Der Meister bleibt sich treu

Mit Borussia Dortmund trifft heute um 20.15 Uhr der deutsche Meister in einem Testspiel in der AFG Arena auf den FC St. Gallen. Noch vor sechs Jahren stand der Champions-League-Sieger von 1997 am Abgrund. Dann kam Jürgen Klopp.

Patricia Loher
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Fussball. Zum Saisonende hätten sie in Dortmund ihr ohnehin beeindruckend grosses Stadion fünfmal füllen können. 396 064 Kartenwünsche waren für das abschliessende Spiel gegen Frankfurt eingegangen. Wegen seiner Borussia stand Dortmund in der vergangenen Saison Kopf. Junge, unbekümmerte Wilde hatten unter einem jungen, unbekümmerten Trainer die Bundesliga aufgemischt und feierten am Ende vor 80 720 Zuschauern den Titel.

In diesen Tagen ist es ein wenig ruhiger um die Mannschaft und ihren Trainer Jürgen Klopp. Seit Sonntag absolviert sie in der Idylle von Bad Ragaz ihr Trainingslager, heute gastiert sie in der AFG Arena für ein Testspiel gegen St. Gallen. Die Saison beginnt für Dortmund am 5. August mit dem Heimspiel gegen den Hamburger SV.

Keine grossen Töne

Grosse Töne werden keine gespuckt: «Wir sind nicht der klassische Titelverteidiger», sagt Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsleitung. Denn Dortmunds erster Meistertitel seit 2002 war eine Überraschung. Der Club stellte eine der jüngsten Mannschaften, welche je die deutsche Meisterschaft gewann. Klopp sagt: «Es geht nicht darum, noch einmal genauso viele Spiele zu gewinnen wie im Vorjahr oder genauso wenige Gegentore zu kassieren. Die Meisterschaft endete mit dem 34. Spieltag, unsere Entwicklung aber nicht.»

Trotzdem war es eine Krönung und der Schlussstrich unter turbulente Jahre. Aus der Not hatten sie im Ruhrpott eine Tugend gemacht und dafür mit Klopp den richtigen Trainer gefunden. In Dortmund ist er so etwas wie der Star. «Wir sind Erster, der Stil, für den ich stehe, gilt als Nonplusultra. Das sind Bewertungen von aussen, völlig uninteressant. Wichtig ist, dass man eine Gruppe lebendig hält», sagte er in einem Interview. Klopp hauchte dem Club aus Westfalen wieder Leben ein, dank seiner bodenständigen Art, seiner kernigen Aussagen – und natürlich dank des Erfolgs. Denn noch 2005 stand die Borussia am Abgrund. Es war ein Kraftakt, die Gläubiger davon zu überzeugen, den hochverschuldeten Club nicht fallen zu lassen. Der Aufschwung begann, als Klopp vor drei Jahren aus Mainz nach Dortmund kam. Der Club, 1997 unter Ottmar Hitzfeld noch Champions-League-Sieger, konnte nach wie vor nicht mit der grossen Kelle anrühren. Klopp, der nie in der Bundesliga spielte, hatte sich wegen seines guten Auges für talentierte Spieler bereits in Mainz einen Namen gemacht.

Kostenloses Trainingslager

In der vergangenen Saison formte der 44jährige Trainer aus jungen Akteuren wie Mats Hummels, Kevin Grosskreutz oder Mario Götze Nationalspieler. Auch Shinji Kagawa oder Nuri Sahin stehen für das hervorragende Näschen und die gute Nachwuchsarbeit des Vereins. Kagawa kam als unbekannter Spieler aus Japan nach Dortmund und avancierte in der Bundesliga zu einer Attraktion. Sahin, der mit Ausnahme einer Saison seit 2001 stets für Dortmund spielte und nach der Meisterschaft von seinen Kollegen der Bundesliga zum besten Akteur der Saison gewählt wurde, wechselte zuletzt für zehn Millionen Euro zu Real Madrid.

Wirklich aufgewirbelt hat Dortmund den Transfermarkt trotz der bald fliessenden Champions-League-Millionen auch in den vergangenen Wochen nicht. Die neuen Spieler wie Ivan Perisic aus Brügge oder Ilkay Gündogan aus Nürnberg sind 22- und 20jährig. Hinzu kommen Zuzüge aus dem Nachwuchs oder aus unteren Ligen. Das einwöchige Trainingslager im Nobel-Hotel in Bad Ragaz kostet die 46köpfige Delegation nichts: Organisiert und finanziert hat den Aufenthalt eine internationale Sportagentur mit Sitz in Winterthur. Die Dortmunder bleiben sich also treu, was der Identifikation nicht unbedingt schadet. Am Samstag hatten sie in Grenchen, wo die Mannschaft gegen den FC Zürich ein Testspiel bestritt, ein Fanartikel-Mobil aufgestellt. «Es war am Ende leergeräumt», so der Verantwortliche.