Beat Forster, der Nimmermüde: «Ich hatte immer meinen eigenen Grind, ich konnte schon stur sein»

Beat Forster aus Herisau hat mit Biel Grosses vor – und der Verteidiger denkt mit bald 37 Jahren nicht an den Rücktritt.

Peter M. Birrer
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Beat Forster, seit 2017 Leistungsträger beim Spitzenclub Biel.

Beat Forster, seit 2017 Leistungsträger beim Spitzenclub Biel.

Bild: Peter Schneider/Keystone

Das Palmarès ist beeindruckend, keine Frage. Der Mann ist mit Davos fünfmal, mit den ZSC Lions einmal Schweizer Eishockeymeister geworden. Er hat 109 Länderspiele bestritten, sechs WM-Turniere erlebt und die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin.

Und wenn alles so läuft, wie er sich das vorstellt, gehört er nächste Saison zum «Club 1000» – zu jener Kategorie Spieler, die es auf 1000 und mehr Spiele in der National League gebracht haben. Er sagt mit einem Schmunzeln:

«Es müssen mehr als 1004 werden, damit ich Reto von Arx hinter mir lasse.»

Beat Forster. 37 wird er am 2. Februar 2020, schon 37. Aber was tut das Alter in seinem Fall zur Sache? Bei einem wie ihm, der getrieben ist von unbän­digem Ehrgeiz? Der beim EHC Biel einen Vertrag bis 2021 besitzt und sich zutraut, darüber hinaus auf höchster Stufe mitzuhalten? Das Tempo drosseln – kein Thema.

Russischer Trainer bei den Davoser Junioren

Die Geschichte von Forster hat ihren Ursprung in Herisau. Dort wächst er auf, dort kommt er als Knirps in Kontakt mit Eishockey – und von diesem Sport nicht mehr los. Mit 16 zieht er fort von daheim, besucht in Davos die Sportmittelschule und lernt im Nachwuchs des HC Davos besonders von einem russischen Trainer bei den Elite-Junioren. «Er brachte uns nicht bei, was Disziplin bedeutet, sondern prägte auch mein Denken, was es heisst, richtig Eishockey zu spielen», sagt Forster, «wenn man spielt, dann richtig.»

Und das heisst: «Wach sein, bereit für alle Eventualitäten auf dem Eis, robust sein, um für Checks des Gegners gewappnet zu sein.»

Die Wette des jungen Forster

Mit 17 Jahren debütiert er unter Trainer Arno Del Curto in der ersten Mannschaft der Davoser, er erhält bald seinen ersten ­Vertrag als Profi, dotiert mit 5000 Franken pro Jahr. Und er profitiert in jungen Jahren von ausländischen Kollegen wie Kevin Miller, einem NHL-gestählten Amerikaner. Forster wiegt 104 Kilo in jener Zeit, er wirkt eher träge, und Miller bietet dem 18-Jährigen eine Wette an. Wenn er vier Kilo innerhalb eines Monats abnehme, bezahle er ihm hundert Franken. Im gegenteiligen Fall sei es an Forster, diesen Betrag zu zahlen.

100 Franken! «Das war für mich damals enorm viel», sagt Forster. Er gibt sich alle Mühe, das Gewicht zu reduzieren, ­zittert jedes Mal, wenn er auf die Waage steigt – aber gewinnt schliesslich.

Als Rookie ist Forster Anhänger der Detroit Red Wings, und er bewundert Steve Yzerman, «weil er sich für das Team aufopfert». Das tut auch der junge Verteidiger: Über allem steht für ihn die Mannschaft. 2001/02 ist die Saison des Durchbruchs. Der Appenzeller Forster bringt die Unerschrockenheit mit, die es dafür braucht. Er geht mit ­aller Konsequenz seinen Weg. «Ich hatte immer meinen eigenen Grind, ich konnte schon stur sein.»

Der Weg in die NHL bleibt ihm versagt

2001 wird er in der dritten Runde von den Phoenix Coyotes an 78. Stelle gedraftet, aber die NHL bleibt ein unerfüllter Traum. Zu mehr als zwei Wochen Sommertraining in Phoenix reicht es ihm nicht. Forsters Bühne bleibt die Schweizer Liga. Aus ihm wird ein kompromissloser Verteidiger, der sich auf dem Eis vor keinem Konflikt scheut, der ein Raubein sein kann, der von den eigenen Fans geliebt, von den gegnerischen aber als Reizfigur betrachtet wird. Er kann gut damit umgehen, dass er polarisiert. 

«Es ist halt nicht lustig, gegen mich zu spielen.»

In all den Jahren sei er zwar ruhiger geworden, aber eines bleibt unverändert: «Wenn ich Präsenz markieren muss, mache ich das schon. Angst kenne ich nicht, auch wenn mir bewusst ist: Vielleicht kommt irgendwann ein Stärkerer», sagt Verteidiger Forster.

Die forsche Ankündigung im Seeland

Im Sommer 2017 wechselt Forster aus den Bündner Bergen ins Berner Seeland zum EHC Biel. Und kaum ist er da, erklärt er öffentlich: «Ich will Meister werden.» Das ist eine forsche Ankündigung, die intern für Aufsehen sorgt. Und den einen oder anderen gar irritiert. Aber so ist Forster schon immer gewesen: geradeaus. Er hat eine Meinung, vertritt sie und lässt sich nicht so schnell beeinflussen. 

«Aber ich bin auch bereit, die Konsequenzen zu tragen.»

Von sich sagt Forster, nicht einmal besonders laut zu sein. Aber wenn er sich zu Wort meldet, kann das in aller Deutlichkeit geschehen wie nach einem Cupspiel 2017 in Olten. Nach dem Sieg jubelten die Spieler mit dem Anhang, aber Forster machte nicht mit. Weil er fand, nach diesem schlechten Auftritt habe die Mannschaft keinen Applaus verdient.

Darum verschwand er wutentbrannt in der Kabine, und als die Kollegen auch da waren, machte er ihnen klar, dass es deplatziert sei, sich für diese Leistung feiern zu lassen.

Diese Saison mit Biel in den Playoff-Final

Der Ostschweizer, der mit seiner Frau und den drei Kindern im solothurnischen Dorf Lohn-­Ammannsegg lebt, fühlt sich wohl bei Biel. Und eben: Er hat Ambitionen. Die erste Etappe ist erreicht, wenn am Ende der Qualifikation sein Club im Teletext grün eingefärbt ist – das heisst, dass Biel wieder im Playoff steht. Und dann? «Wollen wir besser abschneiden als vergangene Saison», sagt Forster.

2018/19 erreichte Biel den Halbfinal und scheiterte dort mit 3:4 Siegen am späteren Meister SC Bern. Eine Verbesserung hiesse demnach: Finaleinzug. «Genau», antwortet Forster, um nachzuschieben: «Aber wenn man einmal da ist, kann es nicht sein, dass man sich damit begnügt. Dann kann es nur ein Ziel geben: den Titel holen.»

Junge Verteidiger ausbilden

Eishockey ist die Welt des Beat Forster, der in der Branche nur «Fösche» gerufen wird. Wenn er eines Tages seine Laufbahn doch beendet, möchte er als Trainer weitermachen. Er hat bereits damit begonnen, junge Verteidiger auszubilden, vor allem im Sommer. Er gibt ihnen Tipps in Sachen Bewegungsabläufe,
er lehrt sie geschicktes Zweikampfverhalten.
Zurückgreifen kann er auf ein gewaltiges Repertoire. «Ich habe die Entwicklung meines Sports hautnah mitbekommen», sagt er, «als ich begann, war vieles noch Hauruck. Das Eishockey ist immer schneller und dynamischer geworden.» Er hat es fertiggebracht, sich den wachsenden Anforderungen anzupassen. «Vielleicht sieht es manchmal nicht sehr elegant aus, wie ich auf dem Eis herumkurve, aber keine Bange: Ich fahre gut und war immer einer der Schnelleren.» Und eben: Einer der Nimmermüden und Unersättlichen. Seine Lust auf Titel wird im Alter nicht kleiner. (pmb)