikum. Trotzdem wurde Paris–Nizza, das erste wichtige Etappenrennen der Saison, in der vergangenen Woche durchgeführt. Aber mit grossen Sicherheitsvorkehrungen. «Da waren bei der Teampräsentation jeweils 300 Meter Abstand zwischen uns und den Zuschauern. Ich fühlte mich wie in einer Blase.»

Wie in einer Blase

Sonst, sagt Küng, wisse man in einem Etappenrennen kaum, welcher Wochentag anstehe. «Du weisst, dass du heute 160 und morgen 250 Kilometer fahren wirst. Aber diesmal war alles anders. Du verfolgst die News, die das Corona-Virus betreffen, diskutierst im Team und bist auf dem Laufenden.»

Der Thurgauer Radprofi Stefan Küng

Der Thurgauer Radprofi Stefan Küng 

Urs Flueeler / KEYSTONE

Trotz des Ernsts der Lage kam es auch zu Sprüchen: «Jetzt sind wir die einzigen Sportler, die noch im Fernsehen kommen», war im Feld zu hören. Küngs Mannschaft hatte bei Paris–Nizza einen ehemaligen Radprofi dabei, der sich wie an der Tour de France peinlichst genau um die Hygiene kümmerte. Auch die Klimaanlagen der Hotels wurden intensiv geprüft.

Die Organisatoren und Behörden gaben die Zusage

«Wir waren sicher keiner grossen Gefahr ausgesetzt. Wir sind alles junge und gesunde Kerle und werden nicht so schnell krank», so der 26-jährige Küng.

Natürlich gebe es in einer solchen Situation immer Stimmen, die fordern, man hätte nicht starten oder früher abbrechen müssen. Küng sagt: 

«Ich bin aber der Meinung, dass es in Ordnung war, dass wir sieben Etappen gefahren sind. Die Behörden und Organisatoren haben die Zusage gegeben. Das ist doch entscheidend. Wir sind Berufsfahrer und haben Verträge mit den Mannschaften.»

Schliesslich wurde Paris–Nizza doch noch um einen Renntag verkürzt und am Samstag beendet. «Das war gut, denn so kamen trotz der mittlerweile verschärften Einreisebestimmungen noch alle nach Hause. Auch die Amerikaner.» Küng kehrte via Italien im Auto in den Thurgau zurück.

«Nur Weltkriege stoppten die Tour de France»

Mittlerweile stellt sich die Frage, ob auch die Tour de France der Epidemie zum Opfer fällt. Der Start des wichtigsten Velorennens ist auf den 27. Juli in Nizza angesetzt. Heute sind die Organisatoren fest entschlossen, die Rundfahrt durchzuführen. Denn der finanzielle Schaden bei einer Absage wäre wie bei anderen Grossveranstaltungen immens.
Christian Prudhomme, der Chef des Rennens, ist zuversichtlich: «Nur zwei Weltkriege stoppten die Tour de France.» Allerdings könnte die französische Regierung das letzte Wort haben. Die Tour de France wird seit 1903 ausgetragen. In diesem Jahr stünde die 107. Auflage auf dem Programm.
Schon am 7. Juni soll der Start zur 84. Tour de Suisse erfolgen. «Stand heute gehe ich davon aus, dass sie stattfindet», sagte Stefan Küng am Montag. Vorgesehen ist, dass das Rennen mit einem Zeitfahren in Küngs Wohnort Frauenfeld beginnt. (dg)