James Harden ist der König der Dribbler

Der Basketballer James Harden dribbelt sich in der NBA von Rekord zu Rekord. Der Teamkollege des Genfers Clint Capela definiert offensive Brillanz gerade neu.

Nicola Berger
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«Fürchtet den Bart»: Houston-Star James Harden. (Bild: Chuck Burton/AP (17. Februar))

«Fürchtet den Bart»: Houston-Star James Harden. (Bild: Chuck Burton/AP (17. Februar))

Es ist ratsam, vorsichtig zu sein, wenn es in Nordamerika um Superlative geht. Gerade im Milliardengeschäft des Profisports, wo Überhöhungen zur Tagesordnung gehören, weil das gut ist fürs Geschäft. Und doch lohnt es sich, Daryl Morey zuzuhören. Der General Manager der Houston Rockets sagt: «Man könnte argumentieren, dass James Harden der beste Offensivspieler in der Geschichte des Basketballs ist.»

Grosse Worte, ja, aber ihnen sind ja auch grosse Taten vorausgegangen. Von James Harden (29), aufgewachsen als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Compton, Kalifornien, diesem düsteren Vorort von Los Angeles, berühmt für Kriminalität und Rapper. Harden lebte in einem Wohnwagen und schaffte es aus dem Problembezirk in die Elite der USA, sportlich wie finanziell: Harden verdient in dieser Saison mehr als 30 Millionen Dollar.

Hardens Markenzeichen war lange sein unverkennbarer Bart, man kann in Houston Imitate davon kaufen; Fans kleben sich die Kopien bei Heimspielen ins Gesicht, um dem Star zu huldigen – der Leitspruch lautet: «Fear the Beard», fürchtet den Bart, und Houstons Widersacher tun das fraglos. Denn Harden ist: Aktueller NBA-Topskorer, All-Star, im Vorjahr wurde er zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt.

Gerade hat Harden in 31 Partien in Folge mindestens 30 Punkte erzielt, es ist ein Fabelwert, wie ihn die NBA in der Moderne noch nicht gesehen hat. Zuletzt gelang Wilt Chamberlain 1962 eine solche Serie.

«Es ist lächerlich, wie gut er ist»

Harden ist in Houston unter Trainer Mike D’Antoni zu einer Art Alleinunterhalter aufgestiegen. Harden scheint über unerschöpfliche Energie zu verfügen: Er dribbelt und dribbelt, wirft und wirft, skort und skort. Niemand scheint ihn stoppen zu können, beziehungsweise schon, aber nur mit Fouls. D’Antoni, der Coach, sagt: «Er dominiert Abend für Abend. Es ist lächerlich, wie gut er ist.»

Hardens Brillanz ist auch darin begründet, dass er in der NBA eine Anomalie darstellt. Es gibt viele Profis, die sich ohne Unterbruch inszenieren, die Liga ist eine gewaltige Unterhaltungsmaschinerie, angeboten wird Drama rund um die Uhr. Harden entzieht sich diesen Tendenzen, auch wenn er vor ein paar Jahren einmal mit Khloe Kardashian liiert war. Zu «Sports Illustrated» sagte er einmal: «Ich brauche keine Bilder von mir, wie ich ein Auto steuere. Wen interessiert das? Was spielt es für eine Rolle, wo ich esse und welche Schuhe ich trage?»

Hardens Hingabe, das ist die Hoffnung, soll irgendwann in einem Titel zinsen. Im Vorjahr kam Harden dem grossen Wurf sehr nahe, doch die Rockets vermochten eine 3:2-Führung im Western Conference Final gegen die Golden State Warriors nicht zu verteidigen. Das Fehlen eines Titels bleibt der Schönheitsfehler in seinem Lebenslauf. Auch Michael Jordan, der beste Basketballer aller Zeiten, rief das in ­Erinnerung. «Sechs Meistertitel sind schwieriger zu erreichen als Hardens Skoringserie», sagte Jordan. Er wollte es als Witz verstanden haben, doch bei allen Superlativen, mit denen Harden gerade überhäuft wird, klang Jordan wie die Stimme der Vernunft.

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