Für Hürdenläuferin Yasmin Giger muss jetzt der nächste Schritt kommen

Die Hürdenläuferin Yasmin Giger wechselt vom Thurgau nach Zürich – wie einst Kariem Hussein.

Raya Badraun
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Die Ostschweizer Hürdenläuferin Yasmin Giger.

Die Ostschweizer Hürdenläuferin Yasmin Giger. 

Bild: Benjamin Manser (Zürich, 22. November 2019)

Yasmin Giger läuft ins Stadion Letzigrund. Es ist kalt, der Himmel eisblau. Sie schaut auf die Tartanbahn, die leeren Ränge, das geschwungene Dach. «Schon speziell», sagt sie dann. «Hier lief ich als Kind beim UBS Kids Cup, später war ich bei Weltklasse Zürich dabei – und jetzt darf ich an diesem Ort trainieren.» Sie lacht, wie so oft an diesem Nachmittag. Für die 20-jährige Giger hat in diesem Herbst ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Seit einem Monat gehört sie dem LC Zürich an und wird von Trainer Flavio Zberg betreut. «Ich hatte das Gefühl, dass es Zeit ist für eine Veränderung», sagt sie.

Ihre Karriere verlief bisher geradlinig, wie auf Schienen. Als Primarschülerin zog Giger mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder Zaafir vom appenzellischen Schönengrund nach Romanshorn an den See – damit sie die nationale Elitesportschule Thurgau besuchen konnte. Seither trainierte sie bei Werner Dietrich, dem ein besonderes Gespür für Talente nachgesagt wird. «Sie hatte mit Werner den besten Ausbildner», sagt Zberg. «Zusammen gingen sie einen erfolgreichen Weg.» Acht Jahre trainierte sie bei ihm – und sammelte an seiner Seite zahlreiche Medaillen über 400 m Hürden. Sie holte Bronze an der U23-EM und der U20-WM, wurde U20-­Europameisterin und Zweite an der U18-EM. Diesen Sommer schloss sie schliesslich die kaufmännische Ausbildung ab. Es war ihre Chance, etwas Neues zu wagen.

Mehr Teamkollegen, mehr Trainingslager

Trainer Zberg steht im Bauch des Stadions, da wo sich die blaue Sprintanlage befindet. Um ihn herum wärmen sich die Athleten auf. Er hat schon einmal einen Hürdenläufer von Dietrich übernommen: Kariem Hussein, der 2014 in Zürich Europameister über 400 m Hürden wurde. Vergleichen könne man den Weg der beiden allerdings nicht, sagt Zberg. So hatte Hussein, der lange Fussball spielte, damals weit weniger Leichtathletiktrainings in den Beinen. Die Voraussetzungen, die sie mitbringen, seien jedoch ähnlich. Zberg erzählt etwa vom guten Auffassungsvermögen, das Giger hat. Gibt er ihr einen Input, reichen ein, zwei Versuche, bis sie es umsetzen kann. Auch ihr Kampfgeist sei ausgeprägt. «Yasmin ist auf einem speziellen Stand», sagt er dann.

«Sie ist sehr weit, hat aber noch viel Potenzial. Nun muss der nächste Schritt kommen.»

Der Wechsel nach Zürich soll ihr dabei helfen.

Im Letzigrund hat Giger gefunden, was sie gesucht hat: Eine Gruppe, die kompetitiv ist und deren Mitglieder im gleichen Alter sind. Zu ihren neuen Trainingskollegen gehören etwa Hürdenläufer Danny Brand, der an der U23-EM Silber gewann. «So habe ich das Wettkampfgefühl schon im Training», sagt Giger. Auch sonst hat sich für sie vieles verändert. Da sind etwa die Trainingslager. Statt bloss zweimal an die Wärme zu reisen, werden es bis nächsten Frühling vier Aufenthalte in Südafrika und der Türkei sein. Die erste Reise tritt sie noch vor Weihnachten an. Nicht nur das Klima bringt Vorteile. In der Ferne, wo kein anderes Programm ansteht, haben die Athleten mehr Ruhe. Sie können ausschlafen, zur Massage, in die Physio, sich erholen, bewusster essen.

Auch in der Schweiz hat Giger dafür nun etwas mehr Zeit. Sie hat sich dafür entschieden, nach der Lehrabschlussprüfung keine neue Stelle anzunehmen und für den Moment ganz auf den Sport zu setzen. Langweilig wird es ihr jedoch nicht. Um das «Hirn fit zu halten», wie sie sagt, lernt sie für ein Französisch-Diplom. Dazu nutzt sie auch die Zeit im Zug, wenn sie von Romanshorn nach Zürich fährt. Umziehen ist noch kein Thema. «Eine Veränderung reicht mir für den Moment», sagt Giger.

Tokio 2020 als nächstes grosses Ziel

Ein Wechsel braucht Zeit, das betont Giger. Der Trainer muss die Athletin zuerst kennen lernen, die Athletin sich an die neuen Inputs, die neue Umgebung gewöhnen. «Schauen wir einmal, wie ich auf das Training reagiere», sagt Giger und spricht von der EM in Paris im nächsten Jahr als Traum. «Sie ist sehr bescheiden», sagt Zberg. «Doch auch sie weiss, dass ihr Potenzial viel grösser ist.» Das Ziel seien definitiv die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio – und an der EM eine Runde weiter kommen. Doch Zberg betont, dass dies ein mittelfristiges Projekt sei. Kurzfristige Erfolge seien schön, aber sekundär.