Der Läufer wird reifer

Kristian Nushi ist im Hoch. Zum kämpferischen Spiel des Kosovaren beim FC St. Gallen ist zuletzt Entscheidendes dazugekommen: Übersicht, Assists, Torgefahr. Auch in der heutigen Partie gegen Lausanne dürfte er zur Stammelf gehören.

Ralf Streule
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«Die Aussagen der Kritiker haben mich nie gestört»: Kristian Nushi, hier im Spiel gegen Servette. (Bild: EQ Images/Daniel Mitchell)

«Die Aussagen der Kritiker haben mich nie gestört»: Kristian Nushi, hier im Spiel gegen Servette. (Bild: EQ Images/Daniel Mitchell)

FUSSBALL. Es sind zwei Welten. Dort der Kristian Nushi der vergangenen Saisons: oft angeschlagen, bei seinen Einsätzen zwar einsatzfreudig, aber selten mit Aktionen, die ein Spiel entschieden hätten. Und hier der Kristian Nushi der vergangenen Tage. Plötzlich überzeugt der Kosovare beim FC St. Gallen nicht nur mit seinem Laufpensum, sondern auch mit Zählbarem: Vier Assists und ein Tor sind ihm in den vergangenen Spielen gelungen, seit vier Partien ist er wieder Stammspieler. Voraussichtlich wird der linke Mittelfeldspieler auch heute abend in Lausanne von Anfang an auf dem Feld stehen.

Geht's so weiter? «Holz aalange!», sagt der bald 31-Jährige und klopft sachte auf den Holztisch. Nach zehn Jahren in der Schweiz ist er des Dialekts problemlos mächtig – gebrochen, aber fliessend.

Zeigt Trainergespräch Wirkung?

Einfache Erklärungen für den auffallenden Schritt nach vorne gibt es keine, jedoch mehrere Ansätze: Einer davon stammt von Trainer Jeff Saibene. In einem längeren Gespräch vor fünf Wochen habe er Nushi klargemacht, dass er zwingend eine Wende herbeiführen müsse. Das Laufpensum reiche nicht, er müsse offensiver werden und zu einem Schlüsselspieler heranwachsen. Wie aus dem Nichts habe Nushi seine Forderung erfüllt.

Nushi selber spricht nicht von einem eigentlichen Wendepunkt. Wie er auch die momentane Phase nicht als beste seiner Karriere bewertet: Schon bei Wil, wo er 2004 Cupsieger wurde, und während der Zeit in Aarau 2007 bis 2009 habe er gute Phasen gehabt. Dass seine derzeitige Leistung so hoch eingeschätzt werde, habe wohl mit dem harzigen Saisonstart, der Schulterverletzung im Herbst und einer Schienbeinentzündung im Winter zu tun. «Zuvor hatte ich ebenfalls gute Spiele gezeigt.»

Eine Aussage, die viele Kritiker Nushis nicht so stehen lassen würden. Vorgeworfen wurde ihm nebst fehlender Effizienz in der Vergangenheit oft seine teils übermotivierte Art auf dem Feld. In der Challenge-League-Saison wurde er zweimal vom Platz gestellt, als er Schiedsrichterentscheidungen nicht akzeptieren wollte.

Nushi bleibt Stimmungsspieler

Diese Seite Nushis kontrastiert mit seinem herzlichen Auftreten neben dem Platz. Als beliebte Frohnatur sei er im Team bekannt, sagt Saibene. Und als ehrlicher, geradliniger Mensch, der wichtig für die Stimmung im Club sei. Nushis Aggressivität auf dem Spielfeld sei sehr wichtig, sofern er sie in positive Bahnen lenke.

Dennoch ist ihm seine Emotionalität vor zwei Wochen wieder zum Verhängnis geworden. Kurz nach seiner gefühlvollen Vorlage zum 1:0 gegen Basel leitete er mit einem übermütigen Absatztrick den Basler Ausgleich ein. Darauf angesprochen, schmunzelt er, will aber nichts beschönigen: «Ich fühlte mich wohl plötzlich zu selbstbewusst.»

Familie macht ihn abgeklärter

Dass er von Kritikern einst als nicht Super-League-tauglich bezeichnet worden sei, habe ihn nicht gestört, sagt Nushi. Solche Bewertungen nehme er kaum wahr. «Ich konzentriere mich auf mein Spiel. Du kommst sonst nicht vorwärts.» Dennoch sei er selbstkritisch. Jede seiner Partien schaue er sich am Tag darauf mindestens zweimal an und ziehe daraus seine Schlüsse.

Nushi bezeichnet sich als «abgeklärter als früher». Was wohl mit der Stabilität des Teams, aber auch mit seiner familiären Situation zu tun habe. Nushi ist Vater einer dreijährigen Tochter und eines einjährigen Sohns. Die neue Rolle habe ihn auch sesshafter gemacht. «Aus St. Gallen bringt mich nicht so schnell etwas weg. Da müsste schon ein Top-Angebot kommen», sagt Nushi lachend. Sein Vertrag läuft noch bis 2014. Wenn Nushi weiter Fortschritte macht, gibt es wohl keinen Grund, diesen nicht zu verlängern.