Der letzte Akt des «Rattenrennens»

Die verhafteten südamerikanischen Verbandspräsidenten üben sich in einer Disziplin, die Juristen und Ermittler gerne als «Rattenrennen» bezeichnen. Derjenige, der zuerst auspackt, kann in seiner scheinbar ausweglosen Situation noch das beste Strafmass für sich herausholen.

Tobias Käufer/Bogotá
Drucken
Teilen

FUSSBALL. Das Geständnis des ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Eugenio Figueredo beweist, dass das «Rattenrennen» bereits in vollem Gange ist. Der Uruguayer hat einige Monate in Untersuchungshaft gebraucht, um für sich zu erkennen, dass es aus der Zelle in der Schweiz nur noch einen Ausweg mehr gibt: Das Geständnis. Über die Weihnachtstage wurde der inzwischen 83jährige, langjährige Spitzenfunktionär des südamerikanischen Fussballverbandes Conmebol in seine Heimat Uruguay ausgeliefert.

In Montevideo machte Figueredo reinen Tisch und belastete auch seine ehemaligen Mitstreiter. Zehn Präsidenten nationaler Fussballverbände in Südamerika sollen Bestechungsgelder kassiert haben. Ein Verbund, der in seiner Struktur an mächtige Drogenkartelle erinnert. Wer hier mit am Conmebol-Tisch sass, kassierte ab, wenn es um TV-Rechte und Vermarktung ging. Eine Art Geheimbund der mächtigsten Männer des südamerikanischen Fussballs, die den Markt im Stile einer Mafia-Organisation unter sich aufteilten.

Erpressung in Uruguay?

Figueredos Aussagen dürften für die US-Justiz Gold wert sein, er ist der bislang ranghöchste Funktionär, der sein Wissen aus dem Schattenreich des Fussballs den Behörden anvertraute. Und damit andere, weniger redselige Verbandspräsidenten in die Defensive drängt. Interessant sind Figueredos Aussagen auch deshalb, weil sie nicht nur eine südamerikanische Dimension haben, sondern auch noch eine Hierarchiestufe hinunter reichen. Gorka Villar, Mitglied im 15köpfigen Fifa-Reformkomitee und Sohn von Fifa-Vizepräsident Angel Maria Villar, soll uruguayische Vereine erpresst haben, die sich durch die Korruption bei TV-Rechten um Einnahmen betrogen fühlten. Vor zwei Jahren drohte ihnen Villar, inzwischen Generaldirektor des südamerikanischen Fussballverbandes, mit dem Ausschluss aus dem Wettbewerb, sollten sie ihre Anzeige nicht zurückziehen. Der Fall zeigt: Die Korruption und die kriminelle Energie, mit denen die südamerikanischen Verbandspräsidenten vorgingen, wurden von Generation zu Generation und von einer Ebene auf die andere übertragen.

Die Hinweise von Bedoya

Luis Bedoya hat sich dagegen vergleichsweise früh entschieden, zu gestehen. Der ehemalige Präsident des Kolumbianischen Fussball-Verbandes schrieb vor ein paar Wochen seinen Mitarbeitern einen Brief und erklärte seinen Rücktritt. Da hatten ihm die US-Ermittler schon offenbart, in welch aussichtsloser Lage er sich befindet. Bedoya, damals noch nicht verhaftet, erkannte, dass das Spiel aus war. Er begann auszupacken.

Seine Aussagen waren offenbar so stichhaltig und umfangreich, dass Bedoya nicht nur auf eine Art «Kronzeugenregelung» hoffen darf, die sein Strafmass mindert. Er lieferte auch weitere Hinweise auf das Korruptionsnetzwerk, das die Spitzenfunktionäre des Conmebol zu Multimillionären machte.

«Lieber ein Grab in Kolumbien»

Nahezu alle von der US-Justiz verdächtigten lateinamerikanischen Funktionäre verfolgen das gleiche Verhaltensmuster, das von südamerikanischen Drogenbossen bekannt ist und welches auf der überlieferten Aussage des 1993 erschossenen Drogenbarons Pablo Escobar basiert: «Lieber ein Grab in Kolumbien, als eine Zelle in den USA.» Escobar hatte schon damals erkannt, dass seine Chancen deutlich besser sind, bleibt er in seiner Heimat. Mit den Geldern aus dem Drogenhandel sind einheimische Richter, Staatsanwälte und lokale Politiker leichter zu bestechen als in den USA. Deswegen wehren sich nahezu alle südamerikanischen Bosse gegen eine Auslieferung in die Vereinigten Staaten. Auch Figueredo wird nun versuchen, in seiner Heimat alle Register zu ziehen, um seiner Auslieferung in die USA zu entgehen.

Aktuelle Nachrichten